«Dieser verfettete Alte, der ich bin!»

Nah wie selten: Nächste Woche erscheinen Auszüge aus dem «Berliner Journal», das Max Frisch bis 20 Jahre nach seinem Tod gesperrt hatte. Die Publikation wirft Fragen über die Rolle der Frisch-Stiftung auf.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie ruhig es ist. Und wie anders als beim letzten Mal. Wir erinnern uns: 2010, als die Frisch-Stiftung «Entwürfe zu einem dritten Tagebuch» aus dem Archiv fischte und publizierte, flogen im Feuilleton die Fetzen. «Was gilt Max Frischs Wille noch?», fragte «Die Zeit» und publizierte zwei kritische Beiträge, darunter einen Brief von Adolf Muschg, in dem sich dieser vehement gegen eine Veröffentlichung verwahrte. Es wurde eine säuerliche Debatte voller Pathos und Eitelkeit.

Nun erscheinen Teile des «Berliner Journals» aus dem Nachlass von Max Frisch (1911–1991), und niemand enerviert sich. Dabei wirft auch diese Publikation Fragen auf. Fragen zum streitbaren Verhältnis von Privatem und Öffentlichem bei diesem Autor, der sein Leben zum literarischen Material machte. Fragen auch zur Rolle der Frisch-Stiftung, zu den «juristischen Abklärungen», die der Publikation vorausgingen. Was ist das für ein Werk, das wie ein ewiges Gerücht durch die Frisch-Gemeinde geisterte?

Ausbruch aus der Schweiz

Frisch ist 61 und ein millionenschwerer Erfolgsautor, als er mit seiner Frau Marianne nach Berlin übersiedelt, in den beschaulichen Westbezirk Friedenau, wo sich die Schreibzunft gerne niederlässt. «Übernahme der Wohnung (Sarrazinstrasse 8) und Abend bei Grass. Nieren», notiert er am 6. Februar 1973.

Es ist keine Flucht aus der Schweiz, aber doch der Versuch eines Ausbruchs, eine Reaktion auch auf die Empörung, die nach der Publikation von «Wilhelm Tell für die Schule» auf ihn niederprasselte.

Gleich um die Ecke wohnt Günter Grass, nicht weit davon eine andere Grösse aus dem Umkreis der legendären Gruppe 47: Uwe Johnson, der «Puritaner», zu dem Frisch seit Jahren ein freundschaftliches Verhältnis pflegt.

Skizzenhafte Eleganz

Die gegenseitigen Besuche, sie bilden erste Fixpunkte im Berliner Leben, das Frisch in Ringheften zu dokumentieren beginnt, begleitet von obligaten Schamgefühlen («ein Zeichen, dass ich beim Schreiben schon an den öffentlichen Leser denke»). Die ersten Einkäufe auf dem Wochenmarkt, die «erste Übung in Ostfernsehen», die leichte Berliner Luft: Vom flüchtigen Zauber des Anfangs erzählen die frühen Einträge. Manche wirken eher banal, episodisch. Doch der Ton ist sofort da. Frischs Notate sind von leichter, skizzenhafter Eleganz, dabei aufs Genauste durchgearbeitet, im typischen Ton der unverhohlenen Lakonik.

Da ist einer auf der Hut vor der Welt, vor sich selbst. Man staunt über die (Selbst-)Beobachtungen, die scharf und schonungslos, ohne jedes Selbstmitleid formuliert sind. Aufrichtigkeit, so Frisch, sei eine «gelassene Art von Verzweiflung an sich selbst». Das prägt die Tonalität des Journals.

Nah wie selten kommt einem dieser Frisch, in manchen Passagen. Näher fast, als man es möchte. Sein Alkoholproblem («Kampf gegen den Alkohol, keine Woche ohne Niederlage diesbezüglich.») ist ein wiederkehrendes Thema. Auch seine Träume skizziert er («darunter viel Sex»). Seine Langeweile und seine «Flucht in die Müdigkeit», die Angst vor dem Verlust des Gedächtnisses, die Erkenntnis, dass ihm nichts Neues einfällt, seine Beleidigungslust, die Risse in der Ehe, die eigene Lächerlichkeit auch: Einmal, als ihn seine (28 Jahre jüngere) Frau zum Kleiderkaufen begleitet, wird ihm im Spiegel seine «groteske Unzumutbarkeit» bewusst: «Dieser verfettete Alte, der ich bin!»

Die Berlin-Zeit spült Vergangenes nach oben. Verdrängtes auch. Er kommt zum Schluss: «Ich habe mir mein Leben verschwiegen.» Frisch, der 61-Jährige, hält Rückschau, «privat-historisch» und literarisch. Und was er sieht, macht ihn nicht besonders glücklich. Er wundert sich, «wie brutal ich in bestimmten Situationen war, wie naiv und unbewusst, ebenso wahnwitzig in der Selbstgerechtigkeit wie in der Ungerechtigkeit gegen mich selbst».

«Lähmende Massstäbe»

Frappierend, wie wenig Frisch von seinem Gesamtwerk hält, wie unsicher er ist im Hinblick auf die Werkausgabe, die ihm nahegelegt wird. Er wundert sich über die «ziemlich horrenden Auflagen» seiner Bücher. Seit er das «Arbeitsjournal» von Bertolt Brecht gelesen hat, «sind wieder Massstäbe da, ebenso erhellend wie lähmend, Massstäbe für eine schriftstellerische Existenz».

Frisch sitzt am Schreibtisch, «fast gar nichts» will ihm gelingen. Sein Entwurf einer «Erzählung aus dem Tessin» wird von Johnson zerpflückt, er selbst findet sie «gründlich missraten», arbeitet sie immer wieder um. Jahre danach wird sie unter dem Titel «Der Mensch erscheint im Holozän» publiziert. Der Text gilt heute als bedeutendes Spätwerk.

Und das «Berliner Journal»? Herausgeber Thomas Strässle, Präsident der Frisch-Stiftung, sieht es «in der Tradition seiner grossen Tagebücher». Das sagt wenig aus. Die Unterschiede sind gewichtiger als die Gemeinsamkeiten. Frischs «öffentliche Tagebücher» von 1946 bis 1949 und 1966 bis 1971 sind streng durchkomponierte Geflechte aus erzählenden und essayistischen Texten – Porträts, zeitkritische Kommentare, Fragebögen, Reiseberichte und fiktionale Kabinettstücke.

Schon die «Entwürfe zu einem dritten Tagebuch», die Frisch nie publiziert haben wollte, fielen dagegen ab, erschienen weniger ambitioniert. Das gilt auch für das «Berliner Journal». Längere Stücke sind darin rar, und die fiktionalen Texte lassen sich an einer Hand abzählen. Einmal malt sich der Wahlberliner seine Heimat Zürich als mauergeteilte Stadt aus – und klingt dabei wie ein halber Dürrenmatt.

Grossartig aber sind die Charakterstudien, die Frisch immer wieder einstreut, knappe, scharf gezeichnete Porträts von Schriftstellern, mit denen er verkehrt: Alfred Andersch, Wolf Biermann, Jurek Becker, Hans Magnus Enzensberger, Christa Wolf. Und natürlich: Uwe Johnson und Günter Grass, dessen «Hang zur Publizität» aufs Herrlichste illustriert und verhandelt wird.

Grossartig aber auch, wie er die Atmosphäre der DDR einfängt, das geistige Klima in den Intellektuellenzirkeln zu Beginn der Siebzigerjahre. Viele gewichtige Passagen erzählen davon, wie er sich die Welt jenseits der Mauer erschliesst, staunend, prüfend, ohne Zwang zum schnellen Urteil. Aber auch ohne jenen Hang zur Romantik, von dem die Schweizer Linke damals nicht gefeit war.

Text in der «Tiefkühltruhe»

Frisch hat sich nur selten über das «Berliner Journal» geäussert. «Ich weiss nicht mehr, was drin steht, viel Krudes, so vermute ich, viele Selbstgerechtigkeiten», schrieb er 1980 an Johnson. Später erzählte er einem Journalisten, er habe es erst einmal «in den deep freezer getan», gesperrt bis 20 Jahre nach seinem Tod: «wegen der Beteiligten, die dann weiter davon weg sind». Der «deep freezer» war ein Banksafe. 2011 sichtete die Frisch-Stiftung unter ihrem damaligen Präsidenten Peter von Matt das Journal, wollte es danach aber weder der Öffentlichkeit noch der Forschung zugänglich machen.

Was nun unter dem Titel «Aus dem Berliner Journal» erscheint, ist eine Selektion, die weniger als die Hälfte der Aufzeichnungen umfasst. Drei der fünf Hefte (geschrieben zwischen 1974 und 1980) wurden komplett ausgesondert, weil sie laut Strässle «deutlich weniger sorgfältig» ausgearbeitet sind und als «private Chronik» vorab Frischs Eheleben umkreisen. Doch auch aus den beiden ersten Heften sind nicht wenige Seiten herausoperiert worden. Aus «persönlichkeitsrechtlichen Gründen».

Ob Frischs Witwe darauf drängte? Nichts deutet darauf hin. Gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sagte die 74-jährige Marianne Frisch-Oellers, sie kenne bloss die publizierten, also zusammengestrichenen Teile. Ob die Erben von Ingeborg Bachmann ihre Hand im Spiel hatten? Stiftungspräsident Strässle will sich zum Vorgehen, zu den «juristischen Abklärungen» und den gestrichenen Teilen nicht näher äussern. Das wirkt seltsam. Und hinterlässt einen fahlen Nachgeschmack.

Max Frisch: «Aus dem Berliner Journal». Herausgegeben von Thomas Strässle. Suhrkamp, Berlin. 235 S. Erscheint am 20.1. Ausschnitte aus dem Journal:

Bernerzeitung.ch/Newsnet veröffentlicht diese Woche täglich einen Ausschnitt aus dem Journal. Diese finden Sie hier unter www.frisch.bernerzeitung.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.01.2014, 13:55 Uhr

Artikel zum Thema

Neues von Max Frisch

Hintergrund Am 20. Januar erscheint Max Frischs «Berliner Journal» aus den Jahren 1973/74. Wir stellen es diese Woche in Ausschnitten vor. Mehr...

Frisch zu Besuch bei Wolf Biermann

Serie Am 20. Januar erscheint Max Frischs «Berliner Journal» aus den Jahren 1973/74. Unser heutiger Auszug führt den Autor nach Ostberlin. Mehr...

Ein Unschuldiger vor Gericht

Hintergrund Max Frischs «Berliner Journal» enthält auch einige literarische Skizzen. Heute in unserer Serie mit Auszügen: Eine Tribunalszene. Mehr...

Kommentare

Blogs

Foodblog Si und Dave, die Töfflibuben

Gartenblog Blütenlos schön

Service

Die Welt in Bildern

#covfefe? Angela Merkel bedient das fedidwgugl-Haus in Berlin - und wir schütteln den Kopf ab dem sonderbaren Wahlslogan #fedidwgugl: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben (18. August 2017).
(Bild: Michael Kappeler) Mehr...