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Die Drive-in-Kapelle

Jacques Herzog hat in Andeer GR ein radikal reduziertes Gotteshaus an einer Autobahn entworfen, das sogar Atheisten zur Einkehr einladen könnte.

Besinnung im «Kartenhaus» unmittelbar neben der Autobahn: Visualisierung der geplanten Kapelle bei Andeer (GR). Foto: Herzog & de Meuron
Besinnung im «Kartenhaus» unmittelbar neben der Autobahn: Visualisierung der geplanten Kapelle bei Andeer (GR). Foto: Herzog & de Meuron

Die Kapelle an der Autobahn A13 bei der Bündner Gemeinde Andeer existiert nur auf den Plänen. Aber auf den vom Computer generierten Bildern, die das Architekturbüro Herzog & de Meuron vorgelegt hat, könnte man meinen, sie gehöre so selbstverständlich zur Landschaft wie die grüne Natur und die nahe Strasse.

Was aus der Distanz wie eine weisse Kirche mit Turm aussieht, erweist sich bei näherer Betrachtung als eine Art Kartenhaus, das aus nichts weiter besteht als aus vier rechteckigen Betonplatten, die so aneinandergelehnt sind, das jede die andere stützt und jede von der anderen gestützt wird.

So reduziert wie möglich

Den Innenraum dieser zum Himmel hin offenen Einfriedung, den man durch die schrägen Spalten zwischen den aneinandergelehnten Platten betritt, ist das Foyer, von dem man über eine Wendeltreppe die Kapelle erreicht, die ins Erdreich gebaut ist. Eine der rechteckigen weissen Platten steht hochkant, sodass ihr die Rolle des Turms zukommt – ein weit sichtbares Zeichen dafür, dass es hier um eine kirchliche Einrichtung geht. Das ist gestische Architektur, die so reduziert ist wie möglich.

Im Bereich der Kunst würde man von einem abstrakten Bild reden. Man fühlt sich bei diesem Entwurf an die aneinandergelehnten Stahlplatten von Richard Serra erinnert oder an die Lichträume eines James Turrell. Bei Jacques Herzog, der am Mittwoch in Andeer sein neuestes Projekt der Presse vorgestellt hat, werden diese formalen Impulse aber zu einem neuen Ganzen, das von einer eigensinnigen, ja unerhörten Radikalität ist.

«Ich habe kein Programm für das Bauwerk bekommen, kein Budget und keinen Ort.»

Architekt Jacques Herzog

Für ihn sei dieser Auftrag – ein Direktauftrag des Pfarrers von Andeer – eines der «drastischsten» Projekte gewesen, an denen er je gearbeitet habe, sagt der Architekt. Er erzählt uns bei einem Besuch in seinem Büro in Basel: «Ich habe kein Programm für das Bauwerk bekommen, kein Budget und keinen Ort. Ich musste alles recherchieren und mir im Verlaufe des Entwurfsprozesses selbst klar werden, was für mich, der ich ja selbst kein gläubiger Mensch bin, eine Kapelle überhaupt sein kann.»

Er erzählt von den Irrungen und Wirrungen eines Entwurfsprozesses, der fast ein Jahr gedauert hat. Zuerst dachte er an eine Kapelle über der Autobahn, die erst eine spiralförmige Gestalt annehmen sollte. Dann wollte er die bestehende Brücke mit einem Dach versehen und diesen Übergang zur Kapelle machen. Er dachte an eine Basilika des Alltags, wie er sagt, aber das kam ihm dann wieder zu gross und zu mächtig vor.

Ausblick von der höhlenartigen Kapelle in die Natur. Foto: Herzog & de Meuron
Ausblick von der höhlenartigen Kapelle in die Natur. Foto: Herzog & de Meuron

Nachdem er die Idee einer Brückenkirche verworfen hatte, untersuchte er die Möglichkeiten eines Bauwerks neben der Autobahn. Dabei habe er den Gedanken, dass die Kapelle wie eine Brücke zwei Orte miteinander verbinden sollte, für die weitere Arbeit am Entwurf bewahrt. «Bei jedem Schritt in diesem Entwicklungsprozess», sagt Herzog, «gab es einen Aspekt, den ich für die weiteren Studien aufhob.»

Ihm sei klar geworden, dass er einen Raum schaffen wollte, wo Gläubige und Ungläubige eine besondere Erfahrung machen könnten. Wo jeder Mensch sich selbst spüre, achtsam gegenüber sich selbst werde und Ruhe finden könne. «Die Architektur, das Bauwerk sollte einen Weg beschreiben, der von der lauten Aussenwelt in eine räumliche Situation führt, wo ich zu mir selbst kommen kann», so Herzog. «Es geht mir letztlich nicht um den Glauben, sondern um die Wahrnehmung.»

Jeder Raum hat seine Aufgabe

Nun kommt die Metaphorik des Ohrs ins Spiel, die schliesslich im Verein mit dem Bedürfnis, eine unprätentiöse, ja geradezu unscheinbare Architektur zu schaffen, die sich nicht selbst in Szene setzt, zu einer in den Boden gebauten Kapelle führte. Herzog erzählt von seinem Besuch im Naturhistorischen Museum Basel, das in einer Ausstellung zum Thema Ohr ein riesiges Modell eines Ohres zeigte, das begehbar war.

Das Ohr als architektonische Form war ihm freilich zu anthropomorph und letztlich auch zu anthroposophisch, sodass er sich schnell wieder davon löste. An der Metapher des Ohrs habe ihm, wie er erzählt, aber die Idee gefallen, dass jeder Raum auf dem Weg zum Innenohr seine spezielle Aufgabe habe. Und dass wir, je tiefer ein Klang ins Ohr eindringe, desto mehr von ihm wahrnehmen würden. Ganz ähnlich soll nun auf dem Weg durch seine Kapelle die Wahrnehmung der Besucher gesteigert werden.

Vom Ohr zur Höhle

Aus derlei Überlegungen und Entwürfen schälte sich schliesslich eine halbkreisförmige Höhlenform heraus, die im Erdhügel unter den vier Betonplatten ganz eng beginnt und sich zum Ausgang hin wie ein Horn mehr und mehr weitet. Unterwegs sollen an diesen Gang zwei kleine Kapellen angedockt werden, die Geometrie pur sind. Zum Lesen lädt ein kreisförmiger, von Naturlicht hell erleuchteter Raum ein. Zur Selbstvergewisserung lädt ein orthogonaler Raum, in dem spärliches Aussenlicht und Kerzen den Blick auf eine polierte Wand ermöglichen, die den Raum und die sich darin befindende Person spiegelt.

Wer in diesen Klausen zu sich selbst gefunden hat, der gelangt, sollte die Kapelle je gebaut werden, zum Höhlenausgang, der einen prächtige Blick auf die grünen Wiesen gewährt. Der Pfarrer Jens Köhre beziehungsweise die Kirchgemeinde von Andeer sind überzeugt, dass eine derart reduzierte, vom Architektenstar Jacques Herzog errichtete Autobahnkirche manche Autofahrer zu einem Halt bewegen wird. Sie machen sich jetzt auf die Suche nach Geldgebern.

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