Der rasende Alleskönner

Produktiver ist keiner, vielseitiger auch nicht: Lewis Trondheim hat 2017 bereits fünf Comicbände publiziert, darunter eine Mickymaus-Parodie, eine Krimiserie und die Autobiografie seiner Frau.

Clever, nonchalant, einsam: Privatdetektivin in Lewis Trondheims Comicserie «Maggy Garrison».

Clever, nonchalant, einsam: Privatdetektivin in Lewis Trondheims Comicserie «Maggy Garrison». Bild: zvg

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Fast hätten wirs geglaubt. Auf einem Trödelmarkt, so heissts, hätten die Comicautoren Lewis Trondheim und Nicolas Keramidas verschollene Mickymaus-Fortsetzungsgeschichten aus den Sechzigerjahren entdeckt. Was dann in «Mickey’s Craziest Adventures» zu lesen ist, sind ­angeblich gerettete Comic­episoden aus alten Zeitungen. Manche Seiten fehlen, die eine oder andere Folge wirkt verfleckt oder zu stark gerastert. Man würde wetten...

Aber nein, alles Humbug. «Mickey’s Craziest Adventures» ist kein Comic aus den Sechzigerjahren, sondern brandneu – mit Micky und Donald, wobei die beiden Disney-Figuren noch selten so haarsträubende Abenteuer mit derart saloppen Dialogen erlebt haben.

Mal werden sie geschrumpft und von Ungeziefer verfolgt, mal im Dschungel ausgesetzt, wo sie Kater Karlo und die Panzerknacker jagen sollen. Und irgendwann landet das zankende Duo auf dem Mond, wobei einer der beiden (unschwer zu erraten, wer) mit Steinen um sich wirft, die ihn dann selber treffen.

Exquisite Parodie

«Mickey’s Craziest Adventures» ist eine exquisite Parodie auf die beliebten Disney-Figuren. Dabei besteht jede «Zeitungsseite», wie es einst üblich war, aus einer kleinen abgeschlossenen Handlung. Nur wer genau hinschaut, bemerkt die Unterschiede zu den Originalcomics; Zeichner Nicolas Keramidas kann Micky, Donald und Co. nicht immer gleich «echt» wiedergeben.

Der eigentliche Motor dieser kunstvollen Spässe heisst Lewis Trondheim. Der französische Comicautor ist ein Turbo in seinem Metier: Allein 2017 hat der 53-Jährige fünf Alben veröffentlicht. Neben «Mickey’s Craziest Adventures» sind da noch zwei Bände über eine rundliche, sarkastische Privatdetektivin («Maggy Garrison»), eine Folge der Fantasyserie «Ralph Azham» sowie die Autobiografie seiner Ehefrau ­Brigitte Findakly («Mohnblumen aus dem Irak»).

Die «Mohnblumen», von Trondheim gezeichnet und von Findakly koloriert, sind Erinnerungen aus dem Irak und Frankreich, allerdings solche, die zugleich aus der Kind- und Erwachsenenperspektive erzählt werden. Das macht die Lektüre etwas schwierig, da die mit echten Fotos ergänzte Erzählung laufend zwischen Mosul und Paris hin- und herspringt. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, einem unsortierten Familienalbum zu folgen.

Ganz anders ist das bei «Maggy Garrison», wo Trondheim – wie bei «Mickey’s Craziest Adven­tures» – als Szenarist wirkt: Maggy ist eine arbeitslose junge Frau aus London, die bei einem versoffenen Privatdetektiv anheuert, der mit Vorliebe seinen Rausch ausschläft oder verprügelt im Spital liegt. Das bringt die Hauptfigur nicht aus der Fassung, auch dann nicht, als sie es mit der Unterwelt und einer korrupten Polizistin zu tun bekommt.

Mit englischem Wortwitz

Maggy, nicht besonders hübsch, aber mit gutem Bauchgefühl ausgestattet, meistert banale wie existenzielle Herausforderungen mit englischem Wortwitz. Ihren Striptease am Strand (der der Ablenkung von Dunkelmännern dient) kommentiert sie mit den Worten: «Gar nicht so einfach, im Dunkeln und mit Eis­zapfen statt Fingern die Knöpfe zu finden. Muss ich mir merken, wenn ich mal jemanden foltern will.»

Allein mit dem Bierglas

Berührend an dieser Figur ist weniger, was sie tut, als vielmehr, wie sich ihr Hadern mit sich selbst offenbart. Bestes Beispiel ist eine von Stéphane Oiry wunderbar gezeichnete Barszene mit zwölf nahezu identischen Bildern. «Wenn mir die Moralpredigten meiner Mutter fehlen würden, sässe ich nicht hier», raunzt Maggy den Barkeeper an, um sich anschliessend allein ihrem Elend und ihrem Bierglas zu widmen.

Es sind solche Szenen, die «Maggy Garrison» und ihren ­Erfinder Lewis Trondheim auszeichnen. Der Franzose ist seit knapp dreissig Jahren ein Comicallrounder. Er begann mit «Herrn Hases haarsträubende Abenteuer», einer Serie, die mit jedem neuen Band das Genre wechselte. Und er entwickelte mit Joann Sfar (dem Regisseur der «Gainsbourg»-Filmbiografie) eine Fantasyparodie namens «Donjon», die von Enten, Truthähnen und anderen schrägen Vögeln bevölkert wurde.

Aussergewöhnliches Porträt

Mit «Mickey’s Craziest Adventures» ist Trondheim seiner Vorliebe für Tierwesen treu geblieben, wobei er den parodistischen Effekt auf die Spitze getrieben hat. Die eigentliche Sensation ist jedoch, wie Trondheim Menschen porträtiert (was er bislang selten tat): «Maggy Garrison» ist ein Comic, der einer Durchschnittsexistenz folgt und Aussergewöhn­liches punkto weiblicher Selbstwahrnehmung vollbringt.

Diese Maggy ist so clever, nonchalant und einsam, dass man sie nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen hat – und am Ende des schmalen Bandes nach weiteren Geschichten dürstet. Das wiederum ist kein Problem für Comicturbo Trondheim: Der zweite «Maggy»-Band ist dieser Tage erschienen, Band 3 folgt im Januar 2018.

Lewis Trondheim:«Mickey’s Craziest Adventures», 48 S., Egmont Comic Collection. «Maggy Garrison – 1: Lach doch mal, Maggy!», «2: Der Mann in meinem Bett», 48 S., Schreiber & Leser. «Mohnblumen aus dem Irak», 112 S., Reprodukt. «Ralph Azham 9: Am Scheideweg», 48 S., Reprodukt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.08.2017, 14:58 Uhr

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