Gesucht: Führer für eine Reise ins Alter

Für seine unkonventionelle Ausstellung vom nächsten November sucht das Berner Museum für Kommunikation per Inserat Guides, die über siebzig Jahre alt sind. Sie werden als Experten die Besucher in die Kunst des Alterns einführen.

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Seit Anfang April taucht das Stelleninserat da und dort auf. Bewerben kann sich nicht jeder Mann und jede Frau. Denn für die ausgeschriebenen Jobs gilt eine Alterslimite. Normalerweise ist ein jugendliches Alter in der Arbeitswelt ein Wettbewerbsvorteil – und ein fortgeschrittenes Alter ein Hindernis.

Beim Inserat des Museums für Kommunikation in Bern aber ist es für einmal umgekehrt: Hohes Alter ist eine zwingende Voraussetzung. Wer sich für eine Stelle als Senior Guide bewerben will, muss mindestens siebzig Jahre alt sein.

Mindestalter siebzig

Das Museum sucht kein pensioniertes Aufsichtspersonal für den Saal mit den alten Postautos. Sondern Führerinnen und Führer, die «in einer neuartigen Ausstellung in die Kunst des Alterns einführen» sollen. Das Inserat, das die Seniorenorganisation Pro Senectute in ihrem Magazin «Zeitlupe» oder die Organisation Benevol für Freiwilligenarbeit auf ihrer Website aufgeschaltet haben, nennt überraschende Anforderungen: Lebenserfahrung und die Fähigkeit, gut erzählen und zuhören zu können.

«Wir suchen Personen, die seit mindestens fünf Jahren im AHV-Alter und also wirklich Experten des Alters sind», sagt Kurt Stadelmann, der Ausstellungskurator des Museums für Kommunikation. Das überraschende Stelleninserat mit der «verkehrten» Altersguillotine gehöre zum Konzept der Ausstellung.

Video: An die Arbeit! Peter (75) und Getrud (92) jobben noch.

Quelle: www.dw.de

Bald mehr Alte als Junge

Am 13. November 2015 soll die neue Schau unter dem Titel «Dialog mit der Zeit» in Bern die Tore öffnen. Ihr Thema: das Älterwerden. Für Stadelmann ist das eines der Megathemen der Gegenwart und der näheren Zukunft.

Er untermauert es mit ein paar Zahlen: Heute machen die über 65-Jährigen etwa 11 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus, 2050 werden es durch die steigende Lebenserwartung doppelt so viele, nämlich rund 22 Prozent sein. «Erstmals wird es dann in der Schweiz mehr Alte über 65 als Junge unter 15 geben, wir erleben derzeit einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel», sagt der Kurator.

Mehr als 60 Prozent der Menschen über 80 Jahre leben heute selbstständig und ohne Pflege. Da könne man die traditionell negative Sicht des Alters schlicht nicht mehr aufrechterhalten, findet Stadelmann. Es gebe aber immer noch das Bild des Alters als Periode des Gebrechens und der Erstarrung.

Dabei sei die Zunahme der Lebenserwartung für die Gesellschaft eine enorme Chance, würden ihr doch ständig mehr Lebenszeit, Weisheit und Erfahrung geschenkt. Dieses Potenzial wird laut Stadelmann immer noch ignoriert.

Die Ausstellung «Dialog mit der Zeit» soll Gegensteuer geben. Ihr Ziel: Eine differenzierte und positive Sicht auf das Alter aufzeigen.

Senioren führen durch Schau

Hier kommen die Senior Guides ins Spiel, die jetzt schon gesucht werden. Sie werden mit ihrer persönlichen Lebenserfahrung die Hauptdarsteller der Schau sein. Zwar gibt es wie üblich Ausstellungsräume zum Thema. Die Besucherinnen und Besucher werden aber von den Guides in periodischen Rundgängen hindurchgeführt. Schon in der Empfangslobby der Ausstellung, wo man einen Zeitrafferfilm über das Altern eines Mädchens sieht, übernehmen die Guides die Regie.

In einem ersten Dialograum stellen sie sich anhand von drei persönlichen Fotos aus ihrem eigenen Leben vor. Aus einem Kartenset mit Fotos von Menschen im Alter lassen sie die Besucher dann Bilder auswählen, die ein glückliches Alter versprechen. In einem nächsten Raum lassen die Guides die Gäste das Alter am eigenen Leib erfahren.

Jeder Durchgang ist anders

Man kann mit Gewichten Treppen laufen, mit einer Zittermanschette einen Schlüssel einstecken oder leise Tonbänder abhören, als wäre man schwerhörig. Im folgenden Raum hört man wahre Geschichten darüber, was im Alter alles noch möglich ist: Dass man sich mit 80 noch verlieben kann. Dass man noch mal einen neuen Job ergreift. Oder dass man eine neue Sprache erlernt. Am Ende diskutieren die Guides mit den Besuchern darüber, wie deren Leben im Jahr 2040 aussehen wird.

«Dialog mit der Zeit» sei eine «Erlebnisausstellung», sagt Stadelmann. Jeder Durchgang werde etwas anders verlaufen. Das Erlebnis des Alters und des Alterns entsteht vor allem durch den Dialog zwischen den Generationen, den die Guides führen.

Dabei soll auch die Angst vor dem Alter schwinden, erklärt Stadelmann. «Die Besucherinnen und Besucher sollen merken, wie viele gesunde Lebensjahre ihnen nach der Pension noch zur Verfügung stehen können und welches Potenzial diese Jahre bergen.»

Erfolgsschau aus Frankfurt

Das Ausstellungsformat «Dialog der Zeit» ist keine Berner Erfindung. Ende März hat das Museum für Kommunikation in Berlin eine gleichnamige Schau gestartet. Eröffnungsredner war Bundespräsident Joachim Gauck (75), der locker als Senior Guide durchgehen würde. Die Präsenz des Staatsoberhaupts belegt die Relevanz des Themas.

Erstmals gezeigt wurde die Ausstellung ab September 2014 in Frankfurt am Main – mit grossem Erfolg. Die dort engagierten Senior Guides zwischen 65 und 92 Jahren haben sich nun entschlossen, selber ein neues Projekt anzupacken. Sie seien dafür auf Geldsuche, erzählt Stadelmann.

Das Museum für Kommunikation in Bern hat die exklusive Lizenz für «Dialog mit der Zeit» in der Schweiz und passt die Schau den hiesigen Verhältnissen an. Das Ausstellungsformat soll später auch in Asien gastieren. Etwa in Japan oder in China, das vor einer grossen Herausforderung steht, weil seine jahrzehntelange Einkindpolitik die älteren Bevölkerungsgruppen überproportional anwachsen liess.

Bereitschaft für Weiterbildung

Hinter der Ausstellung «Dialog mit der Zeit» stehen der Hamburger Ausstellungsmacher Andreas Heinecke und seine Partnerin Orna Cohen. Mit ihrer Firma Dialogue Social Enterprise GmbH haben sie 1989 in Frankfurt am Main mit «Dialog im Dunkeln» Furore gemacht. Blinde und Sehbehinderte führten dort als Guides die Besucher durch stockfinstere Räume.

Mit dieser Idee spielt auch «Blinde Kuh». Das Event im Dunklen fand erstmals an der Expo 02 in Murten statt, nun gibt es in Zürich und Basel ein «Blinde-Kuh»-Restaurant, das auch schon in der Berner Reithalle gastiert hat.

Wer sich beim Museum für Kommunikation in Bern mit Begleitbrief und Lebenslauf als Senior Guide bewerben will, kann sich übrigens auf professionelle Bedingungen gefasst machen. Im Juni gibt es ein Assessment unter den ausgewählten Bewerberinnen und Bewerbern.

In Frankfurt wollten über 150 Personen eine der 35 Stellen ergattern. Wer die Selektion schafft, muss bereit sein für eine Weiterbildung. Ende Oktober führen professionelle Referenten und Coachs die künftigen Guides ein in die sozialpolitischen Facts der alternden Gesellschaft, in Rhetorik und Auftrittspraxis oder in die Museumstechnik

Untere Alterslimite: zwölf

Barbara Kreyenbühl, Leiterin Marketing und Kommunikation im Berner Museum, erklärt das Kleingedruckte: Die Guides müssten bereit sein, während der acht Monate dauernden Schau (13. November 2015 bis 10. Juli 2016) an zwei bis drei Halbtagen pro Woche im Einsatz zu sein. Da man die Führungen als Freiwilligenarbeit verstehe, gebe es keinen Lohn, aber Ess- und Reisespesen.

Kreyenbühl hat noch ein Anliegen: Da die Ausstellung genauso für Romands zugänglich sein soll, suche man auch französischsprachige Senior Guides. Am liebsten gleich Bilingues.

Gibt es eigentlich auch eine untere Alterslimite – für die Besucher? Barbara Kreyenbühl überlegt kurz. Man habe kein Mindestalter festgelegt. «Aber man sollte schon ein Gefühl haben für die Auseinandersetzung mit Eltern und Grosseltern, also vielleicht etwa zwölfjährig sein.»

Interessierte für einen Job als Senior Guide wenden sich an das Museum für Kommunikation, Helvetiastrasse 16, 3000 Bern 6 www.mfk.ch

Hier finden Sie die Stellenausschreibung zum Download (pdf-Datei)

Berner Zeitung

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