Superman mit Anzug und Krawatte

Mit «Superman» hat der in Bern lebende Freiburger Gion Capeder einen meisterhaften Comic­roman über einen erfolgs- und sexsüchtigen Mann geschaffen. Sowohl die Zeichnungen als auch die Story sind auf höchstem Niveau überzeugend.

Seine Tochter zeichnet ihn als Superman: In Wahrheit ist Chris ein überforderter Karrieremacho, der die Kontrolle über sich selbst verliert.

Seine Tochter zeichnet ihn als Superman: In Wahrheit ist Chris ein überforderter Karrieremacho, der die Kontrolle über sich selbst verliert. Bild: zvg

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Der rote Titelschriftzug «Superman» verläuft genau über das geschlossene Auge des Mannes, den man im Profil sieht und der ­seinen Kopf erschöpft oder migränegeplagt mit der Hand aufstützt. Die Coverillustration widerspricht dem Titel so sehr, dass man schon ahnt, es könnte sich um die Geschichte eines Mannes handeln, der sich auf der Jagd nach der nächsten Sprosse auf der Karriereleiter selbst über­fordert.

Reduzierte Bilder

Tatsächlich erzählt der in Bern lebende Zeichner und Autor Gion Capeder in etwa diese Geschichte. Doch wie er das tut, ist schlicht grossartig. Die Bilder wirken trotz ihrer starken Reduktion detailreich und trotz ihrer unterkühlten Art stimmungsvoll. Alles ist exakt komponiert, klar, übersichtlich. Im Mittelpunkt steht der Projektleiter Chris. Er ist verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Ehrgeizig peilt er die Beförderung an, riskiert aber immer wieder neue Seitensprünge während der Arbeitszeit.

Chris eifert mit Haut und Haar dem Klischee des modernen Geschäftsmannes nach, der Karriere, Familie und Mätressen so souverän jongliert wie Superman die Bösewichte. Nur dass Chris eben nicht souverän ist, sondern sich immer mehr entgleitet. Das macht ihn wütend. Immer öfter hat er Gewaltfantasien, die Gion Capeder als schnell hingeworfene Skizzen einstreut. Der Stilbruch ist frappant. Zudem erinnern die simplen Strichmännchen an die Kinderzeichnung von Chris’ Tochter, die ihn im Superman-Kostüm zeigt und in seinem Büro hängt.

Überraschend stimmig

Was einem anderen Zeichner leicht als überdeutliche Symbole ausgelegt werden könnte, wirkt bei Gion Capeder überraschend stimmig. Und die tausendfach erzählte Geschichte vom Karrieremacho, der auch durch mehr Geld und mehr Sex nicht glücklicher wird, wirkt durch die stilsicheren Comicszenen erfrischend neu.

Chris eifert dem Klischee des modernen Geschäftsmannes nach, der Karriere, Familie und Mätressen so souverän jongliert wie Superman die Bösewichte.

Okay, es ist nicht unbedingt ori­ginell, Chris’ Leere mit grauem Beton und sein fehlendes Glücksgefühl mit grünen Stadtbäumen zu verdeutlichen. Aber der eigentliche Clou ist auch hier wieder ein vielsagender Stilbruch: Das Linienwirrwarr, das die Laubbäume darstellt, kon­trastiert nämlich hart mit den schnurgeraden Linien der Stadtfluchten. Mittendrin Chris, geradegebogen, konform noch in seinen Ausbruchsversuchen.

Ein Meisterwerk

«Superman» ist ein Comicroman, bei dem es sich lohnt, die Bilder genauso konzentriert zu lesen wie den Text. Doch selbst wer das konsequent tut, dürfte vom Ende überrascht werden. Deshalb ist diese Geschichte eines überforderten Mannes ein Meisterwerk.

Das Linienwirrwarr, das die Laubbäume darstellt, kontrastiert hart mit den schnur­geraden Linien der Stadtfluchten.

Gion Capeder: «Superman», Edition Moderne, Zürich, 117 Seiten. Gion Capeder signiert seinen neuen Comic am Samstag, 28. Oktober, von 14 bis 16 Uhr in der Buchhandlung Stauffacher, Bern, Comicabteilung im 3. OG West. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.10.2017, 13:08 Uhr

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