«Rilke war kein Hungerleider»

Interview

Der Dichter Rainer Maria Rilke lebte während Jahren in der Schweiz, heute wird in Siders ein Festival zu seinen Ehren eröffnet. Literatur-Professor Wolfram Groddeck über das Faszinosum Rilke.

  • loading indicator
Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Herr Groddeck, was hat uns Rilke heute noch zu sagen? Die artistische Vollkommenheit der Rilke-Gedichte ist zeitlos und kann bis heute faszinieren. Dabei schwankt Rilke durchaus zwischen Kunstgewerblichem wie dem «Panther» zum Beispiel und radikal moderner Kunst wie den «Sonetten an Orpheus». Die unbeirrte Konsequenz von Rilkes dichterischer Entwicklung erstaunt immer wieder.

Ist uns Rilke thematisch noch nahe? Da würde ich vorsichtig sein, wie immer wenn Autoren sich als Lebensberater anbieten (lacht): Rilke hatte einen ausgeprägten Hang zur Lebenssinnstiftung. Das bekannteste Beispiel ist vielleicht das Sonett «Archaïscher Torso Apollos», dessen letzte Zeile ja bekanntlich lautet: «Du musst dein Leben ändern.» Eher erschreckend hingegen ist Rilkes späte Sympathie für den italienischen Faschismus.

In Siders beginnt heute das Rilke-Festival. Welche Beziehung hatte Rilke zur Schweiz, zu den Schweizern? Rilke ist ja zeit seines Lebens herumgereist, die Schweiz war da naheliegend. Die Schweizer Landschaft hat ihn wohl begeistert, was verschiedene Gedichte belegen. Als eifriger Briefeschreiber hat er auch hier rasch Kontakte geknüpft – vor allem mit Frauen, wie überall.

Rilke gilt vielen als Prototyp des introvertierten, hilflosen, kränkelnden Lyrikers. Zu Recht? Nein. Rilke hat nicht schlecht gelebt, er war nicht hilflos und kein Hungerleider und hat schon gewusst, wie er sich arrangieren musste. Er ist nicht zugrunde gegangen wie ein Georg Trakl, der mit 27 am Ende war.

Täuscht der Eindruck, oder hat Rilke tatsächlich in den letzten Jahrzehnten sukzessive an Renommee verloren? Er scheint in den Feuilletons kaum noch stattzufinden. Rilke gehört zu jenen Autoren, die zumindest in der Literaturwissenschaft kontinuierlich thematisiert werden. Ich kenne aber tatsächlich auch einige Fachkollegen, die eine Abneigung gegenüber Rilke entwickelt haben, die seinen Tonfall nicht mehr aushalten. Einerseits ist es Rilkes besagter Hang zur Sinnstiftung, der ihn für viele als Untersuchungsgegenstand unattraktiv erscheinen lässt, und andererseits ist da diese vollkommene, fast schon glatte, unangreifbare lyrische Meisterschaft – Celan zum Beispiel mit seinen Brüchen wirkt für viele authentischer. Hinzu kommt, dass das Interesse an Lyrik generell sehr bescheiden geworden ist. Das beobachte ich auch an meinen Studierenden: Wer als Dozent einen Kurs mit wenig Teilnehmern veranstalten möchte, der muss nur was mit Lyrik machen.

Was sind die Hauptthemen der literaturwissenschaftlichen Rilke-Forschung? Die 1950er- und 1960er-Jahre waren die Blütezeit der Rilke-Forschung. Die konservativen Existenzialisten in der Tradition Heideggers interessierten sich vor allem für die weltanschaulichen Gedichte. Jeder Privatdozent müsse über die «Duineser Elegien» geschrieben haben, meinte Adorno mal ironisch. Heute ist das Interesse an diesem Rilke geringer. Es gibt dafür poetologische Lektüren, die sich mit der Eigendynamik der Gedichte beschäftigen, und es gibt positivistische Studien, die mich persönlich aber weniger interessieren: Man analysiert Rilkes zahlreiche biografische Beziehungen oder vollzieht seine Reisen nach et cetera. Etwas, das mich an Rilke fasziniert und was noch immer ein grosses Betätigungsfeld bietet, ist die Editionsfrage. Rilke hat pausenlos geschrieben, Gedichte, Gedichtkopien, Briefe; das Briefwerk umfasst mindestens 10'000 Briefe, wovon ein grosser Teil noch nicht ediert ist.

Worüber könnten diese Briefe möglicherweise Aufschluss geben? Das Briefkorpus ist natürlich in verschiedener Hinsicht interessant, in biografischer ebenso wie in historischer. Und natürlich im Hinblick auf das dichterische Selbstverständnis. Bei Rilke ist dann allerdings noch sehr viel Lebensdidaktik dabei. (lacht)

Welches ist eigentlich Ihr Rilke-Lieblingswerk? Ganz klar: Die «Sonette an Orpheus». Diese Gedichte widerstehen jeder Interpretation, man kriegt sie mit traditionellen Mitteln der Exegese nicht zu fassen. Aber auch ihre einzigartige metrische und rhythmische Komplexität wurden meiner Meinung nach bis heute nicht wirklich begriffen!

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt