«Grosse Kunst hat stets etwas Triviales»

Rüdiger Safranski legt eine hervorragende Biografie über Goethe vor. Der Weimarer Dichterfürst wird als genialer Lebenskünstler beschrieben, der Leben und Werk zur Vollkommenheit entwickelte.

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Goethe-Biografien gibt es viele. Braucht es noch eine von Ihnen?
Goethe war mir stets nahe. In meinen Biografien über E. T. A. Hoffmann, Friedrich Schiller und Arthur Schopenhauer war er schon anwesend. Über Goethe selbst zu schreiben, war dann aber doch eine besondere Herausforderung für mich. Ich wollte aber nicht bloss ein weiteres Goethe-Buch schreiben, sondern einige grundsätzliche Ideen darstellen.

Ist eine dieser Ideen die des Lebens als Kunstwerk?
Goethe wurde irgendwann klar, dass es eines ist, Werke zu schaffen, etwas anderes jedoch, dem Leben selbst eine Gestalt zu geben. Die gestalterische Energie, die ins Werk floss, wollte er auch aufs Leben umlenken. Er war bestrebt, wie er in einem Brief an Lavater schreibt, die Pyramide seines Daseins «so hoch als möglich in die Luft zu spitzen». Es geht dabei nicht darum, ein harmonisches Leben abzurunden – das Leben besteht ja immer aus Kontingenz und Schicksal. Sich selbst zu formen und zu entwerfen, ist für Goethe ein existenzieller Versuch, etwas eigentlich Unmögliches möglich zu machen. Diese Arbeit an sich selbst macht ihn hochinteressant für uns, und deshalb verfolgte ich diese Spur. Goethe lesen wir auch deswegen, weil er gezeigt hat, was gelingendes Leben ist.

Entsteht Kunst nicht gerade aus Mängeln und Unglück?
In dieser Hinsicht war er anders als viele andere. Goethe war eine Figur, die keine im strengen Sinn tragischen Elemente enthielt. Zwar ist er öfter an Abgründen vorbeigeschrammt, etwa, als er den «Werther» schrieb, und er kannte auch das Gefühl der Entleerung und Haltlosigkeit; «sich selbst ausbleiben» nannte er dies einmal. Es war also nicht immer ein wohlbehütetes Leben, aber Goethe bekam es souverän in den Griff. Natürlich stand ihm auch das Glück bei.

Wie ging er mit weniger glücklichen Kollegen um?
Als Klinger und Lenz ihn 1776 in Weimar besuchten, ging Goethe auf Distanz. In seinen Augen sassen diese Literaten auf dem hohen Ross, wussten alles besser und wollten die Welt mit ihren Einsichten kurieren – dabei bekamen sie nicht mal ihr eigenes Leben geregelt. Er wirft den ehemaligen Freunden vor, genialisch die Wirklichkeit zu überfliegen, ohne die Bewährungsprobe des Lebens bestanden zu haben. Diese Haltung war Goethe zuwider, auch weil sie ihn an seine eigene Zeit als Stürmer und Dränger erinnerte. In Weimar wollte er die Herausforderung des Lebens annehmen und das richtige Leben lernen. Obwohl er zu dieser Zeit schon als literarisches Genie gehandelt wurde, hatte er das Gefühl, noch nichts geleistet zu haben. Nun wollte er in die Schule des Realismus gehen, ohne die Poesie preiszugeben.

Bestand nie die Gefahr, dass die Wirklichkeit die Kunst verdrängt?
Doch! Als ihm dies einmal drohte, brach er die Brücken in Weimar ab und machte sich auf nach Italien. Er wollte die Gefahr, dass die poetisch-künstlerische Existenz sich vor ihm verschliessen würde, bannen und das Tor durch die Flucht in die Ferne wieder aufschliessen. Auch dies ist ein Beispiel für das Gestalterische und das Sich-selbst-Verordnende seiner Existenz. Er ging zwar das Risiko ein, den Job in Weimar zu verlieren, war aber klug genug, von Rom aus mit dem Herzog in Kontakt zu treten, um weiterhin mit ihm vernetzt zu bleiben.

Finden Sie Goethe sympathisch?
Es gibt eine Reihe von Zügen, die ich grossartig finde. In den frühen 1770er-Jahren fällt ihm die Lyrik nur so in den Schoss: In der Nacht fallen ihm ganze Gedichte ein, die er schnell aufschreibt, damit sie nicht verloren gehen. Manchmal hat er nicht mal Zeit, das Blatt gerade hinzulegen. Alles ist leicht, inspiriert und ganz selbstverständlich. Den «Werther» schrieb er in vier Wochen – und doch hatte er das Gefühl: Das kann noch nicht das Leben sein!

Wieso nicht?
Wenn einem etwas so leichtfällt, hat man es ja nicht wirklich geschaffen: Es ist nicht das eigene Verdienst. Da ihm die unerträgliche Leichtigkeit des Seins schwerfällt, geht er nach Weimar, wo er erst richtig zur Welt kommen will. Diese Lebensliebe und Liebe zur Realität zeichnen Goethe aus. Was immer er anpackt, er will es ganz und mit voller Kraft tun. Alle Energie sollte so lang auf etwas gerichtet sein, bis ein neues Thema die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Immer ganz präsent sein, dieses Motto wird Goethes Lebensprinzip – und das macht auch das Universelle an ihm aus.

Waren seine Kräfte grenzenlos?
Ich sehe Goethe als einen grossen Immunologen. Er hatte schon damals etwas begriffen, was heute besonders wichtig ist. Hätte unser Körper kein Immunsystem, würden wir kollabieren. Als Kulturwesen brauchen wir etwas Ähnliches, eine Art kulturelles Immunsystem: Man muss wissen, was man in sich hineinlässt und was draussen bleiben soll: Was kann ich produktiv in mein Leben integrieren? Und wozu sollte ich auf Distanz gehen und mich nicht unter das vermeintliche Ideal der vollständigen Information und des Teilnehmens an allem und jedem stellen? Dieses Bewusstsein hatte Goethe in hohem Mass. Sein Ausdruck und Anspruch war: Die Sache, um die es geht, muss mich fördern! Da die Lebenszeit beschränkt ist, ist es wichtig, herauszufinden, was einen weiterbringt. Bloss keine Zeit verschwenden mit den Kritikern! «Widersacher kommen nicht in Betracht», pflegte er zu sagen.

Goethe hatte es sehr weit gebracht auf verschiedenen Gebieten.
Allerdings. Wenn er etwa den Herzog auf seinen Kriegszügen gegen Frankreich begleitete und es ihm zu turbulent wurde, widmete er sich dem Mineralischen und sammelte Steine – nach dem Motto: Granit gegen Hysterie! Dann sass er mitten im Kriegsgeschehen und meditierte über Steine. Das Sammeln von Steinen quasi als Ruhe- und Therapieprogramm im allgemeinen Durcheinander. Im Unterschied zu den inkonsequenten Menschen, so seine Einsicht, geht es in der Natur stets konsequent zu und her. Granit ist immer, was er ist.

Hat er sich vor der Kriegsgefahr gedrückt?
Nein. Goethe begab sich regelmässig in die Zonen, wo Todesgefahr herrschte. Mit kaltem Blick beobachtete er, was vor sich ging; und auf sein eigenes Verhalten schaute er mit dem Blick eines Insektenforschers. Er wollte sich der Erfahrung an der Front bewusst aussetzen, fast so wie Ernst Jünger in «Stahlgewitter». Therapie beim Granit und Flucht ins Stahlgewitter, das gehörte für Goethe zusammen. Er wollte das ganze Spektrum des Lebens erfahren. Und natürlich ging es ihm auch darum, zu sehen, ob er die Gefahr überstand.

Würden Sie Goethe als Intellektuellen bezeichnen?
Nein, vor allem im Kontrast mit Schiller, diesem Jean-Paul Sartre des 18. Jahrhunderts. Als Antwort auf die negativen Auswirkungen der Französischen Revolution denkt sich Schiller «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» aus. Es habe sich gezeigt, dass der Mensch nicht freiheitsfähig sei, sondern in dieser Situation verwildere. Schiller stellt die anspruchsvolle, glänzend formulierte Theorie auf über das Spiel, das zur Freiheit führt. Und was macht Goethe? Er fragt, ob es nicht auch eine Nummer kleiner geht: Uns wäre doch schon sehr geholfen, wenn die Leute wieder lernten, höflich miteinander umzugehen. Dies schreibt er in den «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter». Goethe ist ein grosser Geist, aber als Intellektuellen würde ich ihn nicht bezeichnen.

Aber als Genie!
Goethe selbst spricht von «traumwandlerischer Sicherheit». Ein Kennzeichen des Genialischen ist ja, dass etwas unwillkürlich, ohne jede Absicht geschieht. Diese traumwandlerische Sicherheit hat auch seine Produktionsweise bestimmt: Goethe hat immer die guten Momente abgepasst. Er hat sich nicht gezwungen, sondern den Kairos, den glücklichen Zeitpunkt, genutzt. Während Schiller kämpfen musste, verstand sich Goethe selbst nicht als Berufsschriftsteller. Blieb der inspirierende Funke aus, ordnete er als Angestellter des Herzogs eben die Papiere, oder er schaute nach dem Wegebau in der Region rund um Weimar. Er liess sich Zeit, um die kreativen Momente abzupassen.

Wie wichtig war die Tatsache, dass Goethe der Liebling der Mutter war?
Zu ihm ist sehr früh ein Ja gesprochen worden; er wurde eindeutig von den Eltern favorisiert. Es gab weder einen fundamentalen Selbstzweifel noch eine fundamentale Zerrissenheit mit sich selbst. Goethe hatte stets eine unhintergehbare Lebenssicherheit. Daraus entwickelte sich auch eine Selbstliebe, die aber nicht mit Egoismus gleichzusetzen ist. Zudem hatte er ein hervorragendes Gedächtnis und eine grossartige Präsenz. Da er einfallsreich und witzig war, stand er meist im Mittelpunkt von gesellschaftlichen Anlässen.

Wird Goethe auch in ferner Zukunft noch gelesen?
Goethe wird bleiben wie Shakespeare, Dante oder Cervantes. Seine Weltliteratur zählt zum Gedächtnis der Menschheit. Hier fand etwas Ausdruck, was unverlierbar ist.

Und welche Werke empfehlen Sie jungen Leuten zur Lektüre?
Neben Goethes Gedichten den «Werther». Der Roman verdichtet vieles: das Sichverlieben und den Weltschmerz, aber auch die höchst aktuelle Frage danach, was eigen und authentisch ist – und was bloss angelernt und angelesen. «Die Leiden des jungen Werther» behandelt auch den heiklen Zusammenhang von Literatur und Leben: Keiner lebt ganz sein Leben, sondern man lebt Vorlagen. Das Problem von Frischs «Stiller» wird schon hier verhandelt. Neben den Gedichten und dem «Werther» gibt es den «Faust», den dritten Leuchtturm im goetheschen Werk. Das Drama der Neuzeit, zumindest den ersten Teil dieses Jahrhundertstücks, kann man ohne Vorwissen begreifen. Grosse Kunst hat ja stets etwas Einfaches und Triviales – wie ein Kasperletheater.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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