Ausbruch aus einer Welt voller Gewalt

Krimi der Woche: Der düstere Roman «Eileen» der Amerikanerin Ottessa Moshfegh beeindruckt durch Kraft und Intensität.

Nicht wirklich ein Krimi, aber ein düsteres Noir-Stück, das durch seine Kraft und seine Intensität beeindruckt: «Eileen» von Ottessa Moshfegh.

Nicht wirklich ein Krimi, aber ein düsteres Noir-Stück, das durch seine Kraft und seine Intensität beeindruckt: «Eileen» von Ottessa Moshfegh. Bild: Kimiya Ayubi/PD

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Der erste Satz:
Ich sah wie ein Mädchen aus, das man sich im Bus vorstellen könnte, vielleicht mit einem Netz über den mausbraunen Haaren, in einem leinengebundenen, aus der Bücherei stammenden Band über Pflanzen oder Geografie lesend.

Das Buch:
Eigentlich passiert auf der ersten über 200 Seiten des Romans «Eileen» der Amerikanerin Ottessa Moshfegh nicht viel. Die Icherzählerin, eine alte Frau, blickt zurück auf die Zeit, als sie 24 war. 1964 ist es, Eileen Dunlop arbeitet im Büro einer Jugendstrafanstalt in einer Stadt in Neuengland, die sie nur X-ville nennt. Daneben kümmert sie sich um ihren Vater, einen pensionierten Polizisten und schweren Alkoholiker. Es ist Winter, es ist kalt, das Leben ist beschissen. Eileen hält ihre Arbeitskolleginnen für widerliche Schlampen und ist heimlich verliebt in einen Aufseher. «Das seltsame Spektrum männlicher Emotionen lernte ich kennen, indem ich die Verhaltensweisen inhaftierter Jugendlicher studierte.» Sie hasst ihren Körper, und sie trägt die Kleider ihrer toten Mutter. Sie träumt von einer Beziehung, von einem Leben in der Grossstadt. Doch sie sitzt zu Hause, besorgt ihrem Vater den Stoff, dem sie auch nicht ungerne zuspricht. Geht der Vater selbst aus dem Haus, wird er in der Regel von seinen ehemaligen Kollegen nach Hause gebracht. Weshalb Eileen alle seine Schuhe in den Kofferraum des alten Autos packt, mit dem sie auch im kältesten Winter nur mit offenem Fenster fahren kann, weil durch den kaputten Boden die Abgase reinströmen.

Pure Tristesse. Eigentlich ist einem diese Eileen, die sich vorwiegend in Selbstmitleid suhlt, herzlich unsympathisch. Und doch vermag einen die Erzählung, die praktisch nur aus Beschreibungen und Reflexionen besteht, fast ohne Dialoge auskommt, zu fesseln. Dabei sind es nicht nur die raffiniert eingestreuten kleinen Hinweise auf ein kommendes Ereignis und den Ausbruch aus dieser Tristesse, die einen dranbleiben lassen. Ottessa Moshfegh erweist sich als grossartige Erzählerin, die es scheinbar beiläufig schafft, Empathie für ihre traurige Heldin zu wecken und die Leser damit in den Bann der Geschichte zu ziehen.

Die Wende im Leben Eileens beginnt mit der Ankunft einer neuen Mitarbeiterin im Jugendknast, von der Eileen sogleich fasziniert ist. Und mit dem Fall eines Jungen, der jahrelang von seinem Vater missbraucht worden war, was die Mutter tolerierte, und der schliesslich dem Peiniger die Kehler durchschnitt. Eileen findet eigentlich, das gehe sie nichts an, doch sie findet die neue Kollegin, die sich weit über ihren Job hinaus in diesen Fall reinhängt, so toll, dass sie ihr auch dabei folgt. Und das führt schliesslich dazu, dass die Verliererin den Ausbruch aus ihrer dunklen, von Gewalt geprägten Welt wagt. Das alles macht aus Moshfeghs zweitem Roman zwar noch nicht wirklich einen Krimi, aber ein düsteres Noir-Stück, das durch seine Kraft und seine Intensität beeindruckt.

Die Wertung:

Die Autorin:
Ottessa Moshfegh, geboren 1981 in Boston, Massachusetts, als Tochter eines iranischen Violinisten und einer kroatischen Bratschistin, studierte an der Brown University in Providence, Rhode Island, kreatives Schreiben. Ihr erster Roman «McGlue» (2014; auf Deutsch 2016 unter dem gleichen Titel) über einen alkoholkranken Seemann im 19. Jahrhundert wurde mehrfach ausgezeichnet. «Eileen», ihr zweiter Roman, wurde 2016 mit dem Hemingway Foundation PEN Award ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize. Produzent Scott Rudin («Sleepy Hollow», «No Country for Old Men») hat die Filmrechte für «Eileen» erworben. Ottessa Moshfegh lebt in Los Angeles.

Ottessa Moshfegh: «Eileen» (Original: «Eileen», Penguin Press, New York, 2015). Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind, München 2017. 334 S., ca. 32 Fr.

Lesung (Deutsch, Florian Steiner) und Gespräch mit Ottessa Moshfegh (Englisch, Moderation Jennifer Khakshouri): Di, 19.9.17, 19.30, Literaturhaus Zürich
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2017, 13:51 Uhr

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