«Off the record fällt häufig das Wort ‹geil›»

Luftwaffe

Margrit Sprecher hat sich in den inneren Kreis der Schweizer Luftwaffe begeben. Die Autorin sagt, was die Piloten wirklich antreibt – und vergleicht die Patrouille Suisse mit einer Revue-Show.

  • loading indicator
Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Die Schweizer Luftwaffe wurde jüngst zum Gespött, weil sie sich nur zu Bürozeiten einsatzbereit erklärte. Wie nahmen das die Piloten auf? Ich hatte meine Recherchen bereits abgeschlossen, als sich diese Meldung verbreitete. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das in irgendeiner Form an ihrem Selbstbewusstsein gekratzt hätte. In ihrem Stolz und Korpsgeist sind die Piloten kaum zu erschüttern.

Gibt es Charaktereigenschaften, die diese Piloten teilen – einen gemeinsamen Nenner? Es gibt natürlich die formalen Gemeinsamkeiten: Grad des Leutnants, Maturaabschluss, eine bestimmte Körpergrösse und so weiter. Charakterlich eint die Piloten ihre solide Mittelmässigkeit. Sie dürfen keine Individualisten sein und keine Ecken und Kanten haben. Haudegen sind ebenso wenig erwünscht wie Angsthasen. Am Ende ihrer Ausbildung sind sie so genormt wie die Maschinen, die sie fliegen.

Welchen Eindruck machte die Truppe an sich? Man war immer sehr höflich und offen zu mir. Aber das Männerbündlerische war nicht zu übersehen. Die vielen Rituale, der Namenscode, die morgendliche Ausgabe von Tagesmottos wie «Siehst vor dem Cockpit Fische winken, sollst du nicht mehr weiter sinken» und Ähnliches.

Zieht die Piloten allein die Aussicht in die Armee, fliegen zu dürfen? Nutzen sie das Militär als Mittel zum Zweck? Off the record, unter sich, fällt häufig das Wort «geil». «Fliegen ist einfach geil». «Und besonders geil ist das Nachbrennen, wenn zusätzlich Treibstoff eingeschossen wird». Offiziell erklären sie, sie würden aus Vaterlandsliebe fliegen und weil das ihre Aufgabe sei. Das passt auch zur Bescheidenheit, zu der sie die Luftwaffe in Zeiten des Gripen anhält. Ziel für alle ist: die F/A-18 zu fliegen. Dieser Flieger hängt in jeder Militärpiloten-Wohnung an der Wand.

Können Sie das nachvollziehen? Wenn eine F/A-18 mit vollem Schub innert Sekunden von null auf Schallgeschwindigkeit beschleunigt, dann lässt das niemanden unbeeindruckt.

Den Nutzen dieses Fliegers, ja der Luftwaffe insgesamt ziehen Sie allerdings fundamental in Zweifel. Die Frage des Nutzens wird sich zunehmend stellen. Heute hat ein gegnerisches Flugzeug im Nullkommanichts die ganze Schweiz durchflogen, da bleibt gar keine Zeit zu reagieren – und auf im Ausland abgeschossene Raketen schon gar nicht. Am nützlichsten scheinen mir die Piloten der Patrouille Suisse zu sein: ein international renommiertes Aushängeschild der Luftwaffe, das für Schweizer Präzision und Qualität wirbt und dabei so glamourös wie eine Revuetruppe auftritt.

Wollen Sie mit Ihrem kritischen Buch die Gripen-Abstimmung beeinflussen? Die Nähe zur Abstimmung ist ebenso Zufall wie das 100-Jahr-Jubiläum der Luftwaffe. Ich begann schon vor zwei Jahren mit der Recherche, und damals sprach noch niemand vom Gripen. Aber wenn es nun zur Ablehnung des Gripen beiträgt, habe ich nichts dagegen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt