In der ruhigen Ecke des globalen Flüchtlingslagers

Keiner hinterfragt sich selbst und die Gesellschaft so gewissenhaft wie er. Nun legt Lukas Bärfuss ein Buch mit Essays vor: dringlich, anschaulich und erhellend.

Lukas Bärfuss: Unerbittliche Selbsterforschung.

Lukas Bärfuss: Unerbittliche Selbsterforschung. Bild: Patric Spahni

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Es gehört eine rechte Portion Mut dazu, in der heutigen Zeit ein Buch mit dem Titel «Stil und Moral» herauszugeben. Aber am Mut, den Finger dorthin zu legen, wo es brennt, und genau hinzuschauen, bei sich selbst und bei der Gesellschaft, daran hat es Lukas Bärfuss noch nie gefehlt. Nicht in seinen Theaterstücken und nicht in seinen Romanen.

Nun legt der Autor einen Band vor mit überarbeiteten Essays aus den letzten zehn Jahren. Darin stellt er sich so unterschiedlichen Themen wie Schule, Theater, Staatsmacht und Wirtschaft oder virtuelle Welt bis hin zu den ganz grossen Begriffen wie Zeit, Raum, Freiheit oder eben Stil und Moral.

Mittlerweile ist bekannt, dass der 1971 in Thun geborene Autor am unteren Rand der Gesellschaft aufgewachsen ist und sich seinen Platz als derzeit angesehenster Schriftsteller und pointiertester Kritiker der Schweiz selbst erarbeitet hat. Davon spricht er offen, aber auch formal klingt es in den Texten an. Bärfuss geht zumeist von seiner eigenen Erfahrung aus. Erzählend schwingt er sich auf zu allgemein gültigen Schlüssen. Das macht die Essays so lesenswert.

Widersprüche scheinen Bärfuss anzuspornen

Sei es, wenn er in der Verwandlung seiner Mutter zur «Königin der Nacht» hinter dem Bartresen die Anfänge seiner Faszination für das Theater verortet. Sei es, wenn er von seiner Leseerfahrung schreibt. Davon, wie er sich bei Robert Walsers «Räuber»-Roman ertappt fühlt im Bestreben, von dessen tänzelnder Sprache etwas fürs Leben lernen zu wollen.

Widersprüche scheinen Bärfuss anzuspornen. So spürt er etwa seiner wachsenden Unlust nach, bei Volksinitiativen abzustimmen. Dies führt ihn zum Schluss, Initiativen seien wie ein lieb gewonnener, ausgelatschter Schuh – kaum mehr als ein Fetisch in der von globalen Wirtschaftszwängen beherrschten Gesellschaft. Gibt es eine Alternative? Auch diese lotet er aus.

Oft lassen sich die Widersprüche nicht auflösen. So auch nicht das Dilemma zwischen Dichten und Handeln. Im Grunde lebten wir alle in einer ruhigen Ecke eines Flüchtlingslagers, schreibt Bärfuss. Dort ist die Lektüre von Dichtung eine «moralische Sauerei»: «Wer einen Roman zu Ende gelesen hat, fragt sich nicht, wie er die Welt verändern kann, sondern welches Buch er als nächstes lesen soll.»

«Stil und Moral»: Lukas Bärfuss, 235 S., Wallstein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.06.2015, 08:55 Uhr

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