Der neue Tolstoi lebt in Zürich

Der Roman «Venushaar» hat dem Russlandschweizer Michail Schischkin zahlreiche Preise eingebracht. Jetzt liegt dieses faszinierende Gemälde menschlicher Schicksale auch auf Deutsch vor.

Heimat ist für, diesen Pendler zwischen den Ländern, letztlich die russische Sprache: Michail Schischkin.

Heimat ist für, diesen Pendler zwischen den Ländern, letztlich die russische Sprache: Michail Schischkin.

(Bild: Sabina Bobst)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Wenn Michail Schischkin in der russischen Provinz vorliest, zweifelt er keinen Moment daran, dass Literatur das Leben verändern kann. In den abgelegenen Gebieten, wo die Zeit zwischen Mittelalter und Moderne festgefroren ist, sei das Dasein so erniedrigend, dass Bücher als einziger Lichtblick erscheinen: «Während Lesungen hierzulande Events unter anderen sind, geben sie dort den Individuen ihre Würde zurück.» Er sagt das in ruhigem Ton und einer analytischen Klarheit, die seinen Aussagen eigen ist. «Gegen die Grausamkeit der Welt hilft nur die menschliche Wärme», sagt er, und Literatur habe auch die Aufgabe, die Brutalität und Gewalttätigkeit zu bekämpfen. Vor Pathos schreckt der 50-jährige Schriftsteller nicht zurück, im Gegenteil: «Jeder kann ironisch über die Liebe schreiben, pathetisch aber nicht», sagt der Autor bei unserem Gespräch im Café Neumarkt in Zürich.

In seinem Heimatland wird Michail Schischkin hoch gehandelt. Er hat alle bedeutenden Literaturpreise erhalten (den russischen Booker-Preis, den nationalen Buch-Preis usw.) und wird von den Kritikern mit den ganz Grossen der russischen Literaturgeschichte verglichen: mit Tolstoi, Michail Bulgakow und Vladimir Nabokov. Leidet er unter diesem Erwartungsdruck? Die Antwort kommt genauso schnell wie bestimmt: «Nein, ich freue mich!»

Keine Scheu vor Naivität

Insbesondere über den Vergleich mit Tolstoi, der ihn vor allem eines lehrte: keine Scheu vor Naivität zu haben. Nur so können die einfachen, die grossen Fragen gestellt werden, die die Menschen beschäftigen: Was ist die Liebe? Wie verhalten wir uns zum Tod? «Als ich sieben Jahre alt war und auf der Datscha meiner Grossmutter den Sommer verbrachte, sah ich eines Tages eine tote Katze am Strassenrand liegen. Dieses Erlebnis wühlte mich auf: Passiert das auch meiner Grossmutter und allen anderen Menschen, die ich liebe?» Bis zu der Einsicht, dass der Tod die höchste Gabe des Lebens ist, sei es ein weiter Weg gewesen.

Auch in «Venushaar», dem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman Mischkins, geht es um die Überwindung des Todes durch die Liebe und die Kunst. Auf 550 Seiten breitet der Autor ein hochkomplexes, dichtes Geflecht aus, das Erzählebenen und Geschichten miteinander verwebt: Erzählungen von Asylbewerbern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, die der «Dolmetsch», in dem der Leser den Autor vermutet, für die Schweizer Behörden übersetzen muss und die so drastisch sind, dass Wahrheit und Dichtung nicht mehr zu unterscheiden sind. Es geht aber auch um eine gescheiterte Liebe zwischen Tristan und Isolde und um das fiktive Tagebuch einer russischen Sängerin, die ihr Leben der Bühne verschrieben hat.

Pathos in der Unendlichkeit

Der faszinierende Roman verlangt dem Leser einiges an Konzentration ab: Die Wechsel der Ebenen sind subtil, und die Geschichten erreichen ein episches Ausmass, das wir von unseren helvetischen Kurzschreibern nicht kennen. Das Buch ist wie eine weite Ebene in Sibirien, auf der sich die verschlungenen Lebenswege in alle Richtungen verlaufen, bis sie, so Schischkin, in der Ewigen Stadt Rom zusammenfinden. «Am Schluss werden alle Figuren eine Person, und die vielen Stimmen finden zu einer allgemeinen Harmonie zusammen.» Wollte man «Venushaar» mit einem Film vergleichen, so am ehesten mit «The Tree of Life» von Terrence Malick. Selbst in den kleinsten Geschichten geht es in «Venushaar» ums grosse Ganze: Wer sich der Endlichkeit bewusst ist, kann nicht anders, als an die Unendlichkeit zu denken – dieses hohe Pathos erfordert eine hohe Kunst.

Je länger wir uns unterhalten, desto klarer wird: Hier spricht einer, der unbedingt, das heisst ohne Bedingungen, Autor ist und sein will. Dies belegt auch seine Replik auf die Frage, ob er vom Schreiben leben könne. «Nein, davon kann ich nicht leben, aber ich lebe.» Mehr gibt es dazu nicht zu sagen, unser Gespräch kehrt zur Literatur zurück: «Manche Schriftsteller sehen sich als Herren ihrer Romane. Ich selbst fühle mich eher als ihr Diener. Erst wenn eine Geschichte mich an den Schreibtisch ruft, entsteht ein Roman.» Manchmal geht das schnell, manchmal dauert es Wochen und Monate, bis sich die Kreativität bei ihm meldet.

Beim Schreibprozess geht es Schischkin weniger um einzelne Worte, sondern um den Raum, den sie erschliessen und in dem sie ihre Bedeutung entfalten. So bleiben die Metaphern und Bilder aus «Venushaar» auch nach der Lektüre im Gedächtnis haften: Wörter, die jemand «wie Nüsse knackt», der eisige Atem, den man «wie Zuckerwatte am Stiel» vor sich herträgt, eine Bar, «wo der fauchende Kaffeeautomat wie in einer Höhle wohnt».

Die Sprache im Gepäck

Seit 15 Jahren lebt der gebürtige Moskauer in Zürich. Dem hiesigen Publikum ist er, wenn überhaupt, als Autor von Sachbüchern etwa über «Die russische Schweiz» aufgefallen. Dabei liegen bereits vier Romane von ihm vor, einige davon sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Mit «Venushaar», 2005 im Original erschienen und schon seit vier Jahren als Bühnenfassung in Moskau zu sehen, kommt das deutschsprachige Publikum relativ spät in den Genuss der schischkinschen Poesie. Sein neuester Roman mit dem Titel «Pismovnik», der nächstes Jahr auf Deutsch erscheint, wird zurzeit ebenfalls dramatisiert. Die Premiere findet im Oktober auf der Bühne des renommierten Tschechow-Künstlertheater in Moskau statt – ein Beleg für die nachhaltige Popularität dieses Autors in seiner Heimat.

Doch was heisst schon Heimat für jemanden, der zwischen den Ländern pendelt? Das Ausland ist für ihn wie ein Spiegel: Er erkenne sich darin und sei doch immer wieder erstaunt über sich selbst – diese Selbstbeobachtung ist für Schischkin ebenso bedeutsam wie das Leben in verschiedenen Ländern. Doch Heimat sei für ihn letztlich die russische Sprache, und die habe er stets dabei auf seinen Reisen: «Ich nehme Sätze in den Mund und teste sie. Korrekt schreiben kann ich, das will ich nicht. Wie aber dann schreiben?» Er nippt am Wasserglas und schaut mich lange an, dann antwortet er selbst: «Es geht darum, im Schreiben eine Realität zu erschaffen, die Bestand hat. Die Worte können den Tod überwinden, so wie die Werke Tolstoi überlebt haben.»

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt