Das Böse

Der britische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton legt ein brisantes Buch über «Das Böse» vor. Für ihn unterscheidet sich das Böse vom Schlechten dadurch, dass es ohne Grund auf Vernichtung aus ist.

«Die Bösen sind Puristen»: Der britische Denker Terry Eagleton.

«Die Bösen sind Puristen»: Der britische Denker Terry Eagleton.

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Sie haben Ihr Buch über «Das Böse» dem ehemaligen US-Aussenminister Henry Kissinger gewidmet. Wieso?
Ich habe jemanden gesucht, der sich als Böser eignet. Henry Kissinger war für mich der auf der Hand liegende Kandidat. So weit ich erkennen kann, gibt es immer noch viele Länder, in die er sich nicht zu reisen getraut.

War er denn ein böser Politiker?
Ironischerweise muss ich sagen, dass er nach meiner Definition nicht eigentlich böse, sondern bloss schlecht war.

Worin besteht der Unterschied zwischen «schlecht» und «böse»?
Obwohl man zwischen diesen beiden Begriffen nicht exakt unterscheiden kann, habe ich eine Differenzierung vorgenommen. Der Ausdruck «böse» wird häufig verwendet, um etwas Schlechtes aufzublasen oder interessanter zu machen. Ich hingegen verstehe unter dem Bösen eine besondere, sehr seltene Art der Schlechtigkeit.

Welche denn?
Böse ist es, wenn grundlos etwas Schlechtes getan wird, allein um des Genusses willen, aus reiner Freude an der Zerstörung. Es geht nicht um einen Gewinn, sondern bloss um eine sadistische Wonne, die sich darauf richtet, jemanden zu vernichten. Im Unterschied etwa zu einem Bankraub, der ein klar erkennbares Motiv hat, erscheint das Böse stets rätselhaft: Man erkennt keinen Grund, und wenn es doch einen gibt, dann ist es ein versteckter, unbewusster.

Dann wäre also auch der Terrorismus nur schlecht, nicht böse?
Der islamische Terrorismus wäre ohne Demütigungen nie entstanden. Insofern ist er nicht grundlos. Wer 9/11 zum Inbegriff des Bösen erklärt, scheint zu vergessen, dass die Vereinigten Staaten in den letzten 50 Jahren unvorstellbar mehr unschuldige Zivilisten getötet haben, als bei der New Yorker Tragödie umkamen. Und während wir hier reden, sind in dem verbrecherischen Krieg im Irak, zu dem diese Tragödie Anlass gab, möglicherweise mehrere Hundert Mal so viele Menschen abgeschlachtet worden.

Gibt es Menschen, die eher veranlagt sind, Böses zu tun, als andere?
Ja. Böse ist etwa jemand, der bloss wegen des Kicks tötet. Das Böse hat mit Freuds Todestrieb zu tun, obwohl der Todestrieb selbst nicht böse ist. Aber er bricht dann böse durch, wenn jemand Lust daran empfindet, andere zu zerstören. Darin sehe ich eine obszöne, perverse Belohnung für diesen Todestrieb. Wir alle haben diesen Trieb in uns, aber er wirkt sich erst dann böswillig aus, wenn er sich gegen andere richtet. Wenn man zum Beispiel Kinder tötet, dann ist dies ein Beispiel für den bösartig ausgearteten Todestrieb. Es gibt keinen Grund, Kinder zu töten.

Wo liegt der tiefere Grund dieses Bösen?
In bösen Menschen klafft eine Lücke. Ihnen fehlt etwas, um selbsterfüllt zu sein. Sie leiden an diesem Mangel, sind nicht voll lebendig, und erst durch den Akt der Destruktion können sie diese Lücke füllen. Es ist geradezu so, als lebten sie erst dann richtig auf, wenn sie böse Taten vollbringen können.

Das Böse wäre dann eine Ersatzhandlung.
Wir alle haben ja unsere Macken und sind nicht vollkommen. Aber wir lernen, damit umzugehen. Die Bösen hingegen sind Puristen und wollen, dass alles seinen Rang und seinen Platz hat. Denken sie nur an die Nazis und ihre besessene Ordnungsliebe. Für Freud waren diese Lückenfüller der Fetisch. Mit dem Fetisch füllt der an Mangel leidende Mensch die Lücke. Was das Böse angeht, ergibt sich allerdings eine merkwürdige, paradoxe Situation. Denn der Böse füllt diese Lücke mit Nichtigkeit, mit nichts.

Also sind die Bösen Nihilisten?
Ja. Jene, die diese Lücke nicht ertragen, können sie nur dadurch füllen, dass sie etwas anderes zerstören. Paradox ist es, weil das Zerstören von etwas anderem nichts bringt. So gesehen richtet sich der Böse gegen den Akt des Hervorbringens und die Schöpfung insgesamt. Die Bösen sind nicht einfach irgendwie verkommen oder schlecht. Nein, sie hassen vielmehr alles, was mit der Schöpfung zu tun hat. Sie ertragen sie nicht, weil sie alles Bestehende für wertlos halten. Die Lust der Verdammten besteht darin, dass sie nur noch zerstören können. In diesem Sinne sind die Bösen, theologisch betrachtet, das Gegenstück zu Gott. Da Gott bereits alles erschaffen hat, können sie selbst nichts Neues schaffen. Sie beschränken sich aufs Destruktive, und dieser Akt wird für sie bedeutsam.

Kann Zerstörung kreativ sein?
Ja, durchaus. Schon Kinder wissen, wie kreativ zerstörerisches Handeln sein kann, zum Beispiel, indem sie einen Stein auf irgendetwas werfen. Das ist aber nicht böse. Böse wird es erst dann, wenn man nur noch diese Zerstörung als Form der eigenen Kreativität kennt.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass gute Taten wichtiger seien als gute Menschen. Dies lasse sich analog von den bösen Taten und bösen Menschen nicht sagen.
Klar ist, dass gute Menschen auch schlechte Dinge tun können. Doch kann man auch Böses tun und nicht böse sein? Ich neige dazu zu sagen, dass das Böse eine Art Seinszustand ist, sich also nicht durch die Tat erklären lässt, sondern durch eine feindselige Einstellung gegenüber allem Materiellen und Sinnlichen.

Viele halten den Begriff «böse» für zu moralisch und antiquiert.
Die liberalen, wohlmeinenden, aufgeklärten, säkularen Zeitgenossen weisen den Begriff des Bösen zurück, weil sie ihn für überholt halten. Dem entgegne ich, dass der Holocaust und die Völkermorde keineswegs überholt sind. Sie werden uns weiter begleiten. Die Liberalen, gegen die ich mich wende, wollen das Böse als Erklärung nicht akzeptieren. Es sei keine zutreffende Beschreibungskategorie. Ich behaupte dagegen, dass das Böse nach wie vor eine taugliche Kategorie ist.

Kann aus einem bösen Menschen ein guter werden?
Ja. Bedingung für einen solchen radikalen Wandel sind aber Änderungen entweder im moralischen, politischen oder psychologischen Sinne – man muss dem Schlimmsten, das denkbar ist, ins Angesicht schauen. Das passiert in der Tragödie, und wir fassen diesen Akt in dem theologisch überhöhten Begriff der Reue. Es muss ein echtes Umdenken und einen echten Sinneswandel geben. Fürs Politische heisst das, dass es nicht genügt, hie und da ein Reförmchen anzustossen, und im psychoanalytischen Sinne bedeutet es, dass man dem Schreckensantlitz der Medusa in die Augen schauen muss in der Hoffnung, nicht zu Stein zu erstarren. Diese Hoffnung auf Veränderung lässt sich also nicht billig im Supermarkt kaufen. Während der Optimismus an der Oberfläche tanzt, ist die Hoffnung viel komplexer und tiefgreifender.

Ob wir Gutes tun oder Böses, ist auch eine Frage der Willensfreiheit. Ist das Negative notwendiger Bestandteil des Menschen?
Das ist die Geschichte vom Sündenfall, der eine Art glücklicher Fall ist, der nicht nach unten, sondern nach oben führt. Ein Fall, der uns aus der reinen Tierhaftigkeit hinaufführt zur Geschichtlichkeit, Sprache und Zivilisation – alles das, was unsere Freiheit und das, was wir sind, ausmacht. Insofern sagt dieser Mythos des Sündenfalls etwas über unsere Freiheit aus. Zur Freiheit gehört notwendigerweise deren Missbrauch, sonst kann man nicht von Freiheit sprechen. Wir sind die einzigen Lebewesen, die einzigen Tiere, die die Möglichkeit haben, etwas zu schaffen und zu zerstören – auch uns selbst. Zwischen diesen Polen sind wir eingespannt . . .

. . . und offen für beide Seiten.
Ohne die Möglichkeit zur Destruktion hätten wir auch nicht die Freiheit, grosse Sinfonien oder Romane zu schreiben. Die Geschichte vom Sündenfall besagt, dass die Kreativität an der Wurzel beeinträchtigt ist durch die Neigung, Böses zu tun. Sie ist also stets fragil. Die grösste Gestalt des Bösen in der Literatur des 20. Jahrhunderts ist Adrian Leverkühn aus Thomas Manns «Doktor Faustus». Er ist böse, dämonisch, nihilistisch und zynisch – und doch ist er auch zutiefst genial. Thomas Mann hat erkannt, wie innig verquickt das Geniale und das Böse sind. Jene, die sagen, man müsse das Böse ausrotten, vergessen völlig, dass sie damit auch die Freiheit eliminieren und beseitigen würden.

Ihre Argumentation ist stark religiös bzw. theologisch grundiert. Sind Sie bekennender Katholik?
Wahrscheinlich nicht in irgendeinem Sinne, den Papst Benedikt XVI. anerkennen würde. Aber ich verdanke meiner katholischen Erziehung und Herkunft sehr viel. Die katholische Soziallehre etwa hat mir viel gegeben; darin steckt sogar ein stark antiindividualistischer Grundzug, der ein wenig auch zum sozialistischen Denken hinführt. Es gibt vieles, was ich am Katholizismus mag, unter anderem die Hochachtung der Analyse. Die Vernunft kann nicht alles leisten, doch vieles bewirken.

Schliessen sich Marxismus und Katholizismus nicht aus?
Es hat viele Marxisten gegeben, die an Gott geglaubt haben: jüdische Denker wie Walter Benjamin, aber auch viele der Befreiungstheologen in Südamerika oder marxistische Muslime. Ich finde, dass sich dies nicht ausschliesst. Was den materialistischen Marxismus angeht, so ist dieser auf die menschlichen Dinge bezogen. Er steht nicht im Widerspruch zum metaphysischen Gottesglauben. Karl Marx war im Wesentlichen an der Menschenwelt interessiert, das ist der Sinn und Zweck des Materialismus. Es ist also gar nicht so ungewöhnlich, dass man versucht, Marxismus und Katholizismus zu verbinden. Wenn ich jetzt ein bisschen zynisch sein wollte, könnte ich sagen, es ist allein deswegen schon gut, einen katholischen Hintergrund zu haben, weil man vom Katholizismus zum Marxismus gelangt, ohne den Umweg über den Liberalismus gehen zu müssen.

Tages-Anzeiger

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