Heidegger sah die Juden als Gefahr

Im März erscheinen postum die «Schwarzen Hefte» von Martin Heidegger. Bereits bekannt gewordene Stellen zeigen ihn als Antisemiten.

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Als der Philosoph Victor Farias 1987 sein Buch «Heidegger et le nazisme» publizierte, war die Entrüstung, aber auch die Enttäuschung bei vielen französischen Intellektuellen gross: Mehr noch als in Deutschland wurde Martin Heidegger in der Grande Nation als Vorläufer des postmodernen Denkens gefeiert und verehrt. Farias machte diesem unwissenschaftlichen Heldenkult ein Ende.

Martin Heidegger, der 1933 der NSDAP beigetreten war, wollte sich nach der Machtergreifung Hitlers als «Führer des Führers» ins politische Spiel bringen. «Nur von den Deutschen kann, gesetzt, dass sie ‹das Deutsche› finden und wahren, die weltgeschichtliche Besinnung kommen», heisst es 1943/44 in seinen Vorlesungen über Parmenides und Heraklit. Da die «Welt aus den Fugen» sei und «in Flammen» stehe, scheint für Heidegger die Stunde gekommen, um die Einsicht in die Notwendigkeit einer Seinsumkehr politisch umzusetzen. Die Deutschen seien in der Nachfolge der Griechen ein «metaphysisches Volk» und dazu berufen, die globale Seinsvergessenheit zu überwinden.

Im Vorwort zur deutschen Ausgabe der Farias-Studie weist Jürgen Habermas darauf hin, dass Heidegger in einer 1942 gehaltenen Vorlesung über Hölderlin von der «geschichtlichen Einzigkeit des Nationalsozialismus» sprach. Im Unterschied zur politischen Ausrichtung sei Heideggers «Antisemitismus, für den es auch noch aus der Nachkriegszeit Zeugen gibt, vom üblichen kulturellen Schlage» gewesen. Dass dem nicht so sein dürfte, zeigen nun einzelne, bereits publik gewordene Passagen aus den «Schwarzen Heften», die als Abschluss der Gesamtausgabe im März erscheinen. Beim «Meister aus Deutschland», so der Titel von Rüdiger Safranskis Heidegger-Biografie, ist der Antisemitismus mehr: Teil seines Denkens.

«Entwurzelt» und «weltlos»

Peter Trawny, Herausgeber des intellektuellen Tagebuchs, das Heidegger von Anfang der 30er- bis in die 70er-Jahre führte, spricht in der Wochenzeitung «Die Zeit» von einem «seinsgeschichtlichem Antisemitismus» mit erschreckendem Ausmass. Als überzeugter Nationalsozialist und Parteigänger bediene sich Heidegger nicht bloss des ubiquitären Antisemitismus, sondern denke ihn bis ans bittere Ende weiter. Wurde die These von der «Verjudung des deutschen Geisteslebens» damals von breiten Bevölkerungskreisen kolportiert, so blieb es dem Philosophen vorbehalten, diesen Prozess wortreich zu begründen.

Darf man den im Sender France Culture vorgetragenen Zitaten glauben, so lässt sich das Theoriekonstrukt von Martin Heidegger so zusammenfassen: Da das «Weltjudentum», diese «gefährliche internationale Verbindung der Juden», so Heidegger 1933 gegenüber Jaspers, überall verstreut und damit «bodenlos» sei, müsse es im Gegensatz zu den «erd- und bluthaften Kräften» des deutschen Volkes als «entwurzelt» bezeichnet werden. Daraus resultiere zwar eine Stärke für abstraktes Denken, konkret die «Begabung für das Rechnerische», aber dieser «bodenlosen» Rationalität fehle die Anbindung an die Welt: Das ist nach Martin Heidegger der Grund für die «Weltlosigkeit» des Judentums. Wie wertlos angeblich weltlose Menschen behandelt werden können, das hat die Geschichte danach gezeigt!

Darf ein Philosoph, den viele für den grössten des 20. Jahrhunderts halten, sich so verirren? Eine neue Heidegger-Debatte ist schon vor der Publikation der «Schwarzen Hefte» lanciert.

Tages-Anzeiger

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