Operation Krimi

Gleich drei Berner Ärzte beweisen aktuell ihre Stärken als Schriftsteller: Esther Pauchard und Paul Wittwer veröffentlichen neue Krimis, Peter Weibel erhielt den Kurt-Marti-Preis. Ist das nur Zufall, oder steckt mehr dahinter?

<i>Karikatur: Max Spring.</i>

Karikatur: Max Spring.

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Wenn bei Esther Pauchard ein Patient absagt, dann weiss die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sofort, was tun: Sie setzt sich in der frei gewordenen Stunde vor ihren Computer und schreibt weiter an einem ihrer Krimis. Esther Pauchard arbeitet als leitende Ärztin in einer Suchtfachklinik in Burgdorf und ambulant in der eigenen Praxis.

Das Schreiben sei fast wie eine Sucht, sagt sie: «Mein Mann muss, will er bisweilen mein Gesicht und nicht nur meinen tippenderweise gekrümmten Rücken sehen, mich unter Gewaltandrohungen von meinem Laptop wegzerren.»

Wo sind Parallelen?

Ärzte, die schreiben und so Distanz schaffen zu den oft hochemotionalen Momenten bei ihrer Arbeit, haben eine lange Tradition. Einer der bekanntesten ist Gottfried Benn (1886–1956). Wer in der Schule sein Gedicht «Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke» lesen musste, wird sich mit Schaudern daran erinnern. Darin schildert der Mediziner das grausame Sterben der Tod­geweihten.

Zu den prominentesten Berner Ärzten, die sich erfolgreich als Autoren betätigen, gehören ne­ben Esther Pauchard auch Paul Wittwer und Peter Weibel. Von allen dreien gibt es aktuell Neuigkeiten: Esther Pauchard hat kürzlich ihren jüngsten Kriminal­roman «Tödliche Macht» publiziert, Paul Wittwers Krimi «Bestzeller» feiert am 19. September Vernissage, und Peter Weibel wurde gestern geehrt.

Er erhielt für sein Buch «Mensch Keun», das von der Entwurzelung eines alten Mannes erzählt, den erstmalig vergebenen Kurt-Marti-Preis des Berner Schriftstelle­rinnen- und Schriftsteller-Vereins. Die Auszeichnung ist mit 10 000 Franken dotiert.

Ist diese Häufung nur Zufall, oder gibt es eine Verbindung zwischen Medizin und Literatur?

Guter Krimi ist wie guter Arzt

Peter Weibel, der als Heimarzt in der Seniorenresidenz Domicil Baumgarten in Bümpliz arbeitet, meint auf Anfrage, es bestünden durchaus Parallelen: «Beides, Medizin und Schreiben, ist eine Suche nach dem Menschen, und dort, wo die Naturwissenschaft aufhört, beginnt die philosophische Suche, das Rätsel.»

In seiner Freizeit verarbeitet er literarisch, was ihn in seinem Alltag bewegt und verstört. Er sieht das Schreiben deshalb nach einem Zitat von Mani Matter als «kritische Instanz zum Erstberuf».

Auch Krimiautor und Allgemeinmediziner Paul Wittwer aus Oberburg findet, Ärzte hätten quasi be­rufsbedingt eine Affinität zum Schreiben, weil sie viele Rapporte verfassen müssen: «Als Arzt schreibt man viel, und eine klare Ausdrucksweise ist wichtig. ­Vielleicht hilft diese ständige Übung.»

Im Fall von Paul Wittwer und Esther Pauchard kommt hinzu, dass sich gleich beide für Kriminalromane entschieden haben. Auch für dieses Genre gibt es eine gewisse Prädisposition: Die Ar­beit eines Mediziners ähnelt oft derjenigen eines Detektivs. «Die Schilderungen der Beschwerden und die Befunde gleichen In­dizien und sind wie Puzzleteile», sagt Paul Wittwer. «Nur in der richtigen Zusammenstellung ergibt sich die konkrete Lösung.»

Krimis seien zudem wie der Arztberuf nahe dran an den Menschen, betont Esther Pauchard. So wie der ideale Allgemein­praktiker, so sind auch viele Kriminalromane: leutselig und bodenständig, mit einer einfachen und dennoch treffenden Sprache, geistig anregend, aber nicht in­tellektuell von oben herab.

Ärzte als Multitalente

Es fällt auf, dass sich Ärzte nicht nur als Schriftsteller hervortun, sondern auch in anderen Sparten. Insbesondere der Komik. Mediziner wie Fabian Unteregger oder Eckart von Hirschhausen begeistern ein riesiges Publikum mit ihren Comedy­programmen.

Auch dafür hat Paul Wittwer eine mögliche Erklärung: «Ich glaube nicht, dass die ausserberufliche Kreativität im Arztberuf gehäuft vorkommt.» Aber der tägliche Kontakt mit anderen Menschen rege wohl eher dazu an, über Menschen und deren Schicksale zu ­reden – oder zu schreiben. Dies wiederum «interessiert mehr Menschen und wird damit eher wahrgenommen als beispiels­weise Kalligraphie oder Kunststricken».

Und vielleicht darf man auch die These wagen, dass die meisten Mediziner überdurchschnittlich zielgerichtete und ehrgeizige Menschen sind. Wenn sie etwas tun, dann richtig. Das zeigt sich eben auch beim Hobby. Die Zeit dafür stehlen sie sich wie Esther Pauchard in Form von kleinen, überraschend sich ergebenden Auszeiten.

«Tödliche Macht»

In Esther Pauchards neuem Kriminalroman «Tödliche Macht» geht es um Menschenhandel. Man erfährt realitätsnah, wie in der Schweiz illegal eingeschleuste Frauen zur Prostitution ge­zwungen werden – und wie wenig die Behörden dagegen tun können oder wollen.

Hauptfigur ist wie bereits im letzten Roman «Tödliche Praxis» die überaus sympathische, leicht schrullige Melissa Braun. Es ist ein Vergnügen, zu lesen, wie sie sich immer wieder unabsichtlich in Schwierigkeiten bringt. Das Buch hat Tempo, enthält wunderbar-witzige Dialoge – und eine zum Brüllen komische Liebesszene.

Da nimmt man gern in Kauf, dass die Figuren nicht immer ganz schlüssig handeln, und verzeiht der Autorin auch, dass mehrmals der Zufall helfen muss, damit die Geschichte zu ihrer Auflösung findet. mjc

Esther Pauchard: «Tödliche Macht», Lokwort, 331 Seiten.

«Mensch Keun»

Es ist ein schmales Büchlein, ein sorgfältig geschriebenes auch. «Mensch Keun» von Peter Weibel ist ein Bijou, bereits letztes Jahr herausgekommen, hat es bisher nicht die Beachtung bekommen, die es eigentlich verdient hätte.

«Mensch Keun» dreht sich um Hannes, alt geworden, auch schrullig. Er ist Bildhauer, hat eine letzte Skulptur im Kopf, die er ins Holz schlagen möchte, «Mensch Keun» eben. Doch Behörden und Ärzte haben anderes mit ihm vor, wollen ihn gegen seinen Willen ins Heim ein­weisen.

In kurzen Kapiteln beleuchtet Weibel das Schicksal von Hannes aus verschiedener Sicht. Die Sprache ist knapp, präzise und doch auf eigensinnige Art poetisch. Das Buch wirft die ganz grossen Fragen auf und übt leise Kritik am heutigen Umgang mit alten Menschen. bol

Peter Weibel: «Mensch Keun», Edition Bücherlese, 109 Seiten.

«Bestzeller»

Autor Paul Wittwer hat in seinem Krimi «Bestzeller» fast hellseherische Fähigkeiten. Er spielt in einem Bern, das unter einem Hitzesommer leidet. In den kühlen Gängen der Kanalisation gibt es derweil einen sonderbaren Ertrinkungsfall.

Ein Fall für Polizist Limacher, der aber durch den Tod seiner Mutter abgelenkt ist. In der Folge bekommt auch Hausarzt Thomas Zaugg, der den Schwer­verletzten fand, eine grössere Rolle.

Er scheint Dreck am Stecken zu haben. Und da sind auch noch skrupellose Wissenschaftler, die dank dem Nacktmull, einem hässlichen Tierchen, die Anti-Aging-Forschung vorantreiben wollen.

Das klingt nach etwas viel Inhalt? Ist es auch. So beleuchtet Wittwer zwar ein spannendes Thema, fordert aber schier übermenschliche Konzentration vom Leser. bol

Paul Wittwer: «Bestzeller», Nyd­egg-Verlag, 428 Seiten. Vernissage: 19. 9., 20 Uhr, Orell Füssli, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2018, 15:05 Uhr

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