Der Tanz zwischen Fakten und Traum

Dank Autoren wie Lukas Hartmann und Alex Capus findet der historische Roman auch in der Schweizer Literatur zu neuer Grösse. Zeit für eine Ehrenrettung dieses populären Genres.

Emily Ruete, die Protagonistin in Lukas Hartmanns Roman «Abschied von Sansibar», auf einer Aufnahme um 1880. Foto: BKP

Emily Ruete, die Protagonistin in Lukas Hartmanns Roman «Abschied von Sansibar», auf einer Aufnahme um 1880. Foto: BKP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Literatur so leicht werden lassen, dass sie auf der Waage der Literaturkritik nichts mehr wiege: Das sei der Weg zur wirklich gewichtigen Literatur – sagte Friedrich Dürrenmatt mit Blick auf seine Kriminalromane. Mit ihren jüngsten Büchern scheinen manche Schweizer Autoren genau dies zu versuchen: auf der Strasse der scheinbar leichten Muse in Richtung literarisches Gewicht zu marschieren. Wobei die leichte Muse dabei nicht das Kriminalistische, sondern das Historische ist.

Klar, dass die dokumentarische Fiktion da sehr verschiedene Formen annimmt. So liegen etwa von Alex Capus, Ralph Dutli oder Lukas Hartmann ausführlich recherchierte historische Romane vor, die formal kaum wie Verwandte aussehen. Dutli färbt seine hochkonzentrierte Künstlerbiografie mit expressionistischem Furor ein («Soutines letzte Fahrt»). Capus führt locker drei völlig fremde Leben in irrer Zeit parallel («Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer»). Und Lukas Hartmann schaut in «Abschied von Sansibar» auf das Los einer historischen Promifamilie. Sie ähneln sich also wenig, diese drei historischen Romane, verwandt sind sie trotzdem: Sie alle bauen aufs historische Faktum, sind darum herum und in seine Lücken hineingeschrieben.

Als preiswürdig entdeckt

Das Drama zwischen Sachlichkeit und Subjektivität, das Inszenieren und Relativieren von Objektivität fesseln derzeit Theaterleute und Schriftsteller. Aber ist es nicht so, dass solche Bücher auf der Waage der Kritik prinzipiell nur wenig wiegen? Dass sie laut gängiger Meinung nichts als ein Historienspiel mit schicken selbstkritischen Volten bieten?

Dem sei hier mit Verve entgegengetreten. Und dies nicht nur, weil etwa der angelsächsische Raum den historischen Roman als preiswürdig entdeckt hat: So erhielt die Britin Hilary Mantel für ihren Cromwell-Roman «Wolf Hall» (2009) ebenso den Booker Prize wie letztes Jahr für die Fortsetzung «Bring Up the Bodies». Nein, historische Romane haben auch deshalb ihren Reiz, weil sie einem viel diskutierten Problem der Literatur auf verschärfte Weise begegnen: dem der Mimesis, also der Spannung zwischen den Polen Illusion und Invention. Die «leichten», scheinbar nur illustrierenden Romane finden bestechende Formen für diese Spannung. Selbst mit hinreissender literarischer Hochseilartistik kann das Genre dabei überraschen – wie etwa bei Dutli.

Hartmanns freies Bilderbauen

Hartmann wiederum legt – im Anhang seiner historischen Fantasie über Emily Ruete, der verstossenen Sultanstochter von Sansibar, und ihrer Kinder – seinen Umgang mit den Quellen offen. Die «Umrisse» der Personen stimmen. In der Ausgestaltung jedoch seien sie «zu meinem eigenen Bild geworden», bekennt der Autor. Die «biografischen Lücken» gewähren ihm Freiraum, und Hartmann erklärt den Tanz zwischen Fakt und Faktentraum zum Bauprinzip. Er beginnt jedes Kapitel mit einer Passage aus einem historischen Brief der Sultanstochter an ihren unversöhnlichen Halbbruder und schubst den Leser dann in eine andere, eine imaginierte Welt; erst in die des gealterten Rudolph Ruete, Sohn der Sultanstochter, später auch in die seiner Eltern und Geschwister. Die ausführliche Zeittafel wiederum und ein Quellenverzeichnis, das sich gewaschen hat, vollenden das Gerüst aus «hard facts».

Capus macht es anders: Das erste Wort des Romans lautet «Ich», er streut ein «es könnte November 1924 sein», referiert «handschriftliche Erinnerungen». Und malt doch mit so kräftigem Strich aufs Gerippe aus Fakten eine Gestalt, eine Gesellschaft, dass man das Erzähler-Ich dahinter fast vergisst. Genau da kommen Capus und Hartmann sich sehr nah: Beide verlassen sich – zu Recht – auf ihre gestalterische Kraft.

Katastrophen von ganz unterschiedlicher Dimension sammeln sich auf dem Wühltisch des Romans.

Auch bei Hartmann hat man eine fremde Welt anschaulich vor Augen: die der 1844 geborenen sansibarischen Prinzessin Salme bint Said, die von einem hanseatischen Kaufmann, eben Ruete, geschwängert wird und im August 1866 in die Kolonialstadt Aden flieht. Dort wird das Kind geboren. Auf der Überfahrt nach Hamburg stirbt es; aber für Salme, die mittlerweile Emily Ruete heisst, gibt es keine Heimkehr. In Hamburg wird sie drei weitere Kinder bekommen – Antonie (*1868), Rudolph (*1869) und Rosalie (*1870) – und 1870 ihren Mann verlieren. Er war ihr Beschützer in einer Gesellschaft, die mit einer Ex-Muslimin, einer enterbten Ex-Prinzessin nichts anfangen konnte. Aus eigener Kraft arbeitet sie sich aus der Misere heraus – mit Arabischunterricht, mit der Publikation von Memoiren. Aber während sie um ihr Erbe kämpft wie eine Löwin, macht Deutschland ihre Familie zum politischen Spielball; benutzt sie, um sich die Insel Helgoland von den Briten zurückzuholen.

Das private Schicksal einerseits und die politisch und historisch faszinierenden Nebenkriegsschauplätze andererseits inszeniert Hartmann in einer Reihe von starken Schnappschüssen: Man sieht etwa den unglücklichen kleinen Rudolph unterwegs in die Kadettenanstalt (das spart Kosten, drum beisst er die Zähne zusammen); man erfährt, weshalb seine so vernünftige grosse Schwester Antonie in ihr Unglück rennt, als sie einen strammen Kolonialbeamten heiratet, und wie die kleine Schwester Rosalie in die Pflegerinnenrolle hineinrutscht, die Mutter bis zu ihrem Tod betreut und ihre Tochter mit einem glühenden Nazi ziehen lassen muss.

Das Buch zeigt die Lebenswege von Entwurzelten, die vom 19. ins 20. Jahrhundert und seinen Wahnsinn stolpern. Das ist wie ein literarischer Museumsbesuch: Da trifft sich, beim Leser, die Lust am Bild mit der Lust am Lernen. Und Hartmann hat mehr drauf als sinnlich-seriöses Edutainment: Der Könner der Kopfreise gibt dem oft belächelten Genre des historischen Romans stets neu eine Daseinsberechtigung.

Brezniks grimmiges Graben

Etliche Autoren versuchen freilich mehr: Sie erklären sich nicht im Anhang, setzen nicht bloss sanfte auktoriale Akzente, interpretieren das Drama der Realitätsfiktion nicht nur, sondern sie thematisieren es auch. Sie verfassen literarische, gern autobiografisch grundierte Spurensuchen, in denen der Suchprozess selbst reflektiert wird. Ein Beispiel für das oft grimmige Graben nach verschüttgegangener persönlicher Geschichte ist der neue Roman von Melitta Breznik: «Der Sommer hat lange auf sich warten lassen».

Viel hatte man sich vom neuen Buch der gebürtigen Österreicherin und Wahlbündnerin erwartet. Und viel hat sie gewollt – aber zu wenig der Leichtigkeit des historischen Erzählens vertraut. Dabei gerät der Romaneinstieg – der genaue Blick auf die Situation einer Greisin in Basel 2011 – vielversprechend. Aber mit dem Perspektiven- und Zeitenhopping franst das Buch zunehmend aus. Hier lässt Breznik eine junge Frau zu Wort kommen, die sich in England eine Existenz als Modedesignerin aufgebaut hat, da spricht die besagte alte Dame, die Wiener Mutter der Designerin.

Dann wieder begleiten wir den Vater durch seine schwere Kindheit: Der österreichische Bürgerkrieg 1934 war für ihn ein grässlicher Einschnitt; er wurde damals, als Bub, in die Sowjetunion verschickt. Und schon sind wir wieder bei der Wahlengländerin, ihrem Hund, ihrer Fehlgeburt. Ihre gebrechliche Mutter ist derweil im Zug unterwegs und denkt über die verkorkste Vergangenheit nach – in der es eine Vergewaltigung am Kriegsende gab, einen suizidalen Gatten, eine schlimme Mutter-Tochter-Beziehung. Katastrophen von ganz unterschiedlicher Dimension sammeln sich auf dem Wühltisch des Romans. Aber die – oft aufdringlich erläuternde, seltsam ortlose – Erzählstimme klingt immer gleich, egal, wer spricht. Brezniks Kantengang zwischen Dokufiktion, Dokureflexion und küchenpsychologischem Generationenroman aus heutiger Zeit ist, zumindest streckenweise, eine Enttäuschung.

Ein Capus und ein Hartmann dagegen schreiben ihre Erzähler nicht bis an unsere Gegenwart heran. Sie betreiben einen «simpleren», keineswegs autobiografisch aufgeladenen Historismus – und auf jeden Fall einen leichteren. Auch sie nutzen zwar, wie Breznik, Retrospektiven und Perspektivenwechsel, um die stets flirrende, schillernde Wahrheit zu beleuchten. Aber ihre Romankosmen behaupten von Anfang an eine Abgeschlossenheit und Distanz – so, wie es bei dem Genre gang und gäbe ist.Rudolph Said-Ruete stirbt 1946 im Hotel Schweizerhof in Luzern – und mit Ruetes Tod endet Hartmanns Roman. Bereits während des Ersten Weltkriegs hatte Ruete mit seiner jüdischen Frau in Luzern gelebt, während des Zweiten Weltkriegs in London. Seinen Traum, als Friedensstifter und Mittler zwischen den Kulturen zu wirken, konnte er nicht verwirklichen. «Ein Kind wie Salme wäre er selbst gern gewesen, Sultanssohn in einem der Inselpaläste. Nein, kein Herrscher, nur Sohn, ein geliebter Sohn.»

Es ist, als habe Lukas Hartmann ihm posthum eine Art Zuhause gebaut, ein leichtes, warmes, mit offenen Türen; und dem Genre, in dem er selbst ein helvetischer Sultan ist, einen schimmernden Palast. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2013, 07:59 Uhr

Hartmann, Lukas, «Abschied von Sansibar», Diogenes, 328 Seiten, ISBN 978-3-257-06867-2, CHF 34.90.

Abschied von Sansibar

Artikel zum Thema

Der Meister der Suggestion

Morgen erscheint der neue Roman «Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer» des Schweizer Autors Alex Capus – mit einer Startauflage von 100'000 Exemplaren. Mehr...

Steinberger, Lenz und Capus an der Buchmesse Olten

Das Programm und die Gäste der 8. Ausgabe des Literaturfestivals stehen fest. Mehr...

«Ich will wissen, woher wir kommen»

Vor kurzem erschien sein Roman «Abschied von Sansibar» über das Leben einer Sultanstochter. Im Interview spricht der Berner Autor Lukas Hartmann über seine Schreib-Strategie und das beste Buch des Jahres. Mehr...

Breznik, Melitta, «Der Sommer hat lange auf sich warten lassen», Luchterhand Literaturverlag, 251 Seiten, ISBN 978-3-630-87398-5, CHF 32.90.

Der Sommer hat lange auf sich warten lassen

Blogs

DMeine private Velo-Offensive

Serienjunkie Teppich-Tango

Die Welt in Bildern

Ein Affe zwischen Schlangenstatuen: Ein Affe trinkt eine Flasche Milch, die ihm von einem Zuschauer des Hindu-Festivals Nag Panchami in Indien gegeben wurde. (27.Juli 2017)
(Bild: Abhishek N. Chinnappa) Mehr...