«Es herrscht Erinnerungswut»

Vergessen ist häufig besser als sich erinnern, wobei der Holocaust explizit von dieser These ausgenommen ist: Der Münchner Historiker Christian Meier hat ein brillantes, brisantes Buch veröffentlicht.

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Eine Standardformel deutscher Politiker von Richard von Weizsäcker bis Roman Herzog lautet:Man muss die Erinnerung an den Holocaust wachhalten, damit sichso etwas nicht wiederholt.

Seitdem dieser Satz irgendwem eingefallen ist, wird er rituell wiederholt. Es ist eine Propagandaformel, aber auch ein Zückerli: Die Politiker sagen nicht bloss, Leute, ihr müsst euch erinnern, sondern die Erinnerung ist von Nutzen, «erlöst» vielleicht gar.

Gibt es in der Geschichte Beispiele dafür, dass Erinnerung die Wiederholung schlimmer Vergangenheit verhinderte?Ich kenne kein einziges Beispiel dafür, nur das Gegenteil.

Und das wäre?Die Erinnerung der Deutschen an ihre Niederlage im Ersten Weltkrieg hat erheblich zum Zweiten Weltkrieg beigetragen. Hitler hat ununterbrochen von Versailles geredet. Damit konnte er viele Leute gewinnen. Das war viel wichtiger als der Antisemitismus, mit dem er zunächst auch wenig Propaganda machte. Die Erinnerung an die Niederlage 1918 hat die Deutschen nahezu einem Wiederholungszwang ausgesetzt – mit katastrophalen Folgen.

Hier wäre das Vergessen heilsamer gewesen. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass in der Geschichte der Menschheit das Vergessen schrecklicher Taten wesentlich häufiger vorkam als das Erinnern.In der Antike und im Mittelalter ging es nach kriegerischen Konflikten, Bürgerkriegen und Revolutionen darum, einen Schlussstrich zu ziehen. Der Friede des gegenwärtigen Zusammenlebens, der Ausschluss von Rache und Bestrafung – abgesehen von Hauptschuldigen, so jedenfalls in vielen Fällen – war wichtiger als nachträgliche Gerechtigkeit. Wenn sich ganze Gruppen an erfahrenes Unrecht tätig erinnerten, konnte das den Nerv des Gemeinwesens treffen. Als Ursache für Rache war die Erinnerung an die schlimmen Vergehen und Verbrechen dem friedlichen Zusammenleben abträglich.

Der Holocaust führte im 20. Jahrhundert zu einem Paradigmenwechsel. Nun zielte alles auf Erinnerung, nichts sollte vergessen und verdrängt werden.Das ist auch richtig so. Es ist einfach unabweisbar, dass sich nicht nur die Politik, sondern die Gesellschaft insgesamt an diese Untaten und deren Opfer erinnert. Die Deutschen vernichteten sechs Millionen Juden. Die Juden waren keine Kriegsgegner. Die Deutschen unter ihnen gehörten zu uns, haben zum Teil im Ersten Weltkrieg mitgekämpft, haben zu unserem Leben, der Kunst und Wissenschaft wesentlich beigetragen. Erst wir haben sie zu Feinden gemacht – und zu Opfern. Im Normalfall treffen zwei kriegerische Parteien aufeinander, die sich bekämpfen. Beim Holocaust haben wir es mit einem völlig anderen Fall zu tun.

In der ersten Nachkriegsphase war eine umfassende Aufarbeitung der Verbrechen in Ihren Augen nicht möglich. Dies hätte die Gesellschaft überfordert. Adenauer schrieb 1949, man wolle «Vergangenes vergangen sein lassen».In einer ganz frühen Phase waren die Deutschen einfach am Boden. Aber in dem Moment, als sie die Ärmel hochkrempelten, um das Land wieder aufzubauen, wurde die Erinnerung einfach beiseitegeschoben. Man kann dies, wie die 68er es taten, «Verdrängung» nennen. Nur kann man kaum sagen, dass es ein vermeidbarer Fehler gewesen ist. Selbst die Besatzungsmächte haben manchen vom alten Regime in den Dienst genommen, bald das Interesse an der Entnazifizierung verloren. Natürlich wurden zahlreiche Täter bestraft, übrigens unter dem Sammelbegriff Kriegsverbrecher. Als unter dem Druck der Deutschen die Kriegsverbrecher freikamen, wurden auch Leute auf freien Fuss gesetzt, die sich massenhafter Judenerschiessungen schuldig gemacht hatten.

Kann man pauschal sagen, wann Vergessen, wann Erinnern besser ist?Nein, man kann das nur von Fall zu Fall entscheiden. Nach dem Sturz der Franco-Diktatur wurde in Spanien etwa das Vergessen beschlossen, dasselbe in Polen 1989. Der erste Ministerpräsident zog einen dicken Strich unter die Vergangenheit. Das ermöglichte den zeitlichen Aufschub – und damit das Weiterleben.

Ist es denkbar, dass in ferner Zukunft die Erinnerung an den Holocaust nachlässt und das Vergessen an deren Stelle tritt?Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Der Holocaust ist ein einschneidendes Ereignis, das sich nicht vergessen lässt. Natürlich gibt es unterschiedliche Arten und Intensitäten des Erinnerns. Es könnten, was ich nicht hoffen will, andere Katastrophen eintreten, hinter denen der Holocaust ein Stück weit verblassen könnte. Und die Migration wird dazu führen, dass ein immer grösserer Teil der deutschen Bevölkerung aus anderen Nationen oder Kulturkreisen kommt – das hat Konsequenzen für die Erinnerung an den Holocaust.

Ist die Voraussetzung des Vergessens nicht, dass begangenes Unrecht erst einmal anerkannt werden muss? Ich denke an die Türkei, die den Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg nicht anerkennen will.Wenn sie die Forderung nach Anerkennung des Genozids sowie seiner Opfer erfüllte, könnte das der Ausgangspunkt einer Versöhnung sein. Unter den Voraussetzungen ihres Stolzes ist das nicht ohne Kosten. Aber das deutsche Beispiel zeigt, was man durch ein Gedenkwesen in den Augen der Welt gewinnen kann. Für die Ostblockländer wird Deutschland geradezu als Vorbild hingestellt. Auch für die Aussöhnung mit den Juden hat dieses Gedenkwesen sicherlich eine grosse Rolle gespielt.

Anstelle der Helden wird heute allgemein vermehrt der Opfer gedacht.In der Tat. Hat man früher Denkmäler für Feldherren und Könige aufgestellt, bekommen heute die Opfer Denkmäler, und dies nicht nur in Deutschland. Wir nehmen die Opfer viel stärker wahr und schreiben ihnen auch mehr Recht zu als früher – auch wenn es nur das Recht ist, als Opfer anerkannt zu werden. Es muss also nicht immer Rache geübt werden. Diese Erinnerung könnte eine Basis sein für den künftigen Umgang mit vergangenem Unrecht.

Lässt sich das Thema Erinnern und Vergessen auch auf das Individuum übertragen? Ohne zu vergessen, kann der Mensch ja nicht leben.Das, was schmerzt, bleibt im Gedächtnis, heisst es bei Nietzsche. Ich bin kein Psychologe, aber meine Lebenserfahrung sagt mir, dass man vergisst oder verdreht oder dass man sich zwar erinnert, aber nicht richtig erinnert. Viele Erzählungen von Zeitgenossen über dieselben Dinge variieren mit den Jahren. Von manchen, die in den 50er-Jahren von ihrer Zeit in der Waffen-SS erzählten, hörte man später Geschichten über ihren Widerstand. Da hat sich offenbar in der Erinnerung derselben Person etwas verschoben.

Offensichtlich gibt es nicht nur das reine Erinnern und das reine Vergessen, sondern auch das vergessende Erinnern.Und wahrscheinlich gibt es auch das erinnernde Vergessen. Denn dank der Erinnerung kann man ja auch bestimmte Dinge ausschneiden.

In Deutschland herrscht heutzutage ja geradezu ein Erinnerungskult.Erinnerungswut könnte man sagen, auch wenn sie sich am Ende zumeist in leeren Formeln und Ritualen erschöpft.

Hatte Martin Walser also recht, als er von der moralischen Keule Auschwitz sprach?Inhaltlich hatte Walser nicht unrecht, auch wenn der Kontext nicht glücklich war und er sich missverständlich ausgedrückt hat. Wenn es heisst, jemand benutze die Auschwitzkeule, denkt man zuerst an die Juden: Denn wer sollte sie sonst schwingen? Dabei dachte Walser doch wohl damals an innerdeutsche Querelen.

Sagt Ihnen das Mahnmal in Berlin etwas?Es berührt mich kaum, wenn ich im Taxi daran vorbeifahre. Und wenn man es richtig bedenkt, müsste an alle Opfer erinnert werden, auch an die Zigeuner, die russischen Kriegsgefangenen, die polnische Elite usw. Wenn wir Ernst machen wollten mit dem umfassenden Gedenken, müsste auch diesen ein Denkmal gesetzt werden.

«Nach dem Sturz der Franco-Diktatur wurde in Spanien das Vergessen beschlossen, dasselbein Polen 1989.»«In der Antike und im Mittelalter ging es nach kriegerischen Konflikten darum, einen Schlussstrich zu ziehen.»

Tages-Anzeiger

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