«Das hätte die Schweiz durch eine Besetzung verhindern wollen»

Interview

Eine neue Ausstellung zeigt, wie prekär das Jahr 1938 für Liechtenstein war. Historiker Donat Büchel über die Angst vor Hitler, einen vereitelten Putsch und Einmarschpläne von unerwarteter Seite.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Inwiefern war Liechtenstein 1938 in Gefahr, vom NS-Regime annektiert zu werden? Sehr bedrohlich war zumal die Woche nach dem sogenannten Anschluss Österreichs im März. Niemand wusste, ob die Deutschen danach gleich nach Liechtenstein weiterziehen würden. Am 18. März beschloss Hitler in einer nicht publik gemachten Entscheidung, die Souveränität Liechtensteins vorerst zu respektieren und keinen aktiven Anschluss anzustreben.

Welche Rolle spielte die Schweiz für Liechtenstein in diesem turbulenten Jahr? Eine sehr grosse, da die zwei Länder seit 1924 eine Zollunion bildeten. Wohl auch wegen dieser Zollunion schlugen die Nazis die Causa Liechtenstein zur Causa Schweiz.

Hierzulande ist die Vorstellung weit verbreitet, dass die Schweiz sich damals verpflichtet habe, Liechtenstein im Kriegsfall beizustehen und dass dieser militärische Schutz bis heute gelte. Das ist falsch. Der Bundesrat bläute der liechtensteinischen Regierung schon in den 30er-Jahren und danach wieder ein, dass es keine Hilfe erwarten dürfe, falls es in einen Konflikt mit den Nazis verstrickt werden sollte. Falls die Schweiz ihrerseits allerdings angegriffen worden wäre, hätte sie sich das Recht ausbedungen, in Liechtenstein einzufallen und das Land für Manöver zu nutzen.

Was erhoffte man sich von einer solchen Invasion? Die Angst der Schweizer Militärführung war gross, dass die Deutschen auf den Anhöhen Liechtensteins ihre Artillerie in Position bringen und von dort aus die Ostschweiz beschiessen könnten. Das hätte die Schweiz im Ernstfall durch eine Besetzung Liechtensteins verhindern wollen.

Wie stand die Liechtensteiner Bevölkerung und der Fürst den Nazis gegenüber? War eine nationalsozialistische Revolution denkbar? Die grosse Mehrheit der Bevölkerung war gegenüber Hitler negativ eingestellt. Der Fürst, der greise Franz I., teilte diese Meinung – sicherlich auch deshalb, weil seine Frau Elsa Jüdin war. Das Fürstenhaus unter Fürst Franz Joseph II. und der Landtag kommunizierten immer deutlich, dass Liechtenstein unabhängig bleiben wolle und keinen Anschluss suche.

1939 kam es aber zu einem Putschversuch. Es gab eine nationalsozialistische Bewegung, die «Volksdeutsche Bewegung in Liechtenstein», der zwischen 150 und 300 Liechtensteiner angehörten und die entstanden war, nachdem sich alle Parteien und der Fürst auf eine strikte Eigenstaatlichkeit festgelegt hatten. Die Volksdeutschen wollten 1939 einen Zusammenstoss mit Anhängern des Fürsten provozieren und danach die nationalsozialistischen Truppen in Feldkirch um Hilfe und so ins Land rufen. Die Behörde wusste aber von den Absichten und setzte sich mit Feldkirch in Verbindung, um sich gegen ein Einschreiten abzusichern. Ein Regierungsvertreter traf sich mit den aufmarschierten Umstürzlern, um mit ihnen zu diskutieren, und es gelang ihm tatsächlich, sie von der Sinnlosigkeit ihres Tuns zu überzeugen. Die Revolutionäre gingen unverrichteter Dinge wieder nach Hause.

Welche Folgen hatte der Anschluss Österreichs für die liechtensteinische Monarchie? Der Fürst verlegte seinen Regierungssitz nach Vaduz, was eine grosse symbolische Wirkung hatte. Auch kam es zur Machtübergabe. Der 85-jährige, kränkelnde Franz I. übergab an seinen Grossneffen Franz Josef II., der bis 1989 regieren sollte.

In der Schweiz ist die Flüchtlingspolitik der 1930er- und 1940er-Jahre bis heute ein Thema. In Liechtenstein auch? Die Problematik der nachrichtenlosen Vermögen war nicht so akut wie in der Schweiz. In der Flüchtlingspolitik war Liechtenstein bis 1941 relativ autonom , danach musste es wegen des Zollvertrags die Schweizer Gepflogenheiten übernehmen. Juden hatten wie alle Ausländer die Möglichkeit, das liechtensteinische Bürgerrecht zu kaufen. Das kostete 1934 zirka 20'000 Franken, 1937 waren die Gebühren dann faktisch bereits doppelt so hoch. Das war eine sehr lukrative Einnahmequelle für das damals sehr arme Liechtenstein.

Aber auch eine moralisch sehr fragwürdige Praxis. Ja, das war natürlich eine zweischneidige Angelegenheit. Kritisiert wurde diese Praxis, die in der NS-Zeit etlichen Neubürgern das Leben rettete, allerdings eher von Antisemiten, die eine Zuwanderung von Juden in grosser Zahl befürchteten. Es gab auch Diskussionen darüber, ob Menschen, die überhaupt keinen Bezug zu Liechtenstein hatten, weiterhin im Ausland lebten und nur nach Liechtenstein kamen, um dort den Bürgereid abzulegen, den Pass bekommen sollten. Die Schweiz sah diese Einbürgerungen im Übrigen auch sehr ungern. Von 1941 bis 1963 entschied sie dann darüber, wer in Liechtenstein eingebürgert werden durfte. Bei eingebürgerten Personen, die weniger als zwei Jahre in Liechtenstein gelebt hatten, konnte die Schweiz Einspruch einlegen.

Liechtenstein ist ein sehr kleines Land – gibt es noch Streit wegen der damaligen Turbulenzen? Das weiss ich ehrlich gesagt nicht. Das zeigt dann vielleicht unsere Ausstellung. Die NS-Zeit war jedenfalls lange Zeit ein Tabuthema, die Erinnerung daran traumatisch. Das Thema wird erst seit den 1970er-Jahren und verstärkt seit den 1990er-Jahren aufgearbeitet.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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