«Mir si e chli wi d Rolling Stones»

Über 200 Auftritte, 4 CDs und 2 Preise: Die Mundart-Formation Bern ist überall wird zehn Jahre alt. Alles begann 2003 mit einem Auftritt in Luzern. Pedro Lenz und Guy Krneta werfen einen Blick zurück.

Zwei Gründerväter mit unvermindert starkem Sprachspieltrieb: Pedro Lenz (links) und Guy Krneta.

(Bild: Adrian Moser)

Künstler wollen in der Regel die Erwartungen des Publikums erfüllen. Manchmal aber geht es nicht anders, der Umarmung haftet etwas Erdrückendes an, die Erwartungshaltung wird als sanfte Zwangsjacke empfunden. Der Saal in Burgdorf war zum Bersten voll, die Stimmung aufgeräumt. Etliche Zuschauer hatten schon im Vorfeld lauthals verkündet, wie sehr sie sich auf die berndeutsche Gemütlichkeit freuten, die alsbald von der Bühne herunter erschallen und sie in einen wohligen Kokon einhüllen würde.

Hinter der Bühne schauten sich die Künstler der Formation Bern ist überall unangenehm berührt an, sie erinnerten sich an Leute, die sich im Einverständnis mit ihnen wähnten: «Ds Bärndütsch isch äbe scho viu schöner aus das blöde Sanggauerdüütsch.» Allein, auch an diesem Abend war es ihre Absicht, die mündliche Sprache zu feiern, nicht das Berndeutsche hochleben zu lassen. Dies hatten sie bereits in einem «Manifest» klargestellt; es ging um die Pflege der Mundart als «Teil der Vielsprachig- und Vielstimmigkeit». In diesem Manifest wird Selbstbewusstsein demonstriert: «Wir fordern die Gleichstellung der Sprachen. Wir fordern die Förderung des ÜBERALL auf allen Ebenen.»

Der erste Gig der Band in Luzern

Das Manifest existiert in diversen Übersetzungen von Russisch über Chinesisch, Litauisch bis zum Staufferischen, aber es gibt keine berndeutsche Version davon – «gerade, weil wir das Berndeutsche nicht wie ein Gärtchen hegen und pflegen wollen», sagt Guy Krneta. Diese Vielstimmigkeit äussert sich in den Sprachkonzerten von Bern ist überall in poetisch verdichteter Alltagssprache, im Ausloten des Übergangs von Sinn zu Nonsense, in kalkulierten Regelverletzungen und experimentellen Sprachübertretungen, in der mit Free-Jazz-Improvisationen vergleichbaren Arbeit mit Klang und Rhythmus, im Einsatz von Stilmitteln wie Wiederholung und Variation, in der Schöpfung von Neologismen oder im Gebrauch von musikalischen Formen wie der Fuge oder dem Kanon.

Schalten wir nochmals kurz zurück nach Burgdorf: Kurzfristig entschieden sich die Bern-ist-überall-Mitglieder dazu, ein anderes Mitglied der Formation als vereinbart für den Auftakt abzukommandieren. Im breiten Thurgauer Dialekt begrüsste sodann Michael Stauffer das Publikum und sorgte dafür, dass die berndeutsche Vokalwohligkeit noch etwas auf sich warten liess.

Neu erwachte Heimatliebe als Chance

Oder da war diese Begegnung mit einer Frau während eines Sonntagsspaziergangs. Sie bedankte sich beim leicht verdutzten Pedro Lenz dafür, dass sie dank ihm ihre «Liebe zur Heimat» wieder entdeckt habe. Es sei zwar nicht seine Absicht gewesen, sagt der 48-jährige Autor des erfolgreichen Mundartromans «Dr Goalie bin ig», «dass diese Frau dank meinen Texten die Patriotin in sich wieder freigelegt hat, aber die Wirkung von Texten kann man halt nicht steuern».

Der 49-jährige Guy Krneta («Umkehrti Täler», «Ursle»), der als Schriftsteller und Theaterautor ausschliesslich in Berndeutsch schreibt und seine Mundart-Sozialisierung in der Folk-Bewegung der 1980er-Jahre erlebte, ist ein anderes Mitglied dieser «ersten Band der Schweizer Literaturgeschichte». Für ihn birgt die neu erwachte Heimatliebe dieser Frau auch eine Chance: «Zur Schweizer Heimat gehört nicht nur die scheinbar heile Welt einer unberührten Natur, die es nicht mehr gibt, sondern auch ein Junkie aus Langenthal, wie in Pedro beschreibt.»

Angefangen hat diese Erfolgsgeschichte, die jüngst mit der Verleihung des Gottfried-Keller-Preises einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, ziemlich zufällig vor zehn Jahren in Luzern. Der Kulturveranstalter und Akkordeonist Adi Blum lud Beat Sterchi («Blösch»), Guy Krneta und Pedro Lenz zu einem gemeinsamen Auftritt ein und kündigte sie kurzerhand als Bern ist überall an. Guy Krneta schmunzelt: «Diesen anmassenden Titel hätte ein Berner nie gesetzt, da kann nur ein Luzerner draufkommen.» Man kannte sich bereits: Adi Blum und Guy Krneta hatten im Theater Tuchlaube in Aarau zusammengearbeitet; und mit Beat Sterchi war Blum auch mit einem Gotthelf-Programm unterwegs gewesen.

Eine Bewegung oder eine Gruppe?

In Luzern harmonierte das Quartett auf der Bühne auf Anhieb sehr gut miteinander, das Vielstimmige ergänzte sich und machte allen Beteiligten Freude. Schon kurz nach dieser Luzerner Premiere kamen die ersten Anfragen für Auftritte. Der Motor der Spoken-Word-Bewegung in der Schweiz sprang an und suchte alsbald nach neuen Mitgliedern: Gerhard Meister wurde angefragt, dann stiessen Stefanie Grob und Michael Stauffer dazu. Längst hat Bern ist überall auch Auftritte im Ausland absolviert, etwa in Paris, Berlin, Frankfurt oder an der Universität von Salamanca.

Pedro Lenz erinnert sich: «Wir traten vor Studenten der Germanistik und Romanistik auf und streuten auch einige Hochdeutsch-Texte ein.» Vor allem aber sei es ein gut aufgenommenes chorisches Sprachkonzert gewesen mit der Perkussionistin Margrit Rieben, die anstelle von Trommeln eine Säge benutzte. Heute gehören Bern ist überall zehn Autorinnen und Autoren sowie vier Musikerinnen und Musiker an. Aufgetreten wird in der Regel als Quartett, wobei die Zusammensetzung ständig wechselt – meist werden die Formationen per Mail-Konferenz ausgehandelt – und die «Gefahr der Erstarrung» deshalb kaum besteht. Die beteiligten Musiker stellten auch Ansprüche und wollten sich nicht auf die Rolle des illustrierenden Begleitmusikers beschränken. «Die Musik reagiert nicht nur auf Texte, sondern manchmal läuft es umgekehrt und die Musik provoziert so andere Reaktionsformen», sagt Guy Krneta.

Sprung über den Röschtigraben

Mit der ersten CD wurde dann auch, wie Guy Krneta sagt, ein «Pflock eingeschlagen». Schon bald gab es Diskussionen in der Gruppe, die sich rechtlich als Verein konstituierte: «Sind wir jetzt eine Bewegung oder eine Gruppe?» «Es isch scho wohr», sinniert Pedro Lenz, mit der Zunahme der Mitgliederzahl sei der Meinungsbildungsprozess anspruchsvoller geworden: «Wir sind alles Leute mit ausgeprägten Meinungen, wenn es um eine neue CD oder jetzt das Jubiläumsfest geht, wird das meistens ‹z Bode gredt›.»

Der gordische Knoten konnte durchschnitten werden, indem die Erweiterung der Vielsprachigkeit von Bern ist überall in Richtung Romandie ins Zentrum rückte. Der Sprung über den Röschtigraben folgte allerdings keinem Masterplan. «Es gab schon Kontakte in die Romandie», erinnert sich Guy Krneta, etwa zu Daniel de Roulet, Beat Sterchi kannte vom Literaturinstitut her Antoine Jaccoud, «von Noelle Revaz wussten wir, wie wichtig in ihrem Schreiben die Mündlichkeit ist». Die Romands und die Deutschschweizer übersetzen einander kurze Texte, und mitunter kommt es auch zu hintersinnigen Sprachspielen: So wurde etwa Antonie Jaccoud ein Text phonetisch diktiert, und der las dann, ohne den Inhalt zu verstehen, vor einem amüsierten Publikum Sätze wie «Di Wäusche si üs frömd, mir verschtöh se nid».

Selbstauflösung inbegriffen

Das Auftrittsformat ist seit Jahren dasselbe, die Mitglieder sind alle aufgereiht auf der Bühne; und wer liest, tritt einen Schritt nach vorne. Regelmässig treffen sich die Mitglieder zu Klausuren, wo sie sich gegenseitig neues Material vorlesen, Formen für Textblöcke testen und vieles auch wieder verwerfen. Mittlerweile hat Bern ist überall auch diverse thematische Abende im Repertoire – etwa zu Robert Walser, Pflanzen oder Bildung.

Die Dominanz der Berner – Nomen est omen – ist bis heute ungebrochen. «Wir Berner sind vielleicht nicht so belastet mit unserem Dialekt», vermutet Guy Krneta, «wir haben das grössere Selbstbewusstsein und können auf eine inspirierende Mundart-Geschichte mit Vorläufern wie Mani Matter oder Kurt Marti aufbauen.» Jemanden aus dem Tessin hätten sie durchaus auch gerne in der Gruppe, betont Krneta. Es habe sich bislang einfach nicht ergeben. «Ich würde mich aber auch über eine Kurdin oder einen Eritreer freuen.»

Ein Bewusstsein für den Dilettantismus bewahren

Die Literaturszene ist in den vergangenen zehn Jahren durchlässiger geworden, «wir müssen nicht mehr für die Literaturfähigkeit der Mundart kämpfen», bilanziert Guy Krneta. Der Gottfried-Keller-Preis wiederum wertet er als ehrenvollen «Ritterschlag». Hat Bern ist überall die Tore des literarischen Establishments also gestürmt und am grossen Tisch Platz genommen? Pedro Lenz spricht von einer «schönen Anerkennung», kommt jedoch sogleich auf das notwendige Gegengift zu sprechen, um unangenehme Nebenwirkungen dieses Preises wie «gestiegene Eitelkeit» zu vermeiden: «Wir müssen ein Bewusstsein für den Dilettantismus bewahren und auf der Bühne die Chance zur Blamage ergreifen.»

So erfolgreich Bern ist überall auf dem künstlerischen Parkett ist, so ernüchtert sind Lenz und Krneta ob ihren bildungspolitischen Bemühungen. Guy Krneta ärgert sich, wenn Linke gegen Mundart in den Kindergärten sind, derweil die SVP mit dem Thema populistisch punkten könne: «Das macht mich sauer, die SVP macht nichts für die Mundart, reklamiert sie aber für sich.»

In den Statuten des Vereins ist übrigens die Selbstauflösung nach fünf Jahren festgeschrieben. Guy Krneta ist dieser Passus wichtig, «denn es ist eine Horrorvorstellung, dass Bern ist überall irgendwann ein Verein ist, in dem die Leute kommen und gehen und der nichts mehr mit uns zu tun hat». 2009 wurde der Verein statutenkonform aufgelöst – und sogleich neu gegründet. Guy Krneta hat diesen «Trick» akzeptiert, weil sich Bern ist überall erneuert und personell erweitert hat. 2014 wird die zweite 5-Jahres-Periode ablaufen. «Im Moment haben wir ein tolles Netz von Autorinnen und Autoren», sagt Krneta, «ich kann mir gut vorstellen, dass wir nochmals fünf Jahre anhängen.» Auch Pedro Lenz sieht Bern ist überall auf Kurs: «Mir si e chli wi d Rolling Stones.» Sie hätten ihren Sound gefunden und müssten nicht krampfhaft auf Hip-Hop machen, «das überlassen wir den Jungen». Bleibt nur die Frage offen, wer von den beiden sich eher als Mick Jagger und wer als Keith Richards sieht.