Literatur

Ein Mystiker in der Literaturfabrik

LiteraturDer Schweizer Schriftsteller Michael Fehr liest am spektakulärsten deutschsprachigen Literaturwettbewerb. Dabei wird auch seine Identität auf die Probe gestellt.

Seine Texte sind mehr Visionen als Geschichten: Michael Fehr. Foto: Patrick Savolainen

Seine Texte sind mehr Visionen als Geschichten: Michael Fehr. Foto: Patrick Savolainen

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Michael Fehr weiss viel, aber vom Bachmann-Wettbewerb hat er keine Ahnung. Er will auch nichts wissen über diesen Wettbewerb, der heute beginnt und dessen Sieger am Sonntag gekürt werden. Fehr kennt diesen spektakulärsten deutschsprachigen Literaturwettbewerb und auch die berühmten Videos der Lesungen nicht. Nominiert wurde er von einem Kritiker, den er bis vor sehr kurzem gar nicht gekannt hat. Nur wenig kennt er die Prosa der Namensge­berin Ingeborg Bachmann, aber was er kennt, das mag er nicht. «Die Probleme, die Bachmann in ihren Büchern behandelt, scheinen mir vor allem feinstoffliche Privatprobleme zu sein», sagt Fehr.

Er selber will mit seiner Poesie in ganz andere Tiefen vordringen. Wenn es heute noch Mystiker gibt (und warum sollte es nicht?), dann ist Michael Fehr einer von ihnen. Er, der 1982 in Gümligen bei Bern mit einer starken Sehschwäche geboren wurde und die Welt nur verschwommen sieht, schreibt seine Texte nicht auf, sondern kreiert sie mündlich. Er hat ein Diktiergerät dabei, eine Software übernimmt das Tippen. Der schmächtige, jugendlich wirkende Mann, der die Schriften des Laotse und Meister Eckharts liebt, spricht erst seine Zeilen, Sätze und Wörter, hört seine Stimme danach als Audio-File und korrigiert sich. Täglich verbringt er Stunden murmelnd sich selber redigierend in seiner kleinen, kargen Wohnung nahe der S-Bahn-Station Ausserholligen. Er sei sehr streng mit sich, sagt er. Wenn er spricht, dehnt er die Silben gemächlich in die Länge, wie es selbst für einen Berner ungewöhnlich ist.

Einfälle, von irgendwoher

Fehrs Texte wirken mehr wie Visionen denn Geschichten. «Die Ideen fallen mir ein, von irgendwoher», sagt er. Sein letzter grosser und grossartiger Text, «Kurz vor der Erlösung», ist aus biblischem Stoff gemacht und wird durch die Erwartung eines göttlichen Ereignisses, vermutlich die Geburt Jesu, unter Spannung gesetzt. Archetypische Figuren wie «der Bauer», «der Soldat» oder «der König» auf seinem Kamel treten auf. Es gibt keine eigentliche Handlung, das Bild ist die Handlung:

«Und zur gleichen Zeit
Auf dem goldenen Kamel
gemäss den Bewegungen des Tieres sanft hin und her schwankend
Aber in festem und bequemem Reitersitz
zwischen den goldenen Hügeln
Also den Höckern
die Zügel edel und mutig und edelmütig angepackt und so
das Reittier handhabend . . .»

Irgendwann in den kommenden Tagen – die Reihenfolge der Lesungen wird heute ausgelost – wird Fehr allein an einem Tischchen in Klagenfurt sitzen. «Selber hätte ich mich nicht angemeldet», sagt Fehr. Er habe beschlossen, nicht mehr für sich zu werben, nicht mehr «Klinken zu putzen», dafür aber jedes Angebot anzunehmen.

Fehr wird also am Tischchen sitzen, und plötzlich wird da diese grelle unbarmherzige TV-Licht sein. Er wird live auf Sendung sein, 3sat wird Literatur als Casting-Show inszenieren und Michael Fehr als einen der 14 Teilnehmer dieses «Wettlesens». Ihm gegenüber wird eine siebenköpfige Jury mit Kritikern sitzen, darunter auch SRF-Moderator Juri Steiner. Steiner ist jener Kritiker, der ihn angemeldet hat und den Fehr nicht kannte.

Der Bachmann-Wettbewerb ist eine sehr prominente Bühne für junge Autoren und ein wenig mehr noch für ältere Kritiker, die hier in aller Fernsehöffentlichkeit recht grausam schon gewirkt haben. Ihre Vormacht wurde 1977 bei der Erstaustragung offenkundig, bereits hier kam es zu einer eigentlichen literarischen Vernichtung. «Dieser Text ist ein Skandal. Wen interessiert schon, was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert?», sagte Marcel Reich-Ranicki, worauf die Autorin weinend den Saal verliess. Einige Jahre später demontierte die Jury Jörg Fauser, und wiederum überliess sie Reich-Ranicki das Verdikt: «Sie gehören nicht hierher.» Das Sitzen vor den Kameras sei ihr wie das Sitzen auf einem «elektrischen Todessessel» erschienen, erinnerte sich Antonia Baum, die 2011 am Wettbewerb teilgenommen hat. Noch immer wird der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb «Autorenschlachthof» genannt, obwohl sich die Kritiker in den letzten Jahren gemässigt haben.

«Nein! Nein!»

Die Schriftsteller gingen sehr unterschiedlich mit der Herausforderung Klagenfurt um. Einige spielten offensiv mit der Bildmacht des Events und wählten die Performance: Rainald Goetz ritzte sich die Stirn, damit während seiner Lesung das Blut effektvoll auf das Textblatt tropfte. Philipp Weiss interpretierte seine Geschichte «Blätterliebe» kurios, indem er ein Manuskript aufass. Die meisten aber hatten sich angepasst. Sie hatten sich einen Anzug gekauft, ihren Text zu Hause geprobt und vielleicht noch kurz vor dem Auftritt ein paar freundliche Worte mit einem Juror gewechselt.

«Nein! Nein!», sagt Michael Fehr, auf einmal ganz laut. Er werde sich nicht anpassen in Klagenfurt und auch nicht die Erfolge früherer Autoren studieren. Er wolle einzig seinen Text gut lesen, nichts weiter. Eine gewisse Furcht schwingt mit, Fehr gibt sie offen zu: «Wie für die meisten Menschen sind äussere Erfolge und Preise auch für mich sehr verlockend. Zugleich habe ich Angst davor, in diesem Betrieb meine Identität zu gefährden.»

Sicherheit geben Fehr der Schluck Whisky, den er vor Lesungen zu trinken pflegt, vor allem aber seine Texte und deren mündliche Natur. Erst beim lauten Vortrag entfalten sie ihre volle rhythmische Wirkung, und deshalb treibt es den früheren Hobbyschlagzeuger seit Beginn seiner literarischen Karriere hinaus aus seiner Ausserholliger Klause und vor Publikum. Seine Texte haben ihn, den jungen Mann mit den schlechten Augen und der schleppenden Stimme, zum versierten Vorleser gemacht. Wenn sich die Lesung ideal entwickle, werde ihm in Klagenfurt bereits nach einer Minute Lesezeit die «Entfaltung von Präsenz» gelingen: «Es geht um die totale Stille, in der grösster Krach möglich ist.»

Doch selbst wenn Fehr eine solche Lesung gelingen sollte, sind seine Erfolgschancen gering. Auf viele «Hard­core-Prosaisten» (Fehr) dürfte sein Text zu lyrisch-sperrig wirken, seine Vorliebe für Helvetismen wird wohl vielen Juroren den Zugang erschweren. Ein Verriss der Jury würde ihn tief kränken, gibt Fehr zu. «Aber da ist auch eine zweite Stimme in mir», fügt er an. Diese Stimme werde sich so oder so melden, im Erfolg wie im Misserfolg. Sie werde ihm sagen, dass der Bachmann-Wettbewerb in Tat und Wahrheit nichts, aber auch gar nichts mit seiner Kunst zu tun habe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2014, 08:11 Uhr

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb findet vom 2. bis 6. Juli statt. Als zweite Schweizer Teilnehmerin liest Romana Ganzoni. Videoporträts der Schriftsteller und Aufnahmen der Lesungen finden sich auf der Website des Bachmannpreises.

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