Tanzen wie von der Tarantel gestochen

Verdächtige Gefühlsausbrüche: Das Zentrum Paul Klee geht der Ekstase auf den Grund. Mit Malerei, Fotografie, Video – und Künstlern auf Drogen.

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Michael Feller@mikefelloni

Im Paris des 19. Jahrhunderts gab sich die Bohème gerne eine Opiumdröhnung, später waren Meskalin, Amphetamine oder Kokain hoch im Kurs. Unzählige Künstler haben alles Mögliche eingeworfen. Kunst und Rausch, das sind artverwandte Welten. Das Zentrum Paul Klee widmet der Ekstase eine Ausstellung, die durch die Gefühlsausbrüche des 20. Jahrhunderts führt, und in der es viel zu entdecken gibt.

Auf Malerei und Skizzen, aber auch in Video und Fotografie – und einem handgeschriebenen Bericht: Auf sieben Seiten beschreibt Meret Oppenheim ihr Psilcybin-Drogenexperiment. Zuerst ist ihr nur ein wenig schummrig, dann sieht sie Ornamente und später abstrakte Formen, die sie an Künstlerkollegen erinnern, «auch Paul Klee». Das Dokument ist ein leiser Höhepunkt in einer Ausstellung, in der weit auffälligere Elemente mit Blitz und Glanz um Aufmerksamkeit buhlen. Klar bei diesem Thema.

Weiblich und tanzend

Wobei die Ekstase mehr ist als Rausch. Und vor allem auch andere Ursachen haben kann als ein Drogenexperiment. «Die Ekstase ist eine Form von Erkenntnis aus dem Jenseits», sagt Martin Waldmeier, Kurator der Ausstellung im Zentrum Paul Klee. Die Schau im Untergeschoss des Museums, unterteilt in Themengebiete wie Hochgefühl/Fall, Euporie/Taumel oder Tanz/Wahn ist eine Koproduktion mit dem Kunstmuseum Stuttgart. Von diesem stammt auch die kostbarste Leihgabe, das «Bildnis der Tänzerin Anita Berber», 1925 gemalt von Otto Dix.

«Bildnis der Tänzerin Anita Berber», Otto Dix. Bild: pd/Kunstmuseum Stuttgart.

Es zeigt eine Femme fatale, ein Sinnbild für den Exzess. Die 1899 geborene Tänzerin führte ein wildes Leben, soll täglich eine Flasche Cognac, viel Kokain und Meskalin konsumiert haben, sie prügelte und prostituierte sich und sorgte mit nackten Auftritten für Skandale. Es war ein kurzes, wildes Leben, bereits mit 29 Jahren erlag sie ihrer Tuberkulose. Zwei Auffälligkeiten der Ausstellung vereint Anita Berber: Die dargestellte Ekstase ist meist weiblich und tanzt.

Von Hodlers Tänzerin bis zur nackten Marina Abramovic: Frauen, die tanzen oder aus der Haut fahren oder beides gleichzeitig tun, sind omnipräsent. Ferdinand Hodler zeigt mit «Entzücktes Weib» (1911) seine Begeisterung für den aufkommenden Ausdruckstanz: Die neue Form brach mit den starren Regeln des Balletts. Die Pionierinnen brachten mit schwungvollen Gesten statt spitzfüssigen Hüpfern ihre Gefühle zum Ausdruck.

Von Hysterie bis Tanzwut

Nicht weit davon sind die Darstellungen der «Hysterie»: Frauen mit durchgebogenem Rücken («hysterischer Bogen» genannt) als Sinnbild einer beliebten Diagnose Anfangs des 20. Jahrhunderts. Allerlei psychische Auffälligkeiten – bei Frauen – wurden unter dem Begriff subsumiert, medizinisch ist er längst überholt. In den 20er-Jahren aber haben die psychischen Ausfälligkeiten die Kunst inspiriert, im Ausbruch sahen viele Künstler Wahrheit zum Vorschein kommen. Salvador Dalí bezeichnete die Ekstase als «reinen Zustand».

Passend dazu auch die «Tanzwut», ein Massenhysterie-Phänomen aus dem 14. und 15. Jahrhundert, als immer wieder Menschengruppen in wilden Tanz ausbrachen. Die Ursache ist bis heute ein Rätsel, ob die Engelstrompete oder sonstige giftigen Substanzen Schuld daran waren, ist unklar. In Süditalien wird heute noch die «Tarantella» getanzt, ein ritualisierter Tanz, mithilfe dessen man nach dem Biss der Tarantel das Gift aus dem Körper schwitzen soll.

Natürlich ist der Orgasmus als natürliche Urform der Ekstase ebenfalls ein Thema. Auch die dargestellte Sexualität ist klassischerweise weiblich. Dass hier die Ausstellung unsere Erwartung bricht, liegt ein wenig auf der Hand, weil die Kunst aufsehenerregende Alternativen bietet: Zu sehen ist Andy Warhols «Blowjob» von 1964, auf dem sich der Künstler oral befriedigen lässt. Gezeigt wird im 35-Minuten-Film aber nur sein Gesicht und ein Teil des Oberkörpers. In der Nähe der Projektion schauen 60 Männer mit verzerrtem Gesicht von der Wand: In ihrer Arbeit «Head Shots» (1991–1995) hat Anna Rosenberg Männer zum Zeitpunkt des Orgasmus fotografiert. Auch hier ist nichts zu sehen ausser dem Ausdruck.

Zurück zur Erkenntnis aus dem Jenseits, die den Rausch zur Ekstase erhöht: Bei der Ekstase geht es auch um Leben und Tod, und damit ist auch die Religion nicht weit. Zum Erhellendsten der Ausstellung zählt die Einsicht, dass der Ausdruck der religiösen Erleuchtung, auf alten Ölgemälden unzählige Male festgehalten, dem Ausdruck des sexuellen Höhepunkts zum Verwechseln ähnlich sieht. Ekstase hat vielerlei Ursachen. Die Ausstellung darüber im Zentrum Paul Klee kann durchaus euphorische Gefühle auslösen.

Ausstellung: Bis 4. August, Zentrum Paul Klee, Bern. www.zpk.org

Berner Zeitung

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