«Ich bin so jung, und die Welt ist so alt»

Georg Büchner, vor 200 Jahren geboren, starb 23-jährig in Zürich an Typhus. Eine Ausstellung und zwei Bücher widmen sich dem grossen, zornigen Schriftsteller im Jubiläumsjahr.

Büchner mit 20 Jahren: Dieses Porträt wurde erst vor kurzem auf einem Dachboden entdeckt. Foto: Privatsammlung Eva Michel, Giessen

Büchner mit 20 Jahren: Dieses Porträt wurde erst vor kurzem auf einem Dachboden entdeckt. Foto: Privatsammlung Eva Michel, Giessen

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Die Guillotine, deren Fallbeil ganz stumpf ist vom vielen Köpfen, wurde vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ausgeliehen und steht hier symbolisch für «Dantons Tod» (1835). Ein Videofilm, auf dem mit historischem Seziergerät die Nervenstränge einer Flussbarbe freigelegt werden, erinnert an den ambitionierten Wissenschaftler, der mit seiner Untersuchung «Über das Nervensystem der Fische» an der Universität Zürich promoviert wurde. Ein Herbarium schliesslich verweist auf die Liebe zu Wilhelmine Jaeglé, die welk wurde, bevor sie blühen konnte.

Mit «Georg Bücher. Revolutionär mit Feder und Skalpell» widmet die Stadt Darmstadt ihrem berühmten Sohn eine einzigartige, über mehrere Ebenen sich erstreckende Ausstellung. Sie vermittelt ein facettenreiches Bild des zupackenden Schriftstellers, der jede Gekünsteltheit ablehnte. «Ich werfe mich mit aller Gewalt in die Philosophie, die Kunstsprache ist abscheulich, ich meine, für menschliche Dinge müsse man auch menschliche Ausdrücke finden», schreibt Büchner 1833. Zwei Jahre später formuliert er seine Ästhetik, die auf idealisierende oder überhöhte Begriffe verzichtet, in wenigen Sätzen in seiner Novelle «Lenz». Diesem ästhetischen Programm entsprechend machen Chefkurator Ralf Beil und sein Team das anschaulich, was bei Büchner immer schon anschaulich war. Vergleichbar dem jungen Goethe schuf der zornige Mann mit den unmännlichen Gesichtszügen eine geistige Welt aus der sinnlichen Welt.

Büchner liess sich, und das ist das Originäre an ihm, seine Sprache nicht vorschreiben, er schrieb sie sich selbst vor – und schuf damit Literatur, die die Welt bewegt. Die kräftigen, im hessischen Dialekt funkelnden Begriffe schielten nicht nach Nobilitierung durch gesellschaftliche Eliten – im Gegenteil, Büchner widerstand dieser Verlockung, wie die Komödie «Leonce und Lena» zeigt: Anerkennung und Applaus gelten oft nur der Oberfläche. Um aber frei zu sein im Denken, muss dieser wohlfeile Spiegel, in dem man sich wiederzuerkennen glaubt, zerstört werden.

Die Gesundheit geopfert

Dass Büchner sich Jakob Michael Reinhold Lenz nahe fühlte, ist leicht nachzuvollziehen: Wer die tradierten Regeln des Handelns und Denkens nicht beachtet und sich für neue Erfahrungen öffnet, die (noch) nicht normiert sind, läuft Gefahr, wahnsinnig zu werden. «Was ist es, das in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet?» – diese Frage allein führt in felsiges, abschüssiges Gelände, in das sich nur wenige Menschen getrauen. Dort ist Lenz, in gewisser Weise aber auch Woyzeck dem Irrsinn begegnet; und ein halbes Jahrhundert später wird Nietzsche seinen Zarathustra in noch eisigere Höhen treiben.

Das vereinzelte Individuum gilt dem Dichter und dem Denker als wahrer Gradmesser des Menschseins: Büchner wie Nietzsche geht es weniger ums vergesellschaftete Subjekt, sondern um den von Gott und der Welt verlassenen Menschen mit all seinen Ängsten, Wünschen, Begierden. Diesem, dem metaphysisch heimatlos gewordenen Homo sapiens, soll zur Wahrheit verholfen werden – auch unter dem Risiko, dass der Urheber selbst ins Verderben gerissen wird.

Büchner war einer dieser furchtbar kompromisslosen Wissenschaftler und Schriftsteller: Um zu erfahren, wie es um die Conditio humana bestellt ist, war er bereit, seine Gesundheit zu opfern. Mit nur 23 Jahren starb er, unablässig arbeitend bei zu tiefen Temperaturen, an der Spiegelgasse 12 in Zürich an Typhus. In wenigen Jahren hat er sich eine Welt erschrieben: Sein Werk ist schmal, aber von einzigartiger Qualität und Dichte. Seine Einsichten, meist wenig schmeichelhaft, eignen sich schlecht für Sonntagsreden. «Der Einzelne ist nur Schaum auf der Welle» oder «Der Hass ist so gut erlaubt wie die Liebe» sind Sätze, die wie Blitze in Abgründe leuchten, von denen wir besser nichts wissen wollen. Büchner spürte, dass sich tief unten im Ziehbrunnen menschlichen Empfindens etwas zusammenbraut, das uns unheimlich ist – und bleibt.

Büchner war ein der Freiheit verpflichteter Schriftsteller, der die Feudalordnung mit ihrer Willkürherrschaft ablehnte und die republikanische Schweiz als Vorbild lobte. Nachdem er vor den hessischen Behörden über Strassburg nach Zürich geflohen war – sein Aufruf «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!» aus dem «Hessischen Landboten» machte ihn zum Staatsfeind –, meinte er mit leiser Ironie, dass hier wenigstens nicht die Gefahr bestehe, von einer adligen Kutsche überfahren zu werden.

In Zürich hätte für ihn wie für viele andere verfolgte deutsche Intellektuelle ein neues Leben beginnen können. «Ich bin so jung, und die Welt ist so alt», lässt Büchner, dem nur noch wenige Monate bleiben, Leonce sagen. Am 19. Februar 1837 verstirbt er. Nach einer Umbettung findet sich sein Grab an der Germaniastrasse 99, wo Stadtpräsidentin Corine Mauch am nächsten Montag eine Linde pflanzen wird (ein Sturm beschädigte 2012 die alte). Und während wir den Grabspruch von Georg Herwegh lesen, stimmen wir ihm stumm zu: «Ein unvollendet Lied sinkt er ins Grab / Der Verse schönsten nimmt er mit hinab.»

Christlich motivierter Sozialist

In seiner voluminösen Biografie, die mit ihren 600 Seiten umfangreicher ist als das Werk des Schriftstellers selbst, relativiert der Mainzer Germanist und Thomas-Mann-Kenner Hermann Kurzke die in der Literaturgeschichte tradierte Bedeutung Büchners als Sozialrevolutionär. Er zeigt, dass sein «Sozialismus in erster Linie christlich motiviert war». Nicht eine abstrakte Idee von Gleichheit und Gerechtigkeit habe den Arztsohn angetrieben, sondern sein verletztes subjektives Empfinden. Die Anleihen bei der Bibel sieht Kurzke als Belege dafür, wie stark die «Geschichte eines Genies», so der Untertitel seines Buches, religiös geprägt ist.

Auch wenn Kurzke den sozialrevolutionären Impetus nicht leugnet, wie er vor allem im «Hessischen Landboten» zum Ausdruck kommt und sich in Sätzen wie «Die Justiz ist in Deutschland seit Jahrhunderten die Hure der deutschen Fürsten» Luft verschaffte, so stellt er Büchner doch vorrangig als einen Romantiker vor, der seine dunklen Ahnungen vom Untergang und Verderben in Worte fasste. «Büchner war zu gescheit, um religiös zu sein, aber zu sehnsüchtig, um es nicht zu sein», so Kurzkes Fazit.

Im Unterschied zu Hermann Kurzke hebt Jan-Christoph Hauschild in seiner stilistisch nicht so ausgefeilten Biografie den Kämpfer und Sozialrevolutionär in den Vordergrund. «Verschwörung für die Gleichheit», so der Untertitel, gibt die Richtung vor, auf die hin die Werke interpretiert werden. Die Hauptthese, dass Büchner an der «Unhaltbarkeit der gesellschaftlichen Zustände» litt, wird auf 350 Seiten redundant wiederholt und durch nichts Weiteres bereichert.

Büchner selbst hat das kämpferische und romantische Motiv, das Hauschild beziehungsweise Kurzke hervorheben, eindrücklich miteinander verbunden. In «Dantons Tod» proklamiert Saint-Just: «Da alle unter gleichen Verhältnissen geschaffen werden, so sind alle gleich, die Unterschiede abgerechnet, welche die Natur selbst gemacht hat. Es darf daher jeder Vorzüge und darf daher keiner Vorrechte haben, weder ein Einzelner noch eine geringere oder grössere Klasse von Individuen.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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