Preisgekrönte Wunderlichkeiten

Bettina Gugger erzählt in ihrem Episodenbuch «Ministerium der Liebe» von Übersinnlichem und von Aussenseitern im Museum. Für ihren Erstling erhält sie nun den Berner Literaturpreis.

Ist nach einem Stipendiumsaufenthalt im Engadin hängen geblieben: Die Berner Autorin Bettina Gugger.

Ist nach einem Stipendiumsaufenthalt im Engadin hängen geblieben: Die Berner Autorin Bettina Gugger. Bild: Andy Mettler (Swiss-Image)

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Da treffen sich wunderliche Menschen, landen auf wunderlichen Wegen nebeneinander im Bett, sie arbeiten im Museum und koksen. Oder sie haben einen Kanarienvogel. So oder ganz anders ist die Welt im «Ministerium der Liebe».

«Der Ruf», eine der 13 Kurzgeschichten von Bettina Gugger, spielt «im Café des alten Gymnasiums, das auch Ateliers beheimatete». Lara wird von einem Unbekannten angesprochen, der mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet zu sein scheint, erhält von ihm einen Flyer, landet in der rumänischen Botschaft, wo das Ministerium der Liebe tagt, unter dem Motto «handle so, wie wenn du nackt wärst».

Das Geschehen bleibt sehr diffus, bei einer Note Frivolität: «Wie immer hängt das Gelingen von den Details ab, vom Tagesgemächt», ist etwa ein Satz, den es bei Bettina Gugger zu lesen gibt.

Eine Welt wie echt

Auf Seite 135 von 169 wundert einen das längst nicht mehr. Wer «Ministerium der Liebe» liest, driftet in eine Welt rüber, die ein wenig aussieht wie die echte, aber die erdacht sein muss von jemandem, der selber mit einer grossen Portion Abgefahrenheit gesegnet ist. Die Kurzgeschichten stehen für sich, und doch berühren sie sich immer wieder. Wie ihre Protagonisten, die, na ja, sich auch gerne berühren.

«Das Kunstmuseum Bern ist ein schöner Ort. Eine Oase zum Auftanken.»Bettina Gugger

«Short Cuts» nennt die Autorin ihre Kurzform. Geboren wurde Bettina Gugger 1983 in Thun, ausgewandert ist sie 2017 ins Engadin. Letztes Jahr weilte sie als Stipendiatin in der Fundaziun Nairs in Scuol. Und dann ist sie hängen geblieben. «Ich liebe das Engadin.» Die Schellenursli-Abgeschiedenheit, die Natur.

Doch ihre Geschichten spielen in Bern, viele von ihnen im Kunstmuseum. «Das Kunstmuseum Bern ist ein schöner Ort. Eine Oase zum Auftanken. Es hat etwas Unwirkliches, es ist ein Transfer in eine andere Zeit.»

«Ich hatte immer ein Händchen für seltsame Begeg­nungen. Für Leute, die aus dem ­Rahmen fallen. Für Hirngespinste, die ein Eigenleben entwickeln.»Bettina Gugger

Bei ihr ist es auch ein Treffpunkt ihrer unwirklich wirkenden Menschen. Doch Gugger kennt sie: «Ich hatte immer ein Händchen für seltsame Begegnungen. Für Leute, die aus dem Rahmen fallen. Für Hirngespinste, die ein Eigenleben entwickeln.»

Der Zufall entscheidet

Für ihr erstes klassisches Prosawerk «Ministerium der Liebe» erhält sie einen von sechs Berner Literaturpreisen, die mit je 10'000 Franken dotiert sind. «Ich war ein wenig überrascht, ja. Und ich habe mich sehr gefreut. Der Preis gibt ein wenig Luft.» Jetzt will sie weiterschreiben, mehr Short Cuts schneidern, ihr Universum weitertreiben.

Zwei erste Textsammlungen hatte sie bereits veröffentlicht. Dass jetzt gleich das erste Buch der 35-jährigen Absolventin des Literaturinstituts Biel ausgezeichnet wird, ist bemerkenswert, hat aber auch eine gewisse Logik.

Auch wenn ihre Texte zuweilen abgefahren sind und das Personal darin skurril wirkt, Gugger pflegt einen eigenwilligen Stil und mit den Short Cuts eine eigene Form – bei der alles nebensächlich bleiben oder wichtig werden kann, weil man nie weiss, was anderswo wieder auftaucht. So sei doch auch das Leben, findet Bettina Gugger: «Am Schluss sind wir alle über ein paar Ecken miteinander verknüpft.» Wann wir jemanden zum zweiten Mal treffen, entscheidet der Zufall.

Da bleibt Platz für das Unfassbare. «Spiritualität spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle», sagt Bettina Gugger, und auch das wundert einen nicht.

«Ministerium der Liebe»: Boox-Verlag, 169 Seiten. Preisverleihung: 26. Juni, 19.30 Uhr, Dampfzentrale Bern. Mit Laudationes, Kurzlesungen und Apéro. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.06.2018, 16:40 Uhr

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