Ein bisschen härter ist viel besser

Wer hats erfunden? «Fifty Shades of Grey» natürlich. Die Sadomaso-Literatur schreitet noch immer von Höhepunkt zu Höhepunkt.

Ihr Bestseller verändert den Buchmarkt: «Fifty Shades of Grey»-Autorin E.L. James.

Ihr Bestseller verändert den Buchmarkt: «Fifty Shades of Grey»-Autorin E.L. James. Bild: Manuel de Almeida/Keystone

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Während der Sach- und Fachbuchmarkt weiter schrumpft, meldet die Belletristik ein leichtes Plus, die BertelsmannTochter Random House für das vergangenen Jahr sogar Gewinnsprünge von 31 Prozent. Verantwortlich dafür ist E. L. James’ – allein in deutscher Übersetzung sechs Millionen Mal verkaufter – Megaseller «Fifty Shades of Grey». SoG, wie die Sadomaso-Romanze unter Fans heisst, hat den deutschen Buchmarkt verändert, literarisch wie auch strukturell: So beschleunigte etwa das begreifliche Interesse der Käufer an Diskretion den Durchbruch des E-Books.

Kaum ein Verlag, der nicht eilends mehr oder minder harten Blümchensex ins Programm genommen hat. Entnervt von unverlangt eingesandten Hausfrauenpornos in allen Grautönen, stöhnte die Goldmann-Lektorin Barbara Heinzius schon im Herbst: «Wenn ich noch mehr von dem Zeug lesen muss, muss ich in die Therapie.» Aber weder Hobbydominas noch Verleger kannten Gnade, und so erreicht die Welle der SoG-Klone in diesem Frühjahr neue Höhepunkte.

Die Titel sprechen Bände: «Gerettet durch den Milliardär», «Ausgepeitscht vom Märchenprinzen», «Sehnsucht nach Strenge», «Das geheime Verlangen der Sophie M.: Tagebuch einer unterwürfigen Liebhaberin», «Aus Lust am Schmerz. Meine Jahre als Domina», «Tu dir weh», «Stolz & Demut», «Fessle mich! Der Ratgeber für alle Fans von SoG». Kein Zweifel: «Ein bisschen härter ist viel besser.»

In diesen Trittbrettfahrerromanen lassen sich unschuldige Innenarchitektinnen, Hausmädchen und jungfräuliche Praktikantinnen von reichen Geschäftsmännern, italienischen Zwillingen oder Werbeagenturchefs Beissgeschirr und Fesseln anlegen. Gemeinsam ist ihnen das Blumencover (in der Regel lasziv geöffnete Orchideen), die aufreizend unbeholfene Sprache («Tiefschwarzes Haar umrahmte ein atemraubendes Gesicht») und die Trilogieform. So arbeitet sich Jazz Winter in drei Schritten – «Unterwerfung aus Liebe», «Absolute Hingabe», «Die Zähmung der Wildkatze» – zum Gipfel. Vina Jackson steigert in «80 Days» die Unterwerfung einer Violonistin unter einen Professor im Dreischritt Lust – Begierde – Erfüllung. Als nächstes grosses SM-Ding gilt «Beautiful Bastard» von Christine Lauren, die «Twilight»-FanFiction mit Fesselspielen kreuzt.

Das Weib bringt die Peitsche mit

In den USA wurde für junge Erwachsene, die aus dem Harry-Potter- und Vampir-Alter herausgewachsen sind, eigens das Genre «New Adult»-Fantasy entwickelt. In der Nacht sind aber alle Schatten grau, und so kaufen Leserinnen alles, was nach gefährlichen Farbspielen klingt, womöglich selbst «Between Shades of Gray», die schlimme Leidensgeschichte einer litauischen Studentin in Stalins Gulag.

Die Kritiker und Alice Schwarzer streiten noch, ob die vertraglich geregelte «neue Lust an der Unterwerfung» postfeministisch-reaktionär oder Zeichen eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins ist. Anders als bei Nietzsche («Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!») bringt die emanzipierte Frau ihre Folterinstrumente heute jedenfalls selber mit. Sie lässt sich von jedem auspeitschen, der Milliardär, unfassbar attraktiv, dominant und einfühlsam ist.

Prickelnde Partyspiele

Fesseln, warnt eine Berliner Sexshop-Inhaberin, ist «eine Kunst, die auch ganz schön nach hinten losgehen kann». Der deutsche SM-Papst Matthias Grimme und die «Bundesvereinigung Sadomasochismus» warnen eindringlich vor Dilettanten, die «nichts von ernsthaft und real gelebtem» Bondage-Sex verstehen. Marcus Gärtner von Rowohlt fürchtet eher eine Überproduktionskrise: «Da wird noch viel Geld verbrannt.»

Aber noch brummt das Geschäft. Neu gibt es das «Shades of Grey»-Paket mit Liebesperlen und Peitsche aus dem Hause Orion, das Kochbuch «50 Shades of Chicken» und ein SoG-Musical. In diesen Tagen kommt das erste «prickelnde Partyspiel für Freundinnen ab 18» auf den Markt: Wer mit der Fragekarte «Juckende Hand» am meisten InnereGöttin-Kärtchen abgreift, gewinnt; allerdings nur, wenn er vorher eine «Verschwiegenheitserklärung» unterzeichnet. Zum Valentinstag stellt Goldmann mit einer Hardcover-Ausgabe von SoG sogar die übliche Verwertungskette auf den Kopf. Man darf das Lesebändchen und den «veredelten Schutzumschlag mit Soft-Touch-Optik» ruhig hart anfassen. Auf ein paar Eselsohren oder Knutschflecken mehr kommt es nicht an, wenn die Peitsche regiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2013, 10:20 Uhr

James, E. L., «Shades of Grey 1. Geheimes Verlangen», Goldmann, 601 Seiten, ISBN 978-3-442-47895-8, CHF 14.90.

Shades of Grey. Geheimes Verlangen

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