Ein Sieger mit gemischten Gefühlen

Die Buchbranche hat ein neues Marketinginstrument: Gestern wurde der

ersteSchweizer Buchpreis an Rolf Lappert für seinen Roman «Nach Hause schwimmen» verliehen. Adolf Muschg zog sich vom Wettbewerb zurück.

Rolf Lappert, Gewinner des ersten Schweizer Buchpreises.

Rolf Lappert, Gewinner des ersten Schweizer Buchpreises.

(Bild: Keystone)

Lucie Machac@liluscha

Der mit 50000 Franken dotierte Schweizer Buchpreis soll der Schweizer Literatur mehr Prestige und Glamour verleihen, wünschte sich Marianne Sax, Präsidentin des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes (SBVV), bei der gestrigen Verleihung an der Buch.08 in Basel. Dasselbe hätte man am liebsten auch der neuen Buch.08 gewünscht, denn ohne Wegweiser hätte man das Buchfestival, versteckt hinter dem Musicaltheater in der baufälligen Halle E mitten im Niemandsland, kaum gefunden. Umso erstaunlicher, wie gut die Preisverleihung besucht war – einige der 500 Gäste mussten sich mit Stehplätzen begnügen. Dafür bekamen sie mit Rolf Lappert einen verdienten Sieger präsentiert. Der 1958 in Zürich geborene und heute in Irland lebende Autor begann schon mit zwanzig Jahren Prosa zu schreiben. 1982 legte er mit «Folgende Tage» seinen ersten Roman vor. Zwischen 1996 und 2004 arbeitete er als Drehbuchautor, unter anderem für die Sitcom «Mannezimmer» des Schweizer Fernsehens. Verhaltener SiegerSein nun preisgekrönter Entwicklungsroman «Nach Hause schwimmen», der bereits für den Deutschen Buchpreis nominiert war, ist die berührende Geschichte eines Aussenseiters, der den Tod sucht und das Glück findet. «Es ist ein zauberhaftes Buch mit langem Nachhall», resümierte Jurymitglied und DRS-2-Redaktor Hans Ulrich Probst in seiner Laudatio. Lappert selbst zeigte sich dann eher als verhaltener Sieger, dem es bei diesem literarischen Wettstreit offensichtlich nicht ganz wohl war. «Ich weiss zwar, dass ein solcher Preis nicht nur meinem Buch, sondern auch meinem Konto gut tut», meinte Lappert. Gleichzeitig sei ihm aber bewusst, dass man Literatur nicht wie Sport messen könne. Zu den Nominierten, die mit je 2500 Franken belohnt wurden, gehörten neben dem Sieger auch der Berner Lukas Bärfuss, Anja Jardine, Peter Stamm, und Adolf Muschg. Letzterer hat seine Kandidatur jedoch nach einer Lesung am Samstag sehr kurzfristig zurückgezogen – und damit für einen kleinen Eklat gesorgt. «Ein Buch gehört nicht in ein Rennen», das sei ihm schon länger klar gewesen, sagt Muschg auf Anfrage. «Ich hätte mich nicht im Spiegel anschauen können, wenn ich gegen einen Kollegen gewonnen hätte», doppelt der 74-Jährige nach. Fakt ist jedoch, dass sein von der Kritik nicht nur positiv bewerteter Roman «Kinderhochzeit» gar nicht unter den Favoriten war, wie Jurypräsidentin und «Bund»-Redaktorin Sandra Leis bestätigte. Das konnte der Altmeister zwar nicht ahnen, dennoch drängt sich die Frage auf: Wollte sich Muschg mit dem spontanen Rückzieher etwa Aufmerksamkeit verschaffen? Kritik im VorfeldWie dem auch sei, Diskussionen um den Schweizer Buchpreis gab es bereits im Vorfeld. Der Preis wurde vom SBVV als Marketinginstrument ins Leben gerufen, das den Buchhandel ankurbeln soll. Klar, wurden da Vorwürfe laut, mit dem Buchpreis werde künstlich eine Konkurrenzsituation unter Schriftstellern geschaffen. In Deutschland, wo der Deutsche Buchpreis seit 2005 verleihen wird, regt sich deswegen schon lange Widerstand: Bestsellerautor Daniel Kehlmann würde diese «demütigende Castingshow» am liebsten abschaffen. Julia Franck, Siegerin 2007, findet das Auswahlprozedere entwürdigend. Doch die Zahlen sprechen für sich: Ihr Buch «Die Mittagsfrau» verkaufte sich inzwischen 350000 Mal. Auch in der Schweiz konnten die nominierten Bücher bereits profitieren, und Lapperts Siegesroman wird es so gut wie sicher auf die Bestsellerliste schaffen. Vor diesem Hintergrund ist Kritik eher an anderer Stelle berechtigt: Für den Schweizer Buchpreis wurden ausschliesslich deutschsprachige Werke berücksichtigt. Damit waren französisch- und italienischsprachige Autoren ausgeschlossen. Ein Konzept, «das hinterfragt werden darf», wie Marianne Sax gestern einräumte. Nächstes Jahr wird sich daran jedoch nichts ändern, weil die SBVV-Partnerorganisationen aus der Romandie und dem Tessin nicht über dieselben Strukturen und Mittel verfügen. Ein ErfolgDie Verleihung des ersten Schweizer Buchpreises war dennoch ein Erfolg: Rolf Lappert kann mit der Preissumme sein Häuschen in Irland fertig bauen, der Buchhandel erhält neuen Schwung, und dank Muschgs Rückzieher können die Organisatoren sogar ein Skandälchen vorweisen. Besser hätte es kaum laufen können.

Berner Zeitung

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