Ich will Jurassic Park mit psychologischer Tiefe»

Giuliano Musio legt mit «Scheinwerfen» einen Erstling vor, der das Fantastische im Berner Alltag ansiedelt. Geschrieben hat er das Buch vorwiegend im Berner Café Kairo, wo er früher kellnerte. Eine Begegnung.

Macht das «Kairo» zum «Kamel»: Die Berner Schauplätze in Giuliano Musios Debüt sind leicht zu erkennen.

Macht das «Kairo» zum «Kamel»: Die Berner Schauplätze in Giuliano Musios Debüt sind leicht zu erkennen. Bild: Walter Pfäffli

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Da sitzt er, in der Ecke, wo das «Kairo» besonders schummrig ist. Die Kaffeetasse ist ausgetrunken, den Laptop klappt er jetzt zu, bereit für eines seiner ersten Interviews. Der Berner Autor hat für kürzere Texte bereits einige Auszeichnungen eingeheimst, doch noch wenig mit den Medien zu tun gehabt. Er sei immer ein Schreiberling gewesen, erzählt Giuliano Musio, schon als Kind. Er habe immer Grosses vorgehabt, schon damals habe es jeweils ein Jahr gedauert, bis eine Geschichte fertig gewesen sei. Schriftsteller wage er sich erst jetzt zu nennen, mit 37, wo ein richtiges Buch von ihm auf dem Tisch sei. Da liegt es, auf dem Tisch in der Berner Lorraine-Beiz, richtig und gewichtig mit seinen 400 Seiten, vieldeutig das Cover, eigenwillig der Titel: «Scheinwerfen».

Familiäre Verstrickungen

Scheinwerfen – was ist das? In Musios Roman eine Methode wie Fussreflexzonenmassage oder Kinesiologie. In ihrer Praxis im Berner Marzili bietet die Familie Weingart das Scheinwerfen an. Vom verstorbenen Vater erbten die Söhne die Fähigkeit, durch Berührung die verschütteten Erinnerungen anderer Menschen zu sehen. So helfen sie ihrer Klientel, verlegte Schlüssel wiederzufinden und verdrängte Traumata ans Licht zu bringen. Die Mutter fungiert als Managerin, die Cousine, die auch scheinwerfen kann und einen der Söhne zum Freund hat, arbeitet ebenfalls mit. Und dann taucht auch noch ein Halbbruder aus der Gosse auf und will dazugehören. Flugs wird er von der Mutter angestellt und zu ihrem Liebhaber gemacht.

Dass der Germanist Giuliano Musio mit den drei Brüdern und der Cousine mehrere Hauptfiguren ins Rennen schickt, ist mutig. Leicht könnte es passieren, dass den Lesenden eine eindeutige Identifikationsfigur fehlt. Doch das Experiment mit den wechselnden Perspektiven ist geglückt. Schnell baut sich Spannung auf, und man ahnt, dass das Scheinwerfen die Protagonisten irgendwann auch ins Innerste der eigenen Familie führen wird, wo ein dunkles Geheimnis schlummert.

Stationäres Schaffen

So skurril das Tun der Weingarts ist, so selbstverständlich, ja fast beiläufig bettet der Autor es ins alltägliche Berner Umfeld ein. Man erkennt die Schauplätze leicht. Das Café Kairo kommt zwar nicht vor, aber das «Kamel» ist ein ganz ähnliches Lokal. Wie kann man eine kompliziert strukturierte Geschichte an einem Ort schreiben, wo reges Treiben herrscht und stets die Espressomaschine zischt? Muss ein Autor sich beim Schreiben nicht konzentrieren? Der Autor bestellt noch einen Kaffee und lacht, er ist keiner, der sich im Elfenbeinturm einsam nach dem Kuss der Muse verzehrt: «Hier war es mir möglich, zehn Stunden täglich an meinem Text zu sitzen und mich dennoch als soziales Wesen zu fühlen.» Strassen und Häuser beschreibt er auch mal mithilfe von Google Streetview. «Ich bewege mich nicht gern», sagt Musio. Von seinem Geburtsort Burgdorf habe er es gerade mal nach Bern geschafft. «Und hier werde ich wohl bleiben. Ich reise kaum – wie Julius im Roman.»

Seltene Synthese

Dieser Julius hat einiges von Giuliano, seinem Autor, der als Korrektor bei der NZZ und beim Referatedienst Getabstract arbeitet: In allem gehen die beiden systematisch vor. Aus Musios Augen sprüht Begeisterung, während er von den Tabellen erzählt, die ihm als Basis für «Scheinwerfen» dienten. Ein Jahr lang habe er diese Tabellen gefüllt, für alle Figuren, auf allen Zeitebenen, bis er mit Schreiben beginnen konnte. Entstanden ist eine barocke Story, die temporeich ins Krimigenre mündet, mit Horrorelementen garniert.

Musios Hauptziel beim Schreiben ist es, Action mit echten Charakteren zu verbinden – «‹Jurassic Park› mit psychologischer Tiefe», wie er sagt. Im Film wie in der Literatur schliesse das eine das andere oft aus, «das habe ich nie eingesehen». Nun hat er die im deutschen Sprachraum seltene Synthese gewagt und überzeugt weitgehend. Im Vergleich zu den facettenreichen Hauptfiguren wirken die Nebenfiguren zwar ein- dimensional, doch das hilft auch, die Leitfäden im Erzählgeflecht nicht zu verlieren. So verstrickt man sich gern in die Schicksale der Weingarts, wähnt sich zuweilen in einem Märchen, dann wieder im real existierenden Alltag und ist in diesem Wechselbad gut unterhalten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.04.2015, 11:13 Uhr

Berner Lesefest Aprillen

Giuliano Musio stellt «Scheinwerfen» am Samstag im Rahmen von «Aprillen» vor. Weitere Buchpremieren am Berner Lesefest sind ein Hörspiel von Gerhard Meister und ein Krimi der Burgdorferin Trix Niederhauser.

Jeweils am Vorabend feiert der Anlass die Lyrik. Zu hören sind Li Mollet, die 2013 den Literaturpreis des Kantons Bern erhielt, französische Lyrik und Klaus Merz mit Judith Zander. Als Late-Night-Show präsentiert Michael Fehr Nachwuchslyriker. Jeweils um 20.30 Uhr gehört die Bühne Autoren, die gemeinsam auftreten, etwa Sherko Fatah aus dem Irak und der Dramatiker Jeton Neziraj aus Kosovo oder Melinda Nadj Abonji und der Dichter und MC Jurczok 1001.
Den Auftakt des Fests, das dieses Jahr zum zweiten Mal stattfindet, macht heute eine Lesung des Satirikers Max Goldt.

Lesefest Aprillen: 8. bis 11.April, Schlachthaus-Theater Bern, www.aprillen.ch.

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