Wenn Vögel einbalsamiert werden

Vier Vogelmumien aus dem alten Ägypten restaurierte die Abegg-Stiftung im Auftrag des Bibel-und-Orient-Museums Freiburg. Nun sind sie im Textilmuseum ausgestellt.

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Hat die Abegg-Stiftung schon mal Vogelmumien bearbeitet, oder war dieser Auftrag auch für Ihre Institution etwas Spezielles?
Catherine Depierraz: Die Vogelmumien sind für uns schon aussergewöhnlich. Die Restauratorinnen haben immer wieder mal mit Grabfunden zu tun, aber Mumien gehörten bis jetzt noch nicht dazu.

Was war die Herausforderung beim Konservieren?
Die Mumien sind in mehrere Schichten Leinenstoff gehüllt und mit Leinenbändern umwickelt. Das Leinen ist im Laufe der Jahrhunderte sehr brüchig geworden. Eine der Herausforderungen war auch, dass es sich um dreidimensionale Objekte handelt und dass mehrere Stoffschichten übereinanderliegen. Ausserdem wurden die Mumienbündel schon einmal restauriert. Damals hatte man ein Kunstharz aufgetragen, um fragile Stellen zu sichern. Das machte die Auf­gabe noch komplexer.

Welche Funktion hatten die ausgestellten Vogelmumien im alten Ägypten?
Das können wir nicht sagen. Am ehesten handelt es sich wohl um Weihgeschenke – ganz einfach, weil dies die zahlenmässig grösste Gruppe ist. Eigentliche Hinweise an den Objekten gibt es nicht. Um mehr sagen zu können, müsste man die Fundumstände kennen.

Warum wurden überhaupt Tiere mumifiziert?
Die Funktion und Bedeutung ist noch nicht restlos geklärt. Die Forschung geht aber davon aus, dass es vier Kategorien von Tiermumien gab. Zu der zahlenmässig grössten Gruppe gehören Votiv­gaben, also Opfer oder Weihgeschenke an eine Gottheit. Dann gibt es heilige Tiere, die für eine göttliche Präsenz stehen. Zu Lebzeiten hausten diese Tiere in Tempeln, und man kümmerte sich ihr Leben lang um sie. Nach ihrem Tod wurden sie einbalsamiert und bestattet. Zur dritten Kategorie ge­hören geliebte Haustiere und zur vierten für den Verzehr gedachte Nutztiere. Man gab sie Verstorbenen mit ins Grab – die einen als vertraute Begleiter, die anderen als lang haltbarer Proviant für die Reise ins Jenseits.

Sie stellen in der Abegg-Stiftung Falken- und Ibis­mumien aus. Welche Bedeutung kam diesen Vögeln zu?
Der Falke galt im alten Ägypten dank seiner Kraft und seiner Fähigkeit, sehr schnell zu fliegen, als eine Erscheinung des Himmels- und Königsgottes Horus, des «Fernen». Der Ibis wird mit Toth, dem Gott der Weisheit und Schutzpatron der Schreiber, in Verbindung gebracht. Die altägyptische Bezeichnung für Toth ist übrigens eine Ibishieroglyphe.

Eine der präsentierten Mumien ist leer, warum gibt es leere Mumien?
Diese sogenannten Scheinmumien sind gar nicht so selten, aber sehr interessant. Die Wissenschaft hat verschiedene Hy­pothesen. Möglicherweise handelt es sich um preiswertere ­Ausführungen von Opfergaben. Vielleicht hatte man ganz einfach zu wenig Tiere, um den grossen Bedarf zu decken. Manche Forscher denken auch, dass es deshalb vielleicht üblich war, die Rückstände der verehrten Tiere oder Material, das mit ihnen in Kontakt gekommen ist, zu ver­ehren. Denn es gibt auch Mumienbündel mit Resten von Nestern, einzelnen Federn und so weiter. Natürlich ist auch Betrug nicht ausgeschlossen. In der Regel sind auch die Pseudo­mumien so aufwendig und sorgfältig gewickelt wie die echten Mumien.

Ausstellung: «Kunstvoll gewickelt. Vier altägyptische Vogelmumien», bis zum 11. November, Abegg-Stiftung, Riggisberg. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2018, 07:11 Uhr

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