«Lesesessel» zelebriert die Alltagsprosa

Im Kulturlokal «Ono» lesen Autoren seit über vier Jahren am «Lesesessel» Geschichten vor. Nun ist ein Buch mit einer Auswahl an Texten erschienen, damit die Texte unvergänglich bleiben. Ein Besuch an der Lesung.

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Claudia Salzmann@C_L_A

Ein Lesesessel, ein Licht, ein Mikrofon, ein Musiker und fünf Autoren – mehr braucht es nicht, damit die Veranstaltung «Der Lesesessel» gut besucht wird. Im Kulturlokal «Ono» wird seit mehr als vier Jahren die Lesung «Der Lesesessel» veranstaltet. Auch nach 32 Veranstaltungen, 400 Texten und rund 100 Gästen hat das Berner Publikum vom «Lesesessel» noch nicht genug. Auch heute sind alle Stühle im Keller vom Ono besetzt.

Bevor gelesen wird, erfährt das Publikum etwas über die Autoren. Beispielsweise schreibt die Zürcher Autorin Nora Zukker in Phasen: In der ersten Phase saugt sie Erlebnisse auf, in der zweiten zieht sie sich zurück in ihr Atelier. Das Motto der 26-Jährigen: Sich in der einen von der anderen Welt erholen. Solche Einblicke sind nebensächlich, aber beim «Lesesessel» geht es auch um das Drumherum und die Atmosphäre. Dafür ist heute Kaspar von Grünigen da, der mit einer kuriosen Gitarren-Bass-Installation kuriose, erschreckende, vertraute, fremde Töne erzeugt.

Zehn Minuten darf jeder Autor lesen: Arno Camenisch erzählt von einem Bündner Stammtisch, Laura Vogt von einer Beerdigung, Sandra Rutschi liest aus ihrem Krimi «Schrebergarten», Nora Zukker über den Sonntagabend eines Paares und Heinz Helle von einem Mann, der nicht zu Hause leben möchte. Normale, aus dem Alltag gegriffene Kurzgeschichten, die den Zuhörer prächtig unterhalten.

Lacher und kleinere Pannen

So unterschiedlich wie die Geschichten sind auch die Lesestile. Die Erzählungen stehen und fallen damit: Manche lesen emotionslos, anderen hört man gerne zu. Die Auftritte leben von den Charakteren, inklusive unkontrollierter Gestik und kleineren Pannen. Einen Versprecher kommentiert Zukker mit: «Ach, erst jetzt!» Darauf erntet sie Lacher. Die Lacher häufen sich auch wegen ihrer Geschichte, die erst in der Nacht zuvor entstanden sei. Die Zürcher Autorin testet am Publikum, ob sie weiterschreiben soll. Noch gibt es Ungereimtheiten in der Geschichte, wie blühende Tulpen im März, doch die Zuhörer merken es nicht und applaudieren.

Nach dem Vorlesen kann man in einer Fragerunde die Schreibenden löchern und so hinter die Schreibkulissen blicken: Wo entstand die Geschichte von Zukker? «Im meinem Atelier in Zürich-Altstetten», erklärt die 26-Jährige. Wie wird die Geschichte weitergehen? «Ich möchte das Protagonisten-Paar weiterentwickeln. Derzeit ist die Frau zu dominant.»

Neben Geschichten bietet der «Lesesessel» auch dramatische, lyrische und an Performance grenzende Auftritte. Die Veranstaltung lebt vom Alltäglichen, von der Normalität, aber auch vom Unperfekten. Manch ein Nachwuchsautor wagt sich aus dem Atelier, um frische Alltagsprosa am Zuhörer zu testen. Trotz einigen Faux-pas scheint es dem Publikum zu gefallen. Wie die Organisatoren sagen, ist der Abend vergänglicher Art. Unvergänglich haben sie die Lesung gemacht, indem sie aus den 400 vorgetragenen Texten ausgewählt wurde und anfangs Jahr wurde das «Lesesesselbuch» publiziert.

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