Mit Glauser im Reich des Wahnsinns

Das Literaturfestival Criminale macht auch in Münsingen Station: Im Psychiatriezentrum ist Friedrich Glausers Roman «Matto regiert» eine Ausstellung gewidmet.

Wo Matto regiert: Christa Baumberger (l.) und Nina Debrunner im Psychiatriezentrum Münsingen. Rechts ein Bild von Friedrich Glauser.

Wo Matto regiert: Christa Baumberger (l.) und Nina Debrunner im Psychiatriezentrum Münsingen. Rechts ein Bild von Friedrich Glauser. Bild: Urs Baumann

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Im Jahr 1936 schrieb Friedrich Glauser den Roman «Matto regiert». Einen Krimi, der in der fiktiven Irrenanstalt Randlingen im Kanton Bern spielt. Randlingen sei nicht Münsingen, schrieb der Autor im «notwendigen» Vorwort. «Aber eine Geschichte muss irgendwo spielen.» Das war eine Untertreibung.

Kaum jemand weiss das besser als Christa Baumberger. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schweizerischen Nationalbibliothek betreut Glausers Nachlass. Zusammen mit Studierenden des Deutschen Seminars der Universität Zürich hat sie eine Ausstellung zu «Matto regiert» konzipiert. Nach Zürich wird «Im Reich des Wahnsinns» nun in Münsingen gezeigt.

«Matto» sei viel mehr als ein Schlüsselroman, sagt Baumberger. Glauser berichte glaubwürdig vom Alltag in der Psychiatrie. Beim Erscheinen habe das Buch auch für einen Skandal gesorgt, weil gewisse Leute sich darin erkannt hätten. Der Regierungsrat des Kantons Bern habe den Roman gar zu zensurieren versucht.

«Sie werden eingeführt ins dunkle Reich, in welchem Matto regiert.» So wird Wachtmeister Studer in Randlingen empfangen. Matto heisst im Italienischen «verrückt». Glauser aber, so Baumberger, war keineswegs geisteskrank. 1918 wurde er zwar wegen «lasterhaftem Lebenswandel» entmündigt. Das lag aber mehr an seiner Drogensucht – er war morphiumabhängig. 10 seiner insgesamt 42 Lebensjahre verbrachte er fortan in Irrenanstalten, auch in Münsingen.

Das hatte immerhin etwas Gutes. «Hier hatte er Zeit zum Schreiben», sagt Nina Debrunner von der Uni Zürich. «Und er erhielt kreativen Spielraum», sagt Baumberger. Von seinem Psychiater Max Müller sei Glauser zum Schreiben ermuntert worden. Er machte Erfahrungen, die er literarisch verarbeiten konnte. «Das steckt zu viel Erlebtes drin, das nur ich so hab erleben können», schrieb Glauser selbst.

Auch wenn er ein kritisches Bild von der Psychiatrie zeichnete – selbst in Münsingen erinnert man sich gerne an den berühmten Patienten. «Wir sind stolz auf Glauser», sagt Mike Sutter, Sprecher des Psychiatriezentrums. «Sein Roman bietet einen Einblick in die Psychiatrie vor 80 oder 100 Jahren, wie sie tatsächlich war.»

Es seien damals fragwürdige Methoden angewendet worden, die gar zum Tod geführt hätten. «Aber so war das eben, und wir geben gerne einen Einblick in diese Zeit.» Sutter selbst bietet Führungen zum Thema an.

Friedrich Glauser aber untertrieb weiter. Im Vorwort zu «Matto» schreibt er: «Man wird wohl noch Geschichten erzählen dürfen?»

Ausstellung bis 21.April, 9 bis 17 Uhr, Haus 3, PZM, Münsingen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.04.2013, 09:03 Uhr

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