Solschenizyns verlorene Jahre in der Schweiz

Er kam als Held und ging leise: Nach seiner Ausbürgerung lebte der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn in Zürich.

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Der Schnellzug mit Solschenizyn traf am 15. Februar 1974 kurz vor 16 Uhr aus Basel kommend im Hauptbahnhof ein. Im hintersten Wagen sass der Schriftsteller in einem streng bewachten Coupé mit dem Zürcher Rechtsanwalt Fritz Heeb und einer Übersetzerin aus Wien; im zweithintersten Wagen ein Rudel Journalisten, denen eine Handvoll Polizisten den Weg zu Solschenizyns Abteil versperrten.

Fast 3000 Menschen erwarteten den Dichter. Im Hauptbahnhof herrschte eine an Hysterie grenzende Begeisterung. Der «Tages-Anzeiger» schrieb, der ausgebürgerte Russe habe an diesem Tag «den ersten Kreis der Hölle der schweizerischen und westlichen Publizität» betreten. Tatsächlich hatte die Polizei Mühe, dem Verfasser des «Archipel Gulag» einen Weg zu einem schwarzen Mercedes zu bahnen, der alsbald Richtung Sihlpost entschwand.

Die Fahrt ging zunächst zur Privatwohnung von Rechtsanwalt Fritz Heeb, der Solschenizyns publizistische Interessen im Ausland seit 1969 vertrat. Heeb war damals SP-Kantonsrat und Kassationsrichter. Seine Tochter Jenny erinnert sich nur ungern an den Neuankömmling: «Er ist so plötzlich in unser Familienleben eingedrungen – eine furchtbare Geschichte.» Die elterliche 5-Zimmer-Wohnung in Oerlikon sei von in- und ausländischen Journalisten während Tagen belagert worden, erzählt ihr Bruder Herbert: «Die Reporter fragten sogar den Milchmann, ob er etwas in Erfahrung bringen könne.»

Mit dem Gast ins Kino

Sein Vater sei eher zufällig zum Mandat gekommen – über einen Kontakt mit der Wiener Übersetzerin von Solschenizyns Büchern. Den Dichter hat er als «beeindruckende, zuweilen auch liebenswürdige Persönlichkeit» in Erinnerung. Er sei sich «seiner Bedeutung und Wirkung aber jederzeit sehr bewusst gewesen», was auch zwiespältige Gefühle ausgelöst habe.

Die Familie Heeb kümmerte sich wochenlang intensiv um den berühmten Gast. Man ging mit ihm ins Kino, wo gerade die Verfilmung eines seiner Bücher gezeigt wurde, und machte Ausflüge, wobei ihn die Passanten oft erkannten und freudig begrüssten. «Ihm war vor allem der Wohlstand der Schweiz ein Rätsel», erzählt Herbert Heeb, «denn er empfand die Schweiz als Land ohne Industrie.»

In Sigmund Widmers Ferienhaus

Schon am ersten Abend fand sich der damalige Stadtpräsident Sigmund Widmer (LdU) in der Oerliker Wohnung ein. Er sorgte dafür, dass Solschenizyn in eine städtische Liegenschaft an der Stapferstrasse 45 im Quartier Oberstrass einziehen konnte, wo ihn die Reporter allerdings auch nicht in Ruhe liessen.

Helmut Stalder ging damals im nahen Scherr-Schulhaus in die 2. Klasse, heute ist er Redaktor beim «Tages-Anzeiger». Er erinnert sich, «wie für uns Kinder damals der Kalte Krieg zum Thema wurde». Die Eltern sprachen daheim vom «Flüchtling» Solschenizyn und seinem Mut, im bösen Russland trotz Bedrohung die Wahrheit zu schreiben. «Wir Kinder machten oft einen Umweg, um einen Blick in den Garten der Villa zu werfen», sagt Stalder. Als die Medien aufsässig blieben, brachten ältere Schüler Transparente am Gartenzaun an: «Ruhe für Solschenizyn!»

Sigmund Widmer bot dem Dichter an, in sein Ferienhaus in Sternenberg auszuweichen. «Zwei Monate lebte und arbeitete er dort», erinnert sich Widmers Witwe Elisabeth, «und es hat ihm sehr gefallen, denn die Gegend, so hat er mir gesagt, erinnere ihn an seine Heimat im Kaukasus.» Elisabeth Widmer erzählt, wie sie und ihr Mann zusammen mit «Soli», wie sie ihn nannten, das Kloster Einsiedeln besuchten. Wie er – «fröhlich und heiter» – unter einem Baum vor dem Haus in Sternenberg geschrieben habe. Wie er auf einem Bauernhof jeden Tag Eier und Milch holte «und sich mit der Bäuerin gut verstand». Peter Kaul, schon damals Lehrer in Sternenberg und Widmers Nachbar, hat das anders in Erinnerung: «Wir haben ihn nie gesehen, er hat sich abgekapselt und war in unserem Dorf kein Thema.»

Während Elisabeth Widmer, die eigens ein paar Brocken Russisch lernte, mit Solschenizyns munteren kleinen Kindern durch Zürich spazierte, besuchte dieser mit dem damaligen NZZ-Chefredaktor Fred Luchsinger eine Landsgemeinde in Appenzell, die elf Bürgerrechtsgesuche ohne Begründung ablehnte. Solschenizyn begeisterte das: «Alles ohne Reporter und ohne Anhörung im Senat – so ist es gut.»

Flucht vor KGB und Fremdenpolizei Zum schnellen Abgang Solschenizyns mag beigetragen haben, dass die Zürcher Fremdenpolizei ihn aufforderte, für jede Pressekonferenz eine amtliche Bewilligung einzuholen. Dass er sich von Agenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB bedroht fühlte. Dass ihm die US-Ehrenbürgerschaft verliehen wurde und er seine Kinder englischsprachig aufwachsen sehen wollte. Im August 1976 verliess er Zürich wesentlich leiser, als er gekommen war. Später verzichtete das Steueramt dann auch noch auf eine voreilig erhobene Forderung von 3,8 Millionen Franken. ()

Erstellt: 05.08.2008, 11:45 Uhr

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