Ihr kleines Glück liegt in Beatenberg

«Der Amisbühl» heisst das neue Buch der Berner Autorin Katharina Zimmermann. Sie erzählt darin die wechselvolle Geschichte des gleichnamigen Gebäudes in Beatenberg – und gibt einen berührenden Einblick in das Leben ihrer Grosseltern. Eine Begegnung vor Ort.

Fast wie ein Liebespaar: Die Berner Autorin Katharina Zimmermann hat eine innige Beziehung zum früheren Hotel Amisbühl in Beatenberg.

(Bild: Markus Hubacher)

Die Sonne in Beatenberg strahlt und die Berner Autorin Katharina Zimmermann mit ihr. Mit dem Auto geht es von der Waldegg aus weiter hinauf – die Strasse entlang, die ihr Grossvater vor gut 100 Jahren angelegt hat. Katharina Zimmermann zeigt auf die Bäume, die den Wegrand säumen: «Mein Grossvater hat sie gepflanzt, als Allee für die Hotelgäste», sagt die 78-Jährige stolz.

Das Ziel der Reise ist der Amisbühl, das höchst gelegene Gebäude in Beatenberg. Katharina Zimmermanns Grosseltern hatten es zu Beginn des 20.Jahrhunderts zum Hotel umgebaut und während einiger Jahre betrieben. In ihrem neuen Buch «Der Amisbühl» erzählt die Autorin einfühlsam, wie hart die Grosseltern arbeiteten – und am Ende doch ihren Lebenstraum aufgeben mussten. Denn als der Erste Weltkrieg ausbrach, blieben die ausländischen Gäste weg, die zuvor nach Beatenberg geströmt waren. Inzwischen gehört das Gebäude der Stiftung Zürcher Schulferien und dient Schulklassen als Ferienheim.

Wir sind angekommen. Der Amisbühl leuchtet im Licht der Wintersonne. «Genauso muss das Gebäude zu Zeiten meines Grossvaters ausgesehen haben», erklärt die Autorin. «Seit 1912 wurde wenig daran verändert.» Das Haus wirkt etwas verloren, doch die Aussicht ist gewaltig: Vor der ehemaligen Hotelterrasse ragen Eiger, Mönch und Jungfrau auf.

Mutter machte sie neugierig

Katharina Zimmermann taucht gerne in die regionale Vergangenheit ein – sie hat unter anderem das Werk «Die Furgge» über die Verfolgung der Täufer in Schangnau verfasst. Aber sie schrieb auch mehrere Bücher, zu denen ihre eigene Familiengeschichte den Anlass gab. «Ich suche nicht nach Ideen», sagt die Autorin, die in der Berner Altstadt lebt. «Ein Thema muss mich anspringen.» So war es auch beim Amisbühl: «Nach dem Tod meines Mannes vor neun Jahren ging es mir oft nicht gut. Dann lief ich jeweils zum Amisbühl hinauf.» Schliesslich habe sie sich gefragt, weshalb sie sich hier so wohlfühle. «Es lag daran, wie meine Mutter jeweils ‹Amisbühl› sagte, wenn sie von ihrer Kindheit hier oben erzählte.» Das Glücksgefühl der Mutter habe sich auf sie übertragen. So begann Katharina Zimmermann, in der Familie nachzufragen, las alte Briefe, das Tagebuch des Grossvaters und redete mit den ältesten Bewohnern vom Beatenberg.

Das Buch, das daraus entstanden ist, erzähle das Leben ihres Grossvaters, sagt die Autorin. Doch viel stärker bleibt dem Leser die Grossmutter haften, die Katharina Zimmermann nur aus Berichten und Schriften kennt. Eine mutige, unkonventionelle, zupackende Frau. «Auf der Hochzeitsreise hat sie in einem Park in Rom einen Purzelbaum geschlagen – das war in der damaligen Zeit, als viele Frauen noch Korsette trugen, sehr ungewöhnlich», erzählt Katharina Zimmermann. Ihre grau-grünen Augen blitzen dabei auf.

Raus aus den Konventionen

Die Autorin selbst ist ebenfalls ausgebrochen. Im Alter von 30 Jahren ist sie mit ihrem Mann, einem Pfarrer, und ihren drei Kindern nach Indonesien ausgewandert, um dort Aufbauarbeit zu leisten. Später kam ein viertes Kind dazu. Gleichzeitig nahm sie fünf indonesische Kinder zu sich, um ihnen eine höhere Schulbildung zu ermöglichen. «Mein Mann und ich sind kurz vor dem Zweiten Weltkrieg geboren», erklärt Katharina Zimmermann, «wir waren deshalb vorher kaum im Ausland gewesen und wollten unbedingt die Welt kennen lernen.»

Von der Musikerin zur Autorin

Teilweise ausgebrochen ist Katharina Zimmermann auch aus ihrer eng begrenzten Rolle als Ehefrau und Mutter: Sobald die Kinder grösser wurden, begann sie zu schreiben. Kinderbücher zunächst. Dann, als sie 1980 mit ihrer Familie nach Bern zurückkehrte, Romane für Erwachsene. «Das Schreiben war immer mein Traumberuf», sagt Katharina Zimmermann. «Aber zuerst glaubte ich noch, ich könnte mich auch über die Musik ausdrücken.» Die Bernerin hatte Geige studiert, jedoch feststellen müssen, «dass es für eine Solistenkarriere nicht reicht». So besann sie sich doch aufs Schreiben.

Die Leser verschlingen ihre Werke, aber die Literaturkritiker nehmen sie kaum zur Kenntnis. Das liegt wohl daran, dass die Autorin eher persönliche Schicksale als literarische Stoffe verarbeitet. Sie schreibe, weil sie einen inneren Drang verspüre, sagt Katharina Zimmermann. Sobald sie ein Projekt habe, sitze sie jeden Tag von 8 bis 12 Uhr am Schreibtisch. Im Moment auch? Die 78-Jährige lacht: «Nein, ich warte auf eine neue Idee, die mich anspringt.»

Katharina Zimmermann: «Der Amisbühl». Zytglogge, 240 Seiten. Lesung: Dienstag, 13.März, 20 Uhr, Stauffacher, Bern.

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