Mit Münzwurf entschied Frisch über seine Geliebte

Hintergrund

Max Frisch hatte nicht nur viele Leserinnen, sondern auch zahlreiche Liebhaberinnen. Zu seinem 100. Geburtstag werfen mehrere Biografen einen Blick auf das illustre Liebesleben des Autors.

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«Feige war er nie.» Mit diesem Zitat titelt der «Spiegel» diese Woche einen Artikel über Max Frisch und die Frauen. Die Aussage stammt von Karin Pilliod, der letzten Lebensgefährtin des Schweizer Schriftstellers. In der nächsten Woche veröffentlicht sie unter dem Titel «Max Frisch. Sein Leben in Bildern und Texten» erstmals Fotos, die sie von Max Frisch in den letzten Lebensjahren geknipst hat.

Feige war er nie. Diese Feststellung stellen zwei andere Frisch-Biografen in Zweifel: Der Schweizer Kulturjournalist Julian Schütt, dessen «Biografie eines Aufstiegs» nächste Woche erscheint, sowie Volker Weidermann, Feuilleton-Chef bei der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung», dessen Werk «Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher» bereits greifbar ist.

Gleiche Quelle, süffiger umgesetzt

Beide richten bei ihrem Urteil das Augenmerk weg von der letzten, hin zur ersten richtigen Geliebten von Max Frisch: Käte Rubensohn. Die dunkelhaarige, schnell Hochdeutsch sprechende Studentin hatte es Frisch angetan, so dass er sich in den Germanistik-Vorlesungen jeweils neben sie setzte. Er wollte von der Jüdin allen Ernstes wissen, weshalb sie als Deutsche jetzt, Anfang der 1930er Jahre, in Zürich studiere. Als sie ihn über die politischen Umstände in ihrer Heimat aufklärte, verstummte er. Der politische Frisch war zu Beginn seiner Karriere ziemlich naiv.

Julian Schütt beschreibt diese Anekdote, weil Käte Rubensohn «dem Verfasser Einblick in die undatierten, um circa 1981/82 entstandenen Erinnerungen» gewährt hat, wie er in der Fussnote vermerkt. Das klingt sehr exklusiv, ist es aber nicht: Bereits Volker Weidermann erzählt von dieser Szene in seinem weitaus süffiger geschriebenen Buch.

Beide Biografen kamen zum Schluss, dass sich das Liebespaar einig war, zu heiraten – er aus Pflichtgefühl, um sie vor der Verfolgung zu retten, sie aus Liebe, um ihm Nachwuchs zu schenken. Doch Frisch wollte keine Kinder. Und Rubensohn wollte die Ehe nicht bloss, um an den Schweizer Pass zu kommen. Weidermann fasst das gekonnt in einem Satz zusammen: «Moralische und romantische Totalverwirrung: Er will kein Kind, weil sie Jüdin ist, aber er will sie heiraten, weil sie Jüdin ist?»

Kopf oder Schrift?

Feige war er nie? Die Aussage von Karin Pilliod aus dem «Spiegel» bezieht sich auf den Wechsel der Partnerschaft von Mutter zu Tochter: Pilliod ist nämlich das Kind von Madeleine Seigner-Besson, mit der Frisch früher eine Affäre gehabt hatte. Und nun gestand er seiner Ex, dass ihre Karin seine neue Freundin ist.

Die amouröse Beziehung zur Tochter aus den späten 1980er Jahren hatte der Schriftsteller allerdings schon Jahrzehnte zuvor literarisch verewigt: Karin Pilliod ist die Vorlage für Sabeth, in die sich Walter Faber im Roman «Homo Faber» von 1957 verliebt. Pilliod war damals die Teenagerin an der Seite von Frischs Geliebter Seigner-Besson.

Während Frisch die letzte Liebe Karin Pilliod also bereits in einem Frühwerk erwähnte, dachte er über die frühe Freundin Käte Rubensohn im späten Erzählband «Montauk» nach. Dort schreibt er, dass er in den Wald ging und eine Münze warf, um sich über die Zukunft mit Käte Rubensohn klar zu werden: «Kopf oder Schrift? Wie der Wurf, Befragung des Orakels, ausgefallen ist, weiss ich nicht mehr.» Vielleicht wollte er es auch nicht mehr wissen, denn die Tat zeugt nicht von grossem Mut.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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