«Nur der Teufel ist unbesiegbar»

Der Thurgauer Schriftsteller Christian Uetz veröffentlichte eben ein Buch mit dem Titel «Federer für alle». Hier spricht er über Vollkommenheit, Verlieren und unser Verhältnis zu Federer.

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Herr Uetz, haben Sie gestern Roger Federer im Fernsehen verfolgt?
Ja, allerdings.

Hat er Ihrer Ansicht nach göttlich gespielt?
Er hat gut gespielt, doch Tsonga hat das Spiel seines Lebens gespielt und Federer wiederum nicht sein Maximum. Er ist dennoch der bessere Spieler als Tsonga.

Nun hat also der Tennis-Gott verloren.
Ja. Nur der Teufel ist unbesiegbar. Gott aber gewinnt im Verlieren die grössere Liebe der wunderbaren Ohnmacht.

Sie erheben Federer in Ihrem neusten Buch zu einem Gott, titeln aber gleichzeitig «Federer für alle». Ist das nicht ein Widerspruch? Als Gott ist er ja nicht greifbar.
Ich erhebe Federer nicht zum Gott, keine Sekunde, in keiner Zeile.

Aber Sie schreiben etwa: «Federer spielt eine Unfehlbarkeit, eine Unbesiegbarkeit, ein Gottmomentum.»
Ich sage, Federer lässt in Momenten etwas von Vollkommenheit aufscheinen, die uns unsere Gottsehnsucht zeigt. Er ist nicht selber göttlich, sondern zeigt, dass uns Gott fehlt. Aber manchmal zeigt er das auf zauberhafte Weise.

Federer als Religionsersatz?
Federer ist keine Religion. Er ist wie jeder Mensch: Wir sind auch ohne Religion religiös, weil wir vom Unglaublichen und Fantastischen und Unmöglichen leben, welches uns eben fehlt.

Sie haben im Buch ein Federer-Gebet abgedruckt: «Deine Vorhand werde geheiligt. Dein Volley komme. Dein Winner geschehe, wie auf Rasen, so auch auf Sand.» Müssen das Federer-Fans nach seiner Niederlage auf dem heiligen Rasen nun umso eifriger beten?
Das Gebet habe nicht ich geschrieben, sondern ein Deutscher, der es bei Eurosport nach grossen Siegen von Federer jeweils ins Internet stellt. Es ist nicht ernsthaft ein Gebet, sondern aberwitzig und zeigt, dass Sport eine Art Religion werden kann, besonders im Verhältnis zu Stars wie zum Beispiel Maradona oder Muhammad Ali.

Sie persönlich sind 2008 auf einem Flug nach Teheran von Federer erleuchtet worden. Was ging da genau vor sich?
Ich bin nicht erleuchtet worden, sondern habe bei selbstverzweifelter Stimmung im Flugzeug ein Wahlvideo zu Federer gesehen, bei welchem sich mir der Satz festsetzte: Die Vollkommenheit setzt sich durch, mit der Zeit, und ist bei jedem auf seine eigenste Weise unmöglich.

War das Erlebnis die Initialzündung für dieses Buch?
Nein, die Initialzündung war Federers Sieg am Saisonfinale in London Ende November 2010, wo sich bestätigte: Federer ist auch darin der Grösste, dass er immer wieder zurückkehrt, nachdem er schon abgeschrieben wird. Und so wird es auch nach dieser Wimbledon-Niederlage sein, dass er bald weitere Grand-Slams gewinnt, wohl schon das US Open.

Wie lange haben Sie für den Text recherchiert oder war es eine göttliche Eingebung?
Es war pure Inspiration aus Übermut und ich habe das Buch in 40 Tagen geschrieben.

Ein bisschen ketzerisch gefragt: Möchten Sie mit diesem Buch von Federers Ruhm profitieren?
Ich hätte nichts dagegen, wenn es sich gut verkauft, aber ich habe es aus Lust an der Reflexion über Ikonenbildung geschrieben, die ich als urreligiöses Phänomen überall feststellen kann. Im Sport, in der Musik, in der Literatur, in der Politik und so weiter.

Ist es nicht frustrierend, dass Federer das Vielfache von Ihnen verdient?
Ich verdiene genug und freu mich am Erfolg einer grossen Persönlichkeit. Wie viel er dabei verdient, ist mir egal.

Spielen Sie eigentlich selber Tennis?
Nein. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.06.2011, 12:13 Uhr

«Federer ist dennoch der bessere Spieler als Tsonga»: Der Thurgauer Autor Christian Uetz.

Christian Uetz: «Federer für alle», Echtzeit-Verlag, ISBN: 3-90580-053-5, www.echtzeit.ch

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