Trümmer einer verlorenen Idee

Vor zwanzig Jahren ging der Krieg in Bosnien zu Ende. In den Ruinen hat Lara Ciara­bellini nach dem alten Jugo­slawien gesucht.

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Sie hätte es sich auch einfacher machen und bloss die entleerten Dörfer zeigen können, die Einschusslöcher in den Mauern, die gesprengten Moscheen. Schliesslich sieht man sie noch überall, die Spuren des Kriegs in Bosnien. Aber Lara Ciarabellini hat eine Schicht tiefer geschürft: Die italienische Fotografin hat nach dem Erbe des alten Jugoslawien gesucht, nach den Zeugnissen ­jenes Vielvölkerstaats, dem es gelun­gen war, eine gemeinsame nationale Identität zu schaffen, über alle Unterschiede von Ethnie und Religion hinweg.

Zum Beispiel das Monument von Makljen, gewidmet dem Wider­stands­kampf der anti­faschistischen Partisanen, oder der Park von Vraca, eine Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs in der Stadt Sarajevo – hier zeigt sich, wie jenes Jugoslawien «Einheit und Brüderlichkeit» beschworen hat: mit der gemeinsamen Erinnerung an einen früheren Konflikt. Hier zeigt sich aber auch, wie diese Erinnerung im Krieg von 1992 bis 1995 vernichtet wurde: In Mak­ljen sind nur noch Trümmer übrig, und der Park von Vraca, seither verwahrlost, diente den serbischen Belagerern als Stellung zur Beschiessung Sara­jevos. So sind Ciarabellinis Bilder nicht nur Dokumente einer historischen Topografie, sondern auch Sinnbilder einer untergegangenen Idee.

Umso gespenstischer steht das Jugendkulturzentrum OKC Abrasevic in der Nacht von Mostar, errichtet auf der Frontlinie, die die Stadt zwischen bosnischen Muslimen und bosnischen Kroaten trennte. Das tut sie immer noch, obwohl der Vertrag von Dayton im November 1995 den Krieg beendete. Doch in Dayton wurden die im Krieg geschaffenen Fakten anerkannt und jene ethnischen Spaltungen zementiert, die Bosnien-Herzegowina seither lähmen. Auch davon erzählen diese Bilder: Ciarabellini zeigt ein Land, das leblos zwischen gestern und heute fest­gefroren ist.

Lara Ciarabellini: Somnambulism. Kehrer, Heidelberg 2015. 144 Seiten, 86 Abbildungen, etwa 49 Franken. (Der Bund)

Erstellt: 14.11.2015, 10:09 Uhr

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