Interview

«Hätte, könnte, sollte ich nicht doch lieber...»

InterviewDie Generation der 30-Jährigen hat scheinbar alles und ist dennoch unglücklich. Autorin Nina Pauer erklärt wieso.

Wir vermissen ein «Wir»-Gefühl jenseits des grossen «Ich-Projekts»: Nina Pauer.

Wir vermissen ein «Wir»-Gefühl jenseits des grossen «Ich-Projekts»: Nina Pauer.

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Frau Pauer, Sie sehen sich als Repräsentantin der jungen, urbanen Menschen um die 30. Wieso ist diese Generation ängstlicher als andere vor ihr?
In uns herrscht ein diffuses Gefühl der Nervosität, der ständigen Angespanntheit und der Zweifel vor. Wir können kaum zur Rast kommen, stehen andauernd unter Strom und hinterfragen uns immerzu. Der Druck, sich selbst zu verwirklichen, ist spätestens seit dem Abschluss der Schule präsent. Dabei sind wir die angstbefreiteste Generation seit langem!

Wieso?
Aus den Medien erfahren wir ständig von irgendwelchen Bedrohungen: Von Vogelgrippe über Aschewolke bis zu Kriegen in fernen Ländern. Doch wir zucken bloss mit den Schultern, denn wir sind aufgewachsen mit diesen Bedrohungsszenarien. Eigentlich betroffen, das waren wir nie.

Wir haben also Luxusprobleme?
Die Probleme haben ihre Wurzeln in unserer Privilegiertheit. Dennoch finde ich es wichtig zu sagen, dass Luxusprobleme keine Pseudoprobleme sind: Sie äussern sich ganz manifest: als Schlafstörungen, chronische Rückenschmerzen, Blasenentzündungen, Kopfschmerzen. Und ich glaube auch kaum, dass jemand rein aus Spass an der Freude zum Therapeuten läuft. Insofern sind diese Probleme ernst zu nehmen, auch wenn sie «nur» in unserem Kopf entstehen.

Zu Beginn ihres Buch erwähnen Sie, dass wir die Generation «gar nichts» sein wollen. Wir wollen uns keinen Stempel aufdrücken lassen, wir wollen uns nicht schubladisieren lassen. Wieso?
Die Begriffe, mit denen man uns labeln will – Generation Facebook, Generation Praktikum – greifen zu kurz. Sie suggerieren entweder eine fröhlich-hedonistische Grundeinstellung (Facebook) oder eine rein ökonomisierte (Praktikum). Doch obwohl wir von der ewigen Schubladisierung müde geworden sind, gibt es Grundgefühle, die uns als Generation einen. Über die wollte ich schreiben, ohne uns ein weiteres Label zu geben.

Sind wir vielleicht zu rational, zu differenziert?
Wir sind sehr nüchtern. Es war nie so, dass wir naiv in die Welt der ewigen Möglichkeiten gestartet sind. Das Problem ist unsere Verkopftheit. Wir sind eine Generation, der es schwerfällt, auf ihr eigenes Bauchgefühl zu hören und einfach loszulegen. Lieber denken wir noch mal drei Tage über jede Eventualität jeder einzelnen Entscheidung nach.

Im Buch haben Sie absichtlich einen weiblichen und einen männlichen Protagonisten gewählt. Wer hat es schwieriger heute?
Auf den ersten Blick hat Anna, die junge erfolgreiche Frau, den viel besseren Plan: Sie ist fit, sieht gut aus, ist leistungsfähig, dabei noch bescheiden. Sie kommt mit dem System der Selbstverwirklichung und -optimierung super zurecht, hatte immer gute Noten in der Schule und brilliert nun im Job. Dagegen scheitert Bastian, der pseudo-entspannte Langzeitstudent, der mit Anfang 30 noch komplett von seinen Eltern finanziert wird, auf ganzer Linie: Er kriegt nie irgendwas fertig, scheint mit dem Leben insgesamt nicht klarzukommen. Wenn man sich aber fragt, wer nun wirklich glücklich ist, muss man sagen: Keiner der beiden.

Wieso?
Beide leiden an dem selben Druck des ewigen Imperativs «Finde die perfekte Version deiner selbst». Hinter Annas erfolgreicher Fassade stecken die selben Probleme wie Bastian sie hat: Schlaflosigkeit, Bindungsängste, die Angst zu scheitern. Beide haben Schwierigkeiten, sich auf einen Partner einzulassen: Bastian fühlt sich schnell gestresst von einer stärkeren Frau. Anna ist niemand gut genug. Beruflich hat Anna es in jedem Fall leichter. Aber eigentlich stagnieren sie beide: Bastian indem er auf der Stelle tritt, Anna indem sie nah am Burnout in einem Hamsterrad strampelt.

Nützt uns Frauen die Tatsache, dass wir (im Allgemeinen) schon früh gelernt haben, unsere Ängste zu artikulieren. Sprich, darüber zu reden?
Ja, bestimmt. Übertragen auf die zwei Protagonisten ist Anna in jedem Fall therapiewilliger, selbstkritischer. Sie will an sich arbeiten. Bastian versteckt sich lange hinter seiner Lässigkeit. Andererseits sind wir insgesamt mittlerweile eine denk- und redebesessene Generation, die auch einsehen muss, dass man nicht nur ewig über sich selber nachdenken und reden sollte, sondern vor allem an seinem Verhalten arbeiten muss. Sonst kommt man von einer Reflektions- und Selbstzweifelgedankenspirale in die nächste und verläuft sich total in sich selber. Da sind Frauen wie Männer heutzutage gleich gefährdet.

Wir nehmen diese Ängste als individuelles Problem wahr. Im Prinzip aber geht es uns allen gleich, sind als Kollektiv davon betroffen. Würden diese Ängste also vermehrt ausgesprochen, würde ein grösserer öffentlicher Diskurs darüber geführt, ginge es uns dann besser?
Ich glaube schon. Deshalb hab ich das Buch geschrieben. In den Interviews, die ich vorher mit Gleichaltrigen geführt habe, kam immer wieder dieses Gefühl zur Sprache, alleine zu sein mit den Ängsten. Die Wahrnehmung, dass «alle anderen» besser mit dem Druck, den Zweifel und den Ansprüchen an sich selbst klarkämen. Darüber zu sprechen, das merke ich jetzt auch an den Reaktionen bei Lesungen oder an Leserbriefen, hilft allein dadurch, dass es relativiert: Ich habe keinen individuellen Schaden, sondern bin ein typisches Kind meiner Zeit. Diese Erkenntnis schafft Entlastung.

Werden unsere Ängste mit dem Alter verschwinden?
Ich hoffe, dass sich viele der Ängste relativieren werden. Vielleicht durch einen starken biographischen Schlüsselmoment - es ist sehr wahrscheinlich, dass Anna ein Burnout erleidet, Bastian wird irgendwann vielleicht sein Studium doch noch beenden und zum ersten Mal merken, dass die Welt nicht auf ihn wartet. So eine schwierige Phase kann sich dann zum Positiven wenden: Das Gefühl, dass mit 30 oder 40 noch mal Zeit für ein «Reset» ist, könnte vieles relativieren und die eigenen Ansprüche herunterschrauben.

Denken Sie, unsere Kinder werden es diesbezüglich einfacher haben?
Ich hoffe es. Ich glaube aber, die jüngere Generation leidet leider noch früher und noch stärker an dem «Castingshow»-Lebensgefühl. Der Wettbewerb und der Anspruch, schon in jungen Jahren sich selbst perfekt zu managen, im Ausland ein Praktikum gemacht zu haben, sozial kompetent und zielstrebig zu sein, hat sich noch verstärkt. Andererseits führt das vielleicht zu einem pragmatischeren Lebensgefühl. Die Jüngeren sind noch ernster und abgeklärter als wir. Aber sie können sich wieder stärker binden und sich erstmal auf nur eine Option festlegen, weil sie an uns gesehen haben, wie verrückt man sich machen kann, wenn man sich in den ewigen Konjunktiven «Hätte, könnte, sollte ich nicht doch lieber...?» verirrt.

Verraten Sie etwas über ihr neues Buch?
Im nächsten Buch interessiert mich ein Aspekt, der auch schon in «Wir haben (keine) Angst» eine Rolle spielt: Die Hyperkommunikation. Das ist in der Zwischenzeit ja noch viel schlimmer geworden: Wir sind immer präsent, bei Facebook, Twitter, in mehreren Email-Accounts, an mehreren Telefonen. Der Stress, den das Bändigen des Sozialen auslöst, ist enorm. Anna im ersten Buch führt ja To-do-Listen über die Menschen, die sie treffen muss. Das wird sie auch im zweiten Buch tun. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.01.2012, 15:15 Uhr

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Lesung

Nina Pauer liest heute im Zürcher Kaufleuten, 20.00 Uhr, zusammen mit dem Schweizer Autor Andri Perl («Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel»).

Nina Pauer

Die Hamburgerin ist Jahrgang 1982. Sie studierte Geschichte, Soziologie und Journalistik an der Universität Hamburg und der Université Michel Montaigne in Bordeaux. Sie schreibt vor allem für das Feuilleton der «Zeit» und das Magazin «Zeit».

Nina Pauer: Wir haben (keine) Angst. Fischer Verlag, ISBN: 978-3-10-060614-3, 198 Seiten, CHF 20.50.


(Bild: Fischer Verlage)

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