Suters neuer Held schwänzt das Leben und klaut Libellen

Am Dienstag erscheint der neue Roman von Bestsellerautor Martin Suter. «Allmen und die Libellen» ist die erste Folge einer Krimiserie. Und tatsächlich: Die «Libellen» sind wie ein guter «Tatort», nur ohne Polizisten. Und auf den Punkt formuliert, wie immer bei Suter.

In aller Munde: Martin Suter ist mit seinen Geschichten omnipräsent. Morgen nun erscheint der erste Teil seiner ersten Krimiserie.

In aller Munde: Martin Suter ist mit seinen Geschichten omnipräsent. Morgen nun erscheint der erste Teil seiner ersten Krimiserie.

(Bild: Felix Gerber)

Er heisst eigentlich von Allmen, Hans Fritz von Allmen. Nicht unbedingt der passende Name für einen Gentleman, findet der Held in Martin Suters neuem Buch «Allmen und die Libellen». Mittels amtlicher Umtaufung in Johann Friedrich nimmt er ihm deshalb den «bäurischen Geruch» und nennt sich fortan Johann Friedrich Allmen. Der Verzicht aufs «von» ist für ihn eine «republikanische Geste».

Und Johann Friedrich Allmen ist wirklich ein Gentleman, ein grosszügiger und gebildeter, ein weit gereister und friedliebender Gentleman gar – ein bisschen wie Adrian Weynfeldt, der Hauptdarsteller in Suters vorletztem Roman «Der letzte Weynfeldt». Allmen spricht fliessend Schweizerdeutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. Auf Russisch und Schwedisch kann er sich unterhalten. Er ist stets freundlich und zuvorkommend. Dem Kellner in seinem Stammcafé, dem Viennois, gibt er jeweils eine Zehnernote Trinkgeld.

Die Privilegien des Privatiers

Dummerweise aber hat Allmen vom früh verstorbenen Vater zwar das Millionenvermögen geerbt, nicht aber die Umsicht und den Geldverstand. Innert weniger Jahre verprasst Allmen beinahe das gesamte Geld der Familie. Statt wie früher in der protzigen Villa seines Vaters lebt er heute im dazugehörenden Gärtnerhaus. Immerhin geniesst er noch die Privilegien eines Privatiers: «Zu schlafen, wenn der Rest des Landes einer nützlichen Tätigkeit nachging, verschaffte Allmen ein Glücksgefühl, das er sonst nur vom Schulschwänzen her kannte. Er nannte es Lebenschwänzen.»

Schwänzen ist zwar schön, aber Allmen plagen auch ernste Sorgen. Er hat überall «offene Posten, Ausstände, Saldi, Pendenzen» und muss immer öfter das Geschäft eines diskreten Antiquitätenhändlers aufsuchen und dort Mobiliar aller Art verhökern, um seine Gläubiger mit Anzahlungen hinzuhalten. Am Anfang sind es Stücke aus der eigenen Sammlung, später kommen immer mehr dazu, über deren Herkunft ein Gentleman besser schweigt: Allmen klaut sie in anderen Antiquitätengeschäften, und er tut auch das wie ein Gentleman. Mit dem Kauf eines anderen Objekts lenkt er die Verkäufer ab, dann sackt er Vasen und anderes aus grauer Vorzeit ein.

Verschnaufen geht nicht

Nach einem alkoholgeschwängerten Opernabend mit einer Dame namens Jojo passiert es dann: Allmen landet in der riesigen Villa von Jojos Vater. Zuerst macht er Bekanntschaft mit dem sexuellen Heisshunger von Jojo, später mit der Antiquitätensammlung des Herrn Papa. Er entdeckt fünf Jugendstilschalen mit Libellenmotiven. Und natürlich, Allmen klaut sie.

Damit nimmt das neue Werk von Martin Suter Fahrt auf. Plötzlich liegt der Antiquitätenhändler tot in seinem Geschäft, sein Gesicht «eine Fratze aus gestocktem Blut». Plötzlich wird Allmen durch das Fenster seines Hauses beschossen. Plötzlich werden Allmen und sein langjähriges Mädchen für alles namens Carlos zu einer Art verbrecherischem Ermittlerduo. Und plötzlich steigt die Spannung. Verschnaufen geht nun bis zum Ende der Geschichte nicht mehr. «Allmen und die Libellen» ist ein bisschen wie ein guter «Tatort», nur ohne Polizisten.

Und natürlich geschliffen und auf den Punkt formuliert, wie immer bei Suter, der derzeit auch mit dem Geri-Weibel-Singspiel und der Verfilmung seines Romans «Small World» Schlagzeilen macht. Kein Adjektiv ist zu viel, kein Satz zu lang. Und wie in «Small World» oder «Der Koch» fasziniert der Autor mit seiner Gabe, Menschen, Dinge und Situationen in einfachsten Worten mit dem Höchstmass an Präzision zu beschreiben.

Fortsetzung folgt

Jeder seiner Romane sei eine Hommage an eine literarische Gattung, sagt Martin Suter, «Allmen und die Libellen» eine an den Serienkrimi. Und so sind bereits zwei weitere Fälle für Allmen und Carlos in Planung.

Und auch wenn sich am Schluss der «Libellen» wie schon beim «letzten Weynfeldt» die ganze Story ein bisschen gar glatt auflöst, sind das wunderbare Aussichten für die Schweizer Unterhaltungsliteratur.

Martin Suter: Allmen und die Libellen, Roman, Diogenes, 195 Seiten.

Berner Zeitung

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