Erotik auf der Hutablage

Betörend inszenierte Bilder: Cécile Hesse und Gaël Romier spüren in Ausstellungen in Biel und Bern dem Animalischen im Menschen nach.

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Höhlen sind geheimnisvolle Orte. Sie können sagenhafte Schätze bergen oder die Reste einer Wanderer-Mahlzeit, sie können Unterschlupf für Abenteurer sein oder Unterstand für die Dauer eines Regengusses. Die Höhle, die Cécile Hesse und Gaël Romier fotografiert haben, birgt eine Tür. In der weiten Felsöffnung steht sie mitten im Raum, wer wollte, könnte bequem an ihr vorbeigehen und die Höhle als Naturphänomen auf natürlichem Weg betreten. Der Betrachter des Bildes kann sich jedoch auch vorstellen, er ginge durch die glatte, schwarze Tür. Wohin mag sie führen? Vielleicht in das verborgene Innere des Menschen, das Hesse und Romier besonders fasziniert.

Reale Räume, surreale Träume

Die brillanten Bildwelten, die Cécile Hesse und Gaël Romier mit der Kamera erschaffen, balancieren auf der schmalen Grenze zwischen Leben und Märchen, realen Räumen und surrealen Träumen. Und oft wirken sie betörend rätselhaft. Die «Duchesse Vanille», die vor dem nackten Leib einen enormen Stapel Teller balanciert, auf dem rosa Seidenwäsche blitzt, lässt an Leckereien sowohl kulinarischer wie erotischer Art denken, aber auch an die Matratzenstapel einer Prinzessin auf der Erbse. Die Figur in «Boire lEau du Bain/Wasser aus dem Bad trinken», deren Kopf hinter einer verzierten Suppenterrine verschwindet, ist als Anspielung auf den Mythos vom bezaubernden Wassergeist Undine inszeniert. Unter dem Titel «Les Chiens Nus/Août» zeigt das Künstlerpaar Cécile Hesse und Gaël Romier eine zweiteilige Ausstellung mit einer stimmungsvoll inszenierten Rückschau auf ältere Arbeiten im Photoforum Pasquart in Biel und einer kleinen, etwas nüchternen Präsentation aktueller Bilder in der Galerie TH13 in Bern. Die beiden französischen Kunstschaffenden Jahrgang 1977 (Cécile Hesse) und 1974 (Gaël Romier) lernten sich an der Hochschule für angewandte Kunst in Vevey kennen und leben und arbeiten seit 1998 zusammen. Ihre Bildideen schöpfen sie oft aus dem Alltag. Denn so märchenhaft ihre Fotografien und Objekte sich geben, oft umkreisen sie «soziale Normen und Verhaltensweisen», wie Gaël Romier sagt. Unter der kultivierten Firnis, so glauben die beiden Fotokünstler, sind wir alle nackte Hunde. Das Herz der Wildnis pocht noch in unserer Brust.

Das Bild «Les Chiens Nus/Nackthunde», das der Bieler Schau den Titel leiht, verbildlicht diesen Gedanken indem es ein der Schwerkraft entzogenes, in sich zusammengekugeltes Wesen mit weichem Fell und nackten Menschengliedern zeigt. Hier schwebt uns das Tier im Menschen vor Augen, aber auch die Venus im Pelz. Von den animalischen Seiten der Lust erzählt auch das Bild «Les Epouses/Die Gattinnen». Eine Hutablage im Auto, im ganz normalen Leben gern genutzt, um mit Kissen oder Plüschtieren ein wohnliches Element in die grosse geliebte Maschine PW zu bringen, wird zum Präsentierteller für ein Bratenstück, das in Gürtel geschnürt ist und allerlei Betrachtungen zu Fesselungen aus Lust, aber auch aus Eifersucht zulässt. Oft steckt eine erotische Komponente in den Arbeiten der beiden jungen Fotokünstler. Als Spiele für Erwachsene bezeichnet Romier sie mit einem Augenzwinkern.

Pikantes Kopfkino

Die szenisch arrangierte Ausstellung im Photoforum Pasquart unterstützt die spielerische Qualität der Bilder, indem sie den Betrachter einlädt, in die Bildwelt einzusteigen, mitzufantasieren. Besonders deutlich wird dies vor dem Tryptichon «Insomnie, Cotillons/Schlafstörungen, Papierschlangen», dessen grossformatige Bilder wie eine Guckkastenbühne arrangiert sind. Für den Betrachter steht ein Sofa parat, auf dem er sich in das nächtliche Szenario der Bilder hineindenken kann. Die Bilder selbst machen allenfalls Andeutungen: Eine festlich beleuchtete Villa steht umfangen von dunklen Bäume, ein Bote trägt eine reich garnierte Suppenterrine, aus der Federn quellen auf das Portal des Hauses zu. Hinter sich weiss der Betrachter die bereits genannte «Duchesse Vanille», die mit ihren pikant dekorierten Tellern nackt durchs Dunkel eilt. Den Rest überlassen Cécile Hesse und Gaël Romier als kluge Geschichtenerzähler dem Betrachter.

Die Ausstellung im Photoforum Pasquart, Biel dauert bis 1. 4., jene in der Galerie TH 13 am Theaterplatz 13 in Bern, bis 14. 4. (Zugang durch das Hermès-Geschäft). (Der Bund)

Erstellt: 13.02.2012, 08:27 Uhr

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