Interview

«Man soll ihn lesen dürfen, ohne als Linker denunziert zu werden»

InterviewKonrad Paul Liessmann hat ein neues Buch publiziert. Im Interview spricht der renommierte österreichische Philosoph über Europas «euphorisches Zeitalter», Schweizer Klugheit und Karl Marx.

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In Ihrem neuen Buch «Lob der Grenze» sprechen Sie über die Entgrenzung der Finanzmärkte. Gestatten Sie die Frechheit: Sind Sie als Philosoph zu einer solchen Kritik überhaupt befähigt? Droht nicht der ökonomische Dilettantismus?
Nein, denn grundsätzlich ist die Krise banal. Die Entgrenzung der Finanzmärkte wurde durch die Aufhebung verschiedener Regularien seit den 1970er-Jahren angestossen, etwa die Aufhebung der Kopplung des Dollars an den Goldstandard. Dazu kam die Internationalisierung und Mobilisierung der Finanzmärkte. Die Vervielfältigung der Finanzkapitalien im Vergleich zu den Realkapitalien ist eklatant; da wird jedem klar, dass etwas nicht stimmen kann. Frappant ist andererseits, wie falsch viele Wirtschaftsexperten mit ihren Prognosen in den letzten Jahren lagen.

Beispielsweise?
2008 hat ja fast niemand voraussagen können, wie sich die Krise in den nächsten vier Jahren entwickeln wird. Lange hat man geglaubt, sie sei auf Amerika beschränkt, lange hat man geglaubt, die Schweiz bleibe verschont – alles falsch. Was den Dilettantismus anbetrifft: Diesen sehe ich eher bei den sogenannten Wirtschaftsexperten. Das sind doch auch Dilettanten, weil sie glauben, die Krise sei rein ökonomischer oder finanztechnischer Natur, und deswegen dilettieren sie in der Sozialpolitik, in der Kulturpolitik, in der internationalen Politik, in der Psychologie – denn alle diese Faktoren spielen bei der Krise eine Rolle.

Was können Sie als Philosoph zur Diskussion beitragen?
Gerade deshalb, weil sie eben nicht ein rein ökonomisches Problem ist, interessiert mich die Krise. Sie betrifft unser Denken und unser Fühlen, es werden Ressentiments geschürt und die Europafrage stellt sich plötzlich wieder neu und anders. Und dazu kann ich mich sehr wohl äussern, Bezug nehmend auf die Geschichte der Philosophie, auf die Reflexion von Krisen.

«Der Zeitgeist will Grenzen überschreiten», heisst es in Ihrem Buch. Können Sie das konkretisieren?
Wir leben im euphorischen Zeitalter der europäischen Integration, das mit dem Mauerfall begann. Der Fall der Berliner Mauer wurde zur Metapher, die Entgrenzung zur Normalität. Wir übersehen dabei häufig, dass in weiten Teilen der Welt das Gegenteil der Fall ist. Die Grenze zwischen Mexiko und den USA beispielsweise wurde in den letzten Jahren zu einer der am besten bewachten hochgerüstet, die die Menschheit je gesehen hat. Die Grenze zwischen Israel und Palästina ist schärfer denn je, und in Afrika entstehen neue Grenzen, momentan etwa im Südsudan. Wir sehen also, dass dieser Zeitgeist des Entgrenzens – noch – ein europäisches, kein globales Phänomen ist.

Gegentendenzen sehen Sie in Europa keine?
Doch, in der Kunst wird derzeit sehr intensiv über die Notwendigkeit von Grenzen nachgedacht. Man denke an den Karikaturenstreit. Oder an die doch sehr erstaunliche Forderung nach einer Wiedereinführung einer Art von Zensur durch einen bekannten Schriftsteller wie Martin Mosebach. Und auch in der Politik provozieren Krisen den Ruf nach neuen oder alten Grenzen, und auch in Europa könnten neue Grenzen entstehen, etwa zwischen England und Schottland oder in Spanien. Wenngleich deren Bedeutung eher folkloristischer Natur sein dürfte.

Was halten Sie eigentlich von der Schweizer Aussenpolitik, die sich ja primär über die Abgrenzung gegenüber der Europäischen Union definiert?
Ich finde, die Schweiz verhält sich klug. Sie profitiert von verschiedenen Vorteilen der europäischen Integration, von den offenen Grenzen, setzt sich aber durch ihre eigenständige Währungs- und Wirtschaftspolitik nicht den Gefährdungen aus, mit denen die EU-Zone derzeit konfrontiert ist. Andererseits fände ich es gut, wenn die EU das Schweizer Modell, das das Zusammenleben verschiedener Kultur vorbildhaft regelt, studieren und ihre Lehren daraus ziehen würde.

In den letzten Monaten, zumal nach dem Tod von Eric Hobsbawn, wurde verstärkt über ein Comeback kommunistischer Ideen diskutiert. Was halten Sie, der Sie als Student dem Marxismus zugeneigt waren, davon?
Der Kommunismus als politische Bewegung hat überhaupt keine Chance mehr, da sind die historischen Beispiele schlicht viel zu abschreckend. Das wurde auch mir bereits als jungem Studenten sehr schnell sehr klar. Die Beschäftigung mit einem Hobsbawn oder einem Terry Eagleton zielt allerdings auf etwas anderes. Nämlich auf die Frage, ob die Schriften von Marx oder auch anderer linker Theoretiker für die Analyse des Kapitalismus und dessen Krisen taugen. Und diese Frage glaube ich bejahen zu können. Marx’ Arbeiten hierzu sind umfangreich und scharfsinnig zugleich, seine ökonomischen Hauptwerke, zumal die Folgebände des «Kapitals», sollten nicht brachliegen gelassen werden. Man kann Marx jenseits politischer Ambitionen lesen, man kann ihn lesen wie Adam Smith oder Friedrich August von Hayek. Und man soll ihn lesen dürfen, ohne gleich als Linker denunziert zu werden.

Was halten Sie eigentlich von Slavoj Žižek, dem derzeit sehr hippen slowenischen Marxisten?
Für mich ist er zu schnell unterwegs (lacht). Žižek entspricht einerseits dem neuen Typus des «global thinkers», der unglaublich viel und unglaublich schnell produziert – irgendwo im Flieger zwischen London und New York. Andererseits schafft er es meines Erachtens nicht, mit seiner Synthese von Hegel, Psychoanalyse, Hitchcock und Leninismus wirklich stimmig zu argumentieren.

Warum ist Žižek denn so populär?
Sein Auftritt, seine Rhetorik, seine Kenntnisse, seine Lust an der Provokation – das lieben die Medien. Da nehmen sie sogar ein bisschen Leninismus in Kauf. (lacht)

Sie sind medial ebenfalls stark präsent. Ist es die Pflicht eines modernen Philosophen, seine Ideen und Argumente öffentlich zu vertreten?
Es ist eine Möglichkeit. Die Orientierung in der Öffentlichkeit ist seit jeher Möglichkeit und Anliegen der Philosophie. Ein Naturwissenschaftler muss kein Sachbuch verfassen, das jeder versteht; er kann davon ausgehen, dass die Konsequenzen seiner Entdeckungen irgendwann einmal in Form eines technischen Apparats oder in einer besseren Therapie oder etwas Ähnlichem resultieren. Den Philosophen hingegen treibt die Frage nach dem Adressaten um, das wurde schon in der Antike diskutiert. Soll er wie Sokrates auf dem Markplatz zur Öffentlichkeit sprechen, oder soll er sich «nur» an Kollegen wenden, oder soll er sich gar in ein nichtreligiöses Eremitentum zurückziehen?

Wie halten Sies?
Ich bin ein Grenzgänger. Meine Lehrbücher etwa richten sich an Studenten; mein Nietzsche-Buch «Philosophie des verbotenen Wissens» oder meine Habilitationsschrift über Fragen der Ästhetik richteten sich auch nicht an die grosse Öffentlichkeit. Mein neues Buch, ein Essayband, hingegen schon.

Dieses ist jetzt auf dem Markt. Was bewirkt es idealerweise?
Idealerweise soll es gelesen und diskutiert werden, und es soll dem Autor ideell und materiell ein wenig von dem zurückgeben, was er in das Buch hineingesteckt hat.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.01.2013, 10:13 Uhr

Konrad Paul Liessmann (*1953) ist Philosophieprofessor an der Uni Wien. Liessmann, der in der österreichischen Öffentlichkeit ähnlich präsent ist wie Richard David Precht in Deutschland, wurde 2006 zu Österreichs «Wissenschaftler des Jahres» gewählt.

Brown, Dan, «Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft», Zsolnay, 206 Seiten, ISBN 978-3-552-05583-4, CHF 29.90.

Lob der Grenze

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