«Folgen Sie dem Sperma oder dem Geld – so klärt sich jeder Mord auf»

Ferdinand von Schirach schreibt über Menschen, die ihren Halt verloren haben. Millionen lesen seine Krimis. Was steckt hinter seinem Erfolg?

Ferdinand von Schirach erzählt, leicht verfremdet, von realen Schicksalen. Bild: Annette Hauschild/Ostkreuz

Ferdinand von Schirach erzählt, leicht verfremdet, von realen Schicksalen. Bild: Annette Hauschild/Ostkreuz

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«Folgen Sie dem Geld oder dem Sperma. Jeder Mord klärt sich so auf.» Dies rät der erfahrene Kriminalhauptkommissar Dalger dem jungen Strafverteidiger in «Summertime», einer der elf Geschichten im 2009 erschienenen Buch «Verbrechen». Zudem sei das Offensichtliche auch das Wahrscheinliche. Den dritten Ratschlag erteilt sich der Icherzähler gleich selbst: «Die wichtigste Regel für einen Verteidiger bei der Zeugenbefragung ist, keine Fragen zu stellen, deren Antwort er nicht kennt.»

Bei so hochemotionalen Fällen wie Kapitalverbrechen gilt es, einen klaren Kopf zu bewahren – diese Devise befolgt auch der Schriftsteller und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, dessen Stil knapp, mitunter gar karg ist. In den angelsächsischen Zeitungen erscheinen Hymnen auf den Deutschen: Während die «New York Times» den «aussergewöhnlichen Stilisten» lobt, zieht der «­Independent» gewagte Vergleiche mit Klassikern wie Kafka und Kleist (dabei ist gerade die Sprache des Letzteren ganz anders).

Unaussprechlich böse

Nach «Verbrechen», das mittlerweile 29 Auflagen zählt, folgte 2010 «Schuld», und in diesem Frühjahr vervollständigte «Strafe» die Trilogie der unheimlichen Storys, die aus zwei Gründen ein so grosses, breites Publikum erreichen: Zum einen erhöht die Tatsache, dass es sich bei den von einem Strafverteidiger verfassten Geschichten um wahre Schicksale handelt, die Aufmerksamkeit der Leser. Zum anderen sind die Storys so fesselnd geschrieben, so ökonomisch und effizient in der Dramaturgie, dass es einem fast den Atem verschlägt: je näher der Abgrund, je vielfältiger die Gründe für den unvermeidlichen Niedergang, desto trockener und einfacher der Stil. «Da das Böse unaussprechlich ist», so Ferdinand von Schirach, beruhige das exakte Erzählen die Gemeinschaft.

Die Gefahr lauert an den Rändern des Sagbaren, nicht in der Benennung.

Exemplarisch zeigt sich dies in der Story «Der kleine Mann» im neuen Buch. Alles beginnt unschuldig und harmlos, und der erste Satz ist so faktentrocken, dass wir reflexartig den Haken suchen: «Strelitz ist 43 Jahre alt, unverheiratet, kinderlos.» Der stellvertretende Leiter eines Berliner Supermarkts wohnt in Kreuzberg. Sein Leben spielt sich in engen Bahnen ab; auch wenn es routiniert, ja langweilig erscheint, stört ihn dies nicht. Er geht jeden Tag seinen gewohnten Gang und beschwert sich nicht. An einem Abend allerdings bietet sich ihm eine Gelegenheit, schnell zu sehr viel Geld zu kommen. Er ergreift sie, gerät an einen knallharten Dealer, der mit allen Wassern gewaschen ist – und verliert die Balance.

Der 1965 in München geborene und heute in Berlin lebende Ferdinand von Schirach versteht es, die Auslassungen zum Sprechen zu bringen. Die Gefahr lauert an den Rändern des Sagbaren, nicht in der Benennung. Dass sich das Verbrechen im Schweigen vorbereitet, das weiss der Schriftsteller wenn nicht intuitiv, so aus Erfahrung. In Hunderten von Fällen hat Ferdinand von Schirach sich für die «Rechte der Beschuldigten» eingesetzt – so wie der Strafverteidiger in «Volksfest».

Das ZDF brachte «SCHULD nach Ferdinand von Schirach» 2015 ins Fernsehen, Moritz Bleibtreu spielte dabei den Anwalt Friedrich Kronberg.

In der ersten Story im Band «Schuld» vertritt er nach einer Massenvergewaltigung die Männer einer lokalen Blasmusik im Prozess. Sie haben in alkoholisiertem Zustand eine junge Bedienung, deren Busen sich auf ihrem nass gewordenen T-Shirt abzeichnete, hinter der Bühne brutal misshandelt. Nachdem das Amtsgericht die Männer mangels Beweisen freigesprochen hatte, «die Verteidigung richtig gewesen war», verlor der junge Anwalt, der sich extra einen neuen Anzug gekauft hatte, seine Unschuld.

Nach den 15 Kriminalfällen, die «Schuld» versammelt, sind jetzt mit «Strafe» ein Dutzend neue erschienen – unter einem Motto des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard: «Wenn alles still ist, geschieht am meisten.» Kaum war das Buch auf dem Markt, erklomm es wie seine Vorgänger die Bestsellerliste des «Spiegels».

«Wenn wir Glück haben»

Die Storys gehorchen einer gewissen Logik, aber eben nicht nur. Denn wir werden, so Ferdinand von Schirach in einem Interview mit Alexander Kluge, nicht als Verbrecher geboren. «Ich erzähle von Mördern, Drogendealern, Bankräubern und Prostituierten. Sie haben ihre Geschichten, und sie unterscheiden sich nicht sehr von uns», heisst es in der Einleitung zu «Verbrechen»: «Wir tanzen unser Leben lang auf einer dünnen Schicht aus Eis, darunter ist es kalt, und man stirbt schnell. Manche trägt das Eis nicht, und sie brechen ein. Das ist der Moment, der mich interessiert. Wenn wir Glück haben, passiert es nicht, und wir tanzen weiter. Wenn wir Glück haben.»


Collection: Krimi der Woche

Wild, wüst und witzig ist «Fuck You Very Much», der Thriller eines wahrscheinlich britischen Autors, der sich hinter dem Pseudonym Aidan Truhen versteckt.


Wir, die wir – bisher zumindest – Glück hatten, führen uns auf dem Sofa die Geschichten mit einem wohligen Schaudern zu Gemüte. Darunter findet sich auch die bewegende Story eines Strafverteidigers namens Schlesinger, der am eigenen Leib erfahren muss, «wie schnell ein Leben kippt». Oder jene des alten Herrn Meyerbeck, der sich nach der Scheidung eine Plastikpuppe besorgt: Lydia liebt er so sehr, dass er bereit ist, für sie ins Gefängnis zu gehen. Als sein Nachbar ihn nämlich pervers nannte und Lydias Gelenke verdrehte, griff er zum Baseballschläger. Wie in der Erzählung «Die Schöffin» ist auch hier «Einsamkeit in allen Dingen».

Komplizen der Tat

Solch existenzielle Themen, welche der Autor en passant antippt, verbinden und durchziehen wie ein roter Faden die verschiedenen Geschichten. Da er die Taten nicht enthumanisiert, versetzt er uns nicht in die bequeme Lage, unsere Empathie abziehen und weiterleben zu können wie bisher. Es ist umgekehrt: Ohne Anbiederung oder Verharmlosung des kriminellen Aktes (dafür ist seine Sprache zu direkt) versteht es Ferdinand von Schirach, uns in den Zeugenstand zu holen. So werden wir gleichsam zu Komplizen einer Tat, die uns so nahe ist, dass wir sie weit von uns weisen. Da wir uns im Du erkennen, erschrecken wir über uns selbst.

Zur Kunst Ferdinand von Schirachs gehört es, diesen psychischen Prozess mit seiner kühlen und ungeschminkten Art des Beschreibens in Gang zu setzen. Kein unnötiges Ornament und keine sprachlichen Schnörkel verstellen den Blick auf die Tat, die unbarmherzig grell ausgeleuchtet wird. Die Lektüre ist auch eine Art Reinigung: Wir haben Mitleid und leiden mit – bloss, um uns nach der Teilidentifikation umso heftiger von der Tat und den Tätern abzuwenden. Der Autor bringt sie uns näher, als uns lieb sein mag – und genau das mögen wir an ihm.

    Ferdinand von Schirach:
  • Verbrechen. Stories. 2009.
  • Schuld. Stories. 2010.
  • Strafe. Stories. 2018.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2018, 16:01 Uhr

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