«Ich schreibe mit kaltem Herzen»

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss hält wenig von den Rezepten, mit denen die Politik die Flüchtlingskrise bewältigen will. Sinnvoller wäre es, bei der globalen Wirtschaftsordnung anzusetzen, sagt er.

Der Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss glaubt, dass Bürger ihre Rechte nur noch lokal oder supranational wahrnehmen können.

Der Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss glaubt, dass Bürger ihre Rechte nur noch lokal oder supranational wahrnehmen können. Bild: Keystone

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Herr Bärfuss, Sie haben an der öffentlichen Diskussion zur Flüchtlingskrise teilgenommen, unter anderem in der Fernsehsendung «Arena». Was hat Sie dazu veranlasst?
Lukas Bärfuss: Die konkrete Situation. Als die Meldungen über die ertrunkenen Flüchtlinge verbreitet wurden, war ich mit meiner Familie am Mittelmeer in den Ferien. Die Urlaubsfreude wird getrübt, wenn das Meer, in dem man badet, zum Massengrab geworden ist. Wir sind dann früher nach Hause gereist, damit ich an dieser Sendung teilnehmen konnte.

Migration und Ausländer bereiten den Schweizern mehr Sorgen als die meisten anderen Themen. Ist das für Sie nachvollziehbar?
Selbstverständlich. Viele Fragen sind zu beantworten. Wie viele Menschen werden noch kommen? Wie können wir sie aufnehmen? Wie verändern sie unsere Kultur? Trotz dieser Fragen ist es nicht nötig, sich vor Menschen zu fürchten.

Die Grenzen dicht zu machen, ist also keine Option?
Das kann man ja gar nicht.

Die SVP will immerhin die Armee an die Grenze schicken.
Das ist das Getöse von einigen Extremisten. Zum letzten Mal waren im Mai 1945 Schweizer Soldaten an der Grenze stationiert. In unserer Situation wäre das übertrieben, unnötig, schädlich und nicht zu rechtfertigen.

Im Gegensatz dazu rufen linke Politiker dazu auf, 50'000 Kriegsvertriebene aufzunehmen.
Menschliches Leid lässt sich nicht berechnen und nicht in Zahlen ausdrücken. Wir brauchen stattdessen eine zusammenhängende Politik, die alle Probleme in ihrer zeitlichen Dimension berücksichtigt.

Linke wie rechte Politiker befürworten Flüchtlingshilfe vor Ort. Sie auch?
Ich halte auch diese Forderung für wenig glaubwürdig. Natürlich müssen wir den Menschen jetzt helfen, wo auch immer. Aber darüber hinaus müsste man doch die Voraussetzungen schaffen, damit diese Menschen weniger Grund haben, ihre Länder zu verlassen. Dabei geht es nicht nur um den Konflikt in Syrien, es geht auch um unsere Wirtschaftspolitik und die internationale Benachteiligung von Entwicklungsländern.

In der internationalen Wirtschaftspolitik kann die Schweiz nicht viel ändern.
Das ist eine Schutzbehauptung. Die Schweiz könnte Firmen, die hier ihren Sitz haben, für Straftaten an Umwelt und Bevölkerung in den Ländern ihrer Produktion belangen. Sie könnte andere Steuern erheben. Es ist weder logisch noch folgerichtig, auf der einen Seite stets die Unabhängigkeit zu behaupten und gleichzeitig nichts zu tun.

Sie sprechen Rohstofffirmen an.
Zum Beispiel. Sie handeln mit Gütern, auf die unsere Gesellschaft angewiesen ist. Die Gesellschaft sollte auch bestimmen, nach welchen Richtlinien die Rohstoffe produziert werden.

Für Rohstofffirmen spielt es keine grosse Rolle, wo sie arbeiten. Sie können ihren Standort rasch wechseln. Mit strengeren Gesetzen sorgt die Schweiz dafür, dass solche Firmen wegziehen. Am Missstand ändert sich nichts.
Das ist ein schlechtes Argument. Wenn wir den Schweinehunden keinen Platz geben, suchen sie einen anderen.

Aber das ist doch so.
Aber es ist eine andere Kategorie. Wir haben darüber gesprochen, warum Menschen ihr Land verlassen. Es ist die Aufgabe eines Rechtsstaats, Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Der Kampf um eine gerechte internationale Weltordnung steht im Zweckartikel der Bundesverfassung. Ich bin nicht naiv: Sehr wohl sollen wir für unsere Interessen kämpfen. Aber wir haben auch noch andere als wirtschaftliche Interessen. Zudem kann kein Land dieses Problem alleine lösen. Das geht nur mit internationalen Kooperationen.

Sinnvollerweise müsste die Schweiz also in Kooperation mit anderen Ländern versuchen, eine bessere Weltordnung durchzusetzen?
Sie müsste es wenigstens versuchen. Falls sie es denn überhaupt noch kann, was durch die Isolation immer schwieriger wird. Die Schweiz ist kaum mehr in der Lage, international zu kooperieren. Sie wird auch je länger, je weniger gefragt. Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA wird das brutal aufzeigen: Die Schweiz hat nichts zu sagen und muss trotzdem nachvollziehen. Und wir selbst werden gleichzeitig immer unberechenbarer. Bisher war eine der Stärken der Schweiz, dass sie zwar total langweilig, aber zuverlässig war. Auch das ist vorbei.

Inwiefern unberechenbar?
Ich spreche vom Ja am 9.Februar 2014.

Sie sprechen von der direkten Demokratie. Genauer von der Volksabstimmung über die SVP-Initiative gegen Masseneinwanderung. Das Volks-Ja untergräbt die bilateralen Verträge mit der EU.
Damit haben wir uns selbst ins Knie geschossen. Oder in beide.

Im Wahlkampf wird kaum darüber gesprochen.
Gar nicht. Aber aus einem guten Grund.

Aus welchem?
Es braucht offensichtlich noch eine Volksabstimmung. Das ist unausweichlich. Wie erklärt man jetzt als Politiker der Wahlbevölkerung, von der man gewählt werden will, dass sie beim ersten Mal keinen guten Entscheid getroffen hat und sie noch mal abstimmen muss, diesmal aber bitte richtig? Das ist eine grosse Peinlichkeit für jeden Politiker im Wahlkampf.

Sie befürworten den derzeit wenig populären EU-Beitritt. Warum?
Ich möchte über die Welt, in der ich lebe, mitbestimmen. Und diese Welt ist längst nicht mehr alleine die Schweiz.

Haben Sie ein Beispiel?
Ein nichtiges Beispiel, das mir aber trotzdem zu denken gegeben hat. Letzte Woche wollte ich mit meiner Tochter eine Reitweste kaufen. Ich machte mich kundig und hatte mich für eine entschieden. Im Laden gab es dieses Modell aber nicht. Der Verkäufer beschied mir, dass sie aufgrund einer neuen EU-Norm die alten Westen zurückschicken mussten. Die neuen waren natürlich teurer, aber das war nicht mein Problem. Standardisierung halte ich meistens für sinnvoll. Allerdings möchte ich etwas dazu sagen können, wenigstens indirekt über mein Wahlrecht. Viele meiner Nachbarn haben in dieser Sache mehr zu sagen als ich, weil sie EU-Bürger sind.

Und der Nationalstaat wird zum Auslaufmodell?
Es geht ja nicht um Schutzwesten. Aber der Nationalstaat ist schlicht nicht in der Lage, sein Recht durchzusetzen. Ein Beispiel: Gerichtsstand für alle Persönlichkeitsverletzungen auf Facebook ist Palo Alto in Kalifornien, selbst wenn die Verleumdung auf Berndeutsch geschrieben wurde. Der Nationalstaat verliert sein Hoheitsgebiet. Unsere Bürgerrechte können wir nur lokal und supranational, aber nicht mehr national zur Geltung bringen.

Geben Ihnen die Probleme grosser Staatengebilde wie die Eurokrise nicht auch zu denken?
Doch, sicher.

Aufgrund der Entwicklungen in der jüngsten Vergangenheit gibt es doch einige triftige Gründe, der EU mit Skepsis zu begegnen.
Was ist denn die Alternative? Wir können diese Entwicklungen nicht rückgängig machen. Und gestalten können wir sie nur in Zusammenarbeit mit anderen. Aber skeptisch bin ich schon, weniger gegenüber der EU als gegenüber dem Schweizer Franken. An jenem Januartag, als der Schweizerische-Nationalbank-Präsident verkündete, die Untergrenze würde nicht mehr gelten, war auch ich von einem Moment auf den anderen um ein Fünftel ärmer.

Warum?
Meine Verlage sind in Deutschland, und meine Tantiemen werden zu einem grossen Teil in Euro abgerechnet. Ich bin ein Exporteur. Was war geschehen? Hatte ich schlecht gerechnet? Zu viel ausgegeben? Nichts davon. Ich fühlte mich, als hätte mich ein Schicksalsspruch der Götter aus der griechischen Tragödie getroffen. Es liegt ausserhalb meiner Kontrolle. Aber die Frage blieb mir bis heute unbeantwortet: Wem dient eine eigene Währung? Mir persönlich nicht. Den Arbeitnehmern? Auf diese Frage habe ich bis heute leider keine Antwort gefunden. Ausser vielleicht, dass das grosse Finanzkapital einen sicheren Hafen braucht.

Überschuldete EU-Länder können die Inflation anheizen. Der Franken ist stabiler als der Euro.
Faktisch ist doch der Franken an den Euro gebunden. Jedenfalls entwickelt er sich nicht frei, und die Nationalbank muss nach wie vor dafür sorgen, dass die Differenz zum Euro nicht zu gross wird.

Sie gelten als linksliberal. Stimmt das?
Das interessiert mich nicht. Als Künstler habe ich keine politische Farbe.

Sie kommen aus einem kulturellen Milieu, in dem linke Positionen verbreitet sind.
Ich glaube an die Kritik. Ich möchte die Bedingungen verstehen, warum ich wie denke. Die politische Farbe ist bloss eine Reduktion und kann nie meine Identität abbilden. Als Schriftsteller lebe ich eigentlich in gewerblichen Verhältnissen. Auch von meiner Herkunft her bin ich kleingewerblich geprägt.

Sie befürworten also die freie Marktwirtschaft?
Ich habe immer grosse Freude und Interesse am Handel gefunden. Ich war ja auch einmal Buchhändler. Der gewerbliche Austausch bringt Menschen zueinander. Kaufleute haben die Welt verbunden, und zwar lange, bevor es die Marktwirtschaft gab. Man kann sich das eine also auch ohne das andere denken.

Das klingt dann doch sehr skeptisch. Aber lassen wir das Thema Marktwirtschaft beiseite. Als Journalist recherchiere ich im Internet oder in Zeitungsartikeln über Personen, bevor ich sie interviewe. Bei Ihnen hatte ich den Eindruck, ich kann Ihre Bücher lesen und erfahre dabei sehr viel. Warum erzählen Sie so viel Persönliches?
Das ist ein schönes Kompliment. Ich versuche in meinen Büchern über das zu schreiben, was ich fürchte und liebe. Das setzt voraus, dass ich über mich schreibe. Meine Erfahrungen. Meine Empfindungen. Ich schreibe nicht, damit ich über mich geschrieben habe. Ich untersuche gewisse Dinge an meinem Fall. Ich bin in allen meinen Figuren zu finden, aber niemand sollte den Fehler begehen, das, was in meinen Büchern steht, mit meinem Leben in eine direkte Verbindung zu bringen.

Sie schreiben oft in der Ichform. Die Fakten entsprechen Ihrer Biografie. Wo liegen die Unterschiede zur Realität?
In der poetischen Haltung. Ich spiele nicht mit biografischen Fakten. Das ist nicht meine Art. Der Text findet eine Form. Dadurch entfernt er sich von mir. Ich schreibe mit kaltem Herzen.

In Ihren Büchern erfährt man mehr über Ihre Vergangenheit als über Ihre Gegenwart. Sie sind jetzt hier zu Hause bei Ihren Kindern. Sind Sie ein guter Vater?
Die korrekte Antwort wäre: Das müssen Sie meine Kinder fragen. – Jedenfalls bin ich sehr gerne Vater. Ich liebe die Vielfalt.

Mit 26 Jahren nannten Sie sich Schriftsteller, ohne ein Buch veröffentlicht zu haben. Rückblickend mag das mutig erscheinen...
... es war nicht besonders mutig...

... damals könnten es einige Leute auch als überheblich empfunden haben.
Was hatte ich schon zu verlieren? Ich riskierte, mich lächerlich zu machen. Dann hätte ich halt etwas anderes ausprobiert. Natürlich war es eine Anmassung, aber das war Teil des Spasses. Die Frechheit gehört zur künstlerischen Identität: Man schmeisst das Herz über den Zaun und springt dann hinterher. Mit zu viel Bedenken schreibt man kein Buch.

Sie haben als Autor mittlerweile viele Preise gewonnen. Sie sind Teil des Establishments, das Sie provoziert haben. Kommt es Ihnen merkwürdig vor, wenn Sie plötzlich von allen Seiten mit Lob überhäuft werden?
Das ist leider nicht der Fall, das kann ich Ihnen versichern. Die Kritik ist immer noch üppig und hat sich nicht beruhigt. Darüber freue ich mich. Es ist aber auch eine biografische Notwendigkeit, dass man sich ein bisschen etabliert. Mit den Jahren trifft man Entscheidungen. Danach hat man zu leben. Und das Leben als freier Schriftsteller bietet immer noch viel Risiko.

Hat sich Ihre Haltung geändert?
Nicht in den wesentlichen Fragen, die meine Kunst betreffen. In dieser Sache denke ich so gemässigt oder radikal wie immer. Über mein letztes Buch habe ich vieles gehört, aber nie, dass es das Buch eines beruhigten oder gesetzten Menschen sei.

Ihr letztes Buch «Stil und Moral» war gewiss nicht provokativ.
Nun, da habe ich auch anderes gehört und gelesen. Aber wie immer man die Texte beurteilt: Ich habe sie in den letzten zwölf Jahren geschrieben. Dann war ich also in der ganzen Zeit nicht provokativ. Überhaupt war ich nur selten richtig provokativ. Dann aber richtig. Das Affentheater an der Landesausstellung Expo.02 etwa war eine einmalige Gelegenheit, mit nationalen Reflexen ein bisschen Schabernack zu treiben – (lächelnd) das haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Diese Theateraufführung zum Nationalfeiertag war eine Provokation, bei der Affen ihr Unwesen trieben. Was war Ihnen daran so wichtig?
Der Bildersturm. Ich hatte die Menschen vor Augen, die mit der unmöglichen Aufgabe betraut werden, an der Landesausstellung den Nationalfeiertag einzurichten. Wir wollten mit 400asa für die Menschen, die in dreissig Jahren diese Aufgabe übernehmen, Tabula rasa machen. Wir verzichteten deshalb konsequent auf eine Schweizer Fahne und liessen Affen auftreten. Das Identifikatorische verweigerten wir. Das Resultat war ein fasnächtlicher Reinigungsfuror, der mit allem Bisherigen aufräumte. Hat sehr gut funktioniert. Die Ablehnung war wirklich flächendeckend. Ich werde nie mehr vergessen, wie Bundesrat Samuel Schmid darauf reagiert hat.

Wie hat er reagiert?
Das behalte ich für mich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.10.2015, 12:52 Uhr

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