Ein Schuss ins Schwarze

Es geht um Freiheit, Natur, soziale Aussenseiter und Waffen: Im neuen Roman «Hart auf hart» greift Bestsellerautor T.C.Boyle viele seiner früheren Themen auf, packt sie in einen Thriller und seziert damit die amerikanische Seele.

Althippie, erklärter Pazifist und Wortführer der Ökobewegung: Erfolgsautor T.C.Boyle in seinem Haus in Montecito.

Althippie, erklärter Pazifist und Wortführer der Ökobewegung: Erfolgsautor T.C.Boyle in seinem Haus in Montecito.

(Bild: Todd Bigelow)

«Wut» ist das Wort, das am häufigsten vorkommt im fünfzehnten Roman von Tom Coraghessan Boyle. Der US-amerikanische Erfolgsautor eröffnet «Hart auf hart» mit einem Existenzialismus, der den französischen Meistern in nichts nachsteht. Langsam zoomt Boyle seine Figur heran, entwickelt sie aus deren innerem Erleben: auf einer schlingernden Carfahrt, in der Hitze des Dschungels, mit zerreissendem Schmerz in den Gedärmen, der von verdorbenem Wasser herrührt.

Dann ein Hinterhalt mit drei unbeholfenen Räubern, der bei Sten Stensen die Sicherungen durchbrennen lässt. Reflexartig drückt er einem von ihnen die Luft ab, bis dieser leblos zusammensackt. Kurz darauf folgt ein weiterer Kurzschluss: Als Sten einen vermeintlichen Gehilfen identifizieren soll, beschuldigt er diesen, obwohl er sich ganz sicher ist, den Mann noch nie gesehen zu haben.

Held der eigenen Fantasie

Sten, ein Vietnam-Veteran, hat seine Lektion gelernt. Er weiss in seinem Innersten, dass Gewalt nicht der richtige Weg ist. Doch von seinen Mitmenschen wird er als Held gefeiert. Was aber, wenn die gleiche Wut in einem psychotisch gestörten Menschen hervorbricht? Was, wenn sie sich nicht gegen die «richtigen» Feinde richtet?

Im Zentrum von «Hart auf hart» steht nämlich nicht Sten, sondern Adam, dessen Sohn. Und dieser erlebt eine Szene, die parallel verläuft, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen. Auch ihm stellt sich ein Fremder in den Weg, auch bei ihm rebellieren die Gedärme, auch bei ihm brennen die Sicherungen durch. Ein Held ist Adam jedoch nur in seiner eigenen Fantasie, in der er sich mit einer mythisch überhöhten Figur aus der amerikanischen Geschichte identifiziert, mit dem Trapper und Waldläufer John Colter.

Freiheit. Unabhängigkeit. Wenn es sein muss mit Gewalt. Auf der Heroisierung dieses Prinzips beruht das amerikanische Selbstverständnis. Neu ist das nicht. Erstaunlich höchstens, dass es noch immer so ist, ja sogar mehr denn je. «Die amerikanische Seele ist ihrem Wesen nach hart, einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder. Sie ist noch nicht geschmolzen» schrieb D.H.Lawrence 1923. T.C.Boyle stellt das Zitat seinem Amerika-Roman voran.

Im Innern verknüpft er geschickt Motive: Vom Vietnamkrieg über bürgerwehrähnliche Zusammenschlüsse, bei denen der Griff zur Waffe nicht weit ist, bullige Staatsmacht und der Widerstand dagegen, bis hin zur Sublimierung im Golfspiel. Um wessen Freiheit geht es? Wer sind die anderen, die Feinde oder, um mit Adams Worten zu sprechen, die «Aliens»? Wann ist Gewalt legitim?

Bunker mit Waffen im Wald

Boyle bringt eine dritte Figur ins Spiel: Sara, die mit Gruppierungen sympathisiert, die gegen die Macht des Staates und der Konzerne rebellieren. Sara leistet harmlosen passiven Widerstand. Sie schnallt den Sicherheitsgurt nicht an, weigert sich, Anweisungen von Polizisten zu befolgen. Sie verfällt Adam, als sie gemeinsam den Behörden ein Schnippchen schlagen. Sara liebt Adam für seine wilde Entschlossenheit, sie liebt ihn für seinen gestählten Körper.

Sie liebt diesen durchgeknallten «kleinen Jungen», der sich in den Wäldern verbunkert, Waffenlager anlegt und Schlafmohn anbaut, um seine Vorstellungen von Freiheit und Ungebundenheit leben zu können, selbst dann noch, als alles eskaliert: Als die Polizei des ganzen Bundesstaates Adam in einem beispiellosen Manhunt nachstellt, er sie jedoch immer wieder austrickst. Und auch Sten, Adams Vater, der eigentlich an seinem Sohn verzweifelt, überkommt Stolz: «Adam war schlau. Er war schwer zu fassen. In Vietnam wäre er ein Fernspäher gewesen.»

Sarkastische Innensichten

Boyle zeigt sich in der von einer wahren Begebenheit inspirierten Fiktion einmal mehr als begnadeter Erzähler. Der Wortführer der Ökobewegung und erklärte Waffengegner legt Fährten aus und sammelt sie gut portioniert wieder ein, er fächert seine Motive zu berauschender Vielschichtigkeit auf, integriert Thrillerelemente. Neben der souveränen Komposition sind es die wissenden Innensichten im typischen, sarkastisch gefärbten T.-C.-Boyle-Sound, die den Sog dieses Buches ausmachen.

Als Leser kann man nicht anders, als sich mit den schrägen Aussenseitern so weit zu identifizieren, bis man sich die Frage stellt: Wer ist nun eigentlich schizophren? «Die Kritiker werden das Buch lieben», sagt T.C.Boyle in einer Videobotschaft auf den Seiten seines deutschen Verlages und legt lässig nach: «Es hat das Zeug zum Bestseller.» Einer solch selbstgewissen Aussage will man ungern beipflichten. Doch in diesem Fall dürfte der mittlerweile 65-jährige Autor damit ins Schwarze treffen.

«Hart auf hart»: T. C. Boyle, Hanser, 396 Seiten.

Berner Zeitung

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