Zum Hauptinhalt springen

Befreite Weiblichkeit

Jetzt ist sie 60 – hoch soll sie weiterleben! Hymne auf Madonna.

Meisterin der Inszenierung: Madonna. (20. Juli 1990)
Meisterin der Inszenierung: Madonna. (20. Juli 1990)
Reuters

Aus Marrakesch gratuliert sie sich über Twitter selber und lässt sich dabei aussehen wie eine Königin, also der konsequenten karrieristischen Weiterentwicklung der Prinzessin. Von überall her prasseln die Lobpreisungen auf sie ein. Madonna Louise Veronica Ciccone aus Bay City bei Detroit, Michigan, katholisch erzogen, hat sich als Rollenspielerin, Texterin, Musikerin, Sängerin, Tänzerin, Unternehmerin, Autorin, Regisseurin, Schauspielerin, Designerin, Feministin, Zeichengeberin und Polemikerin weltweit durchgesetzt. Und sie hat Frauen inspiriert, die nach ihr gekommen sind, von Jennifer Lopez über Christina Aguilera zu Kylie Minogue, Lady Gaga und vielen anderen.

«Ein Tropfen Talent in einem Ozean von Ehrgeiz», hat Mick Jagger einmal über sie gesagt, schon seine Verachtung beweist die Eifersucht. Kaum ein anderer Künstler und keine andere Künstlerin haben ihre Songs, Texte, Videoclips, Platten, Rollen und Kostüme dermassen virtuos eingesetzt wie sie. 78 Singles hat sie bis heute veröffentlicht, auf keinem ihrer Videos sieht sie gleich aus. Und anders als ihr bis heute unterstellt wird, ist sie nicht nur als Lyrikerin, sondern auch als Musikerin bei den Aufnahmen beteiligt und sagt ihren Begleitern, was diese im Studio für sie spielen sollen.

Der Hass der Männer

Weder Michael Jackson noch Prince, die beide so alt waren und in den Achtzigerjahren zu Weltruhm kamen, vermochten so viele Trends und Diskussionen auszulösen – über Sexualitäten, Religion, Ehe, Liebe oder Lust an der Gewalt. Madonna gehört auch zu den wenigen, die bis heute ohne Drogen auskommen, sie trinkt und raucht auch nicht, sondern stählt sich in den Exzess. Für ihre Musik und ihre Auftritte wird sie von ihren Fans geliebt, von Akademikerinnen studiert und von Kolleginnen imitiert. Dass man sie jetzt, mit 60 Jahren, so intensiv feiert, hat auch mit dem grössten Tabu der Popkultur zu tun, das sie gebrochen hat: dem Alter. Auch davon lässt sie sich nicht abhalten und macht weiter.

Pop-Redaktor Benedikt Sartorius resümiert Madonnas Karriere.

Für ihre Konsequenz hat sie einiges büssen müssen. Madonna, schreibt der deutsche Poptheoretiker Diedrich Diedrichsen, habe sich mehr misogynen Müll von Männern und ihren Magazinen anhören müssen als Marilyn Monroe, Marlene Dietrich und Mae West zusammen, einige ihrer Vorbilder. «Und zur modernen Misogynie, zur Frauenfeindlichkeit der aufgeklärten Art, gehören die scheinheiligen schlechten Zensuren für die mangelnde Emanzipiertheit des Opfers.» Männer würden Bilder sogenannter starker Frauen nur dann geniessen, «wenn in ihrem Mythos eine Bestrafung für die Stärke miteingebaut ist».

Sie braucht die Kamera

Natürlich ist Madonna von sich besessen, eine narzisstische Kampfmaschine, aber das gehört zum Beruf. Ihr Eitelkeit vorzuwerfen, sei etwa so, notierte ein Kritiker, wie über die Nässe von Wasser zu klagen. Auch dass ihr nicht alles gelungen ist, kann nicht überraschen. Ihre Stimme verfügt nicht über einen besonderen Umfang oder Ausdruck, und auch ihre Konzerte überzeugen selten. Madonna ist dank der Clipkultur von MTV berühmt geworden, weshalb man sich ihre Auftritte am besten in der DVD-Version anschaut, auf die hinaus sie von Anfang an konzipiert waren. Auf der Bühne hat man sie wiederholt als Enttäuschung in Erinnerung. Ihre Tonspur ist das Playback, ihr Publikum die Kamera, ihre Bühne das Fernsehstudio.

Auch ist das Frühwerk, das sie berühmt machte, klanglich schlecht gealtert, was auch am elektronischen Schlagzeug jener Jahre liegt, jedenfalls klingt die Musik oft blechern, auch bei den tollen Songs. Richtig gut wurde sie mit «Like a Prayer», ihre allerbesten Platten kamen noch später, dann aber in Serie: «Ray of Light», «Music» «American Life» und «Confessions on a Dancefloor», brillante Grooves aus glitzernden Discobeats, dem Pulsieren elektronischer Musik und einer Sängerin, die auf der Höhe ihrer Ausdruckskraft performte. Dieses hohe Niveau hat Madonna nie mehr erreicht.

Hang zur Übertreibung

Auch hat sie es mit ihren Inszenierungen gelegentlich übertrieben und erreichte damit das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung, mit ihrem Buch «Sex» etwa und der kalten Platte «Erotica». Auch als Schauspielerin war sie, darin David Bowie ähnlich, selten erfolgreich.

Aber das spielt alles keine Rolle, weil sich Madonna nicht nur von den Männern emanzipierte, die sie für ihre Karriere nutzte, sondern diese Karriere immer wieder neuen Ideen, Konzepten und Inszenierungen einer befreiten Weiblichkeit zutrieb. Und es dabei fertigbrachte, was keiner ihrer Nachfolgerinnen gelungen ist: Sich jahrzehntelang auf interessante Weise im Gespräch zu halten. Ausserdem hat sie einen grossartigen Humor: «If it's against the law, arrest me / If you can handle it, undress me», singt sie auf «Give it to Me» ihrer letzten grossen Single. Verhafte mich oder zieh mich aus – was für eine Alternative.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch