«Wir dürfen nicht mehr so viel graue Energie verbauen»

Weniger ist mehr: Statt auf Hightech setze man beim Bauen besser aufs Natürliche, sagt der Buchautor Marc Lettau.

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Mathias Born@thisss

Marc Lettau, im Buch stellen Sie und Markus Mosimann 16 Holzhäuser vor. Weshalb gibts darunter keine Minergiebauten? Marc Lettau: Man darf daraus folgern, dass wir dem Minergielabel recht kritisch gegenüberstehen. Wir skizzieren ja auch die sinnliche Alternative zum Minergiehaus.

Was ist an Minergiehäusern nicht sinnlich? Minergie verstärkt den Trend hin zur Wohnmaschine – zum Wohnen mit viel Materialeinsatz und viel Haustechnik. Das verändert auch den Umgang mit dem Faktor Mensch: Wenn Menschen wegen der künstlichen Belüftung dazu angehalten werden müssen, die Fenster nicht mehr zu öffnen, dann hat das den Beigeschmack von Entfremdung. Sinnliches Wohnen stelle ich mir anders vor.

Dafür benötigen Minergiehäuser bloss wenig Energie. Sie sind insgesamt also sehr ökologisch. Das stimmt mit Vorbehalt. Heute wird der Energieverbrauch fürs Wohnen stark in den Vordergrund gestellt. Das ist definitiv eine zu einseitige Sichtweise. Wir sollten vor allem weniger nicht erneuerbare Energie verbauen.

Wiegen denn die wiederkehrenden Einsparungen die Energieinvestition beim Bau nicht auf? Wir stehen am Wendepunkt. Vorbildlichste Niedrigstenergiehäuser verbrauchen heute noch rund 40 Megajoule Energie pro Quadratmeter und Jahr. Für den Bau werden aber, umgerechnet auf ihre Lebensdauer, ohne weiteres 80 bis 100 Megajoule Energie pro Quadratmeter und Jahr eingesetzt. Die Zielrichtung ändert sich: Die Energiewende verlangt, weniger Energie zu verbauen.

Was ist positiv an Minergie? Es gibt gute Gründe, das Label auch zu loben. Es hat die Energiediskussion diszipliniert. Früher durfte jeder und jede ungestraft behaupten, ein Haus sei ein spezielles Niedrigenergiehaus. Heute wird die Debatte anhand klarer Kriterien geführt – dank Minergie. Ursprung unserer Kritik sind nicht diese Verdienste, sondern der Umstand, dass Minergie sich nicht vom einzigen Lösungsansatz – der künstlichen Belüftung einer dichten Gebäudehülle – lösen kann und will. Dies hemmt die Suche nach alternativen, weiter gehenden Lösungswegen.

Wenn der Fall so klar ist: Weshalb verlangen Politiker, dass neue Gebäude nach Minergieregeln gebaut werden müssen? Erklärungsbedürftig ist, warum ein bestimmter, technischer Lösungsansatz subventioniert wird. Einfach, logisch und vor allem mutig wäre es, strenge Grenzwerte zu setzen: Werte für die Energie, die ein neues Haus verbrauchen darf, und Werte für die graue Energie, die in den Baustoffen stecken darf. Das wäre eine Revolution.

Sie plädieren für einen Lowtech-Ansatz beim Bauen. Was ist das? Beim Lowtech-Ansatz wird auf viel Haustechnik verzichtet. Die Zwangslüftung fehlt ganz. Oft genügt ein Holzofen. Es werden nur natürliche Materialien eingesetzt, die das Raumklima günstig beeinflussen und die eine gute Energiebilanz aufweisen.

Konkret: Man verzichtet auf Sagex zur Wärmedämmung?

Auch Lowtech-Häuser müssen bestens isoliert sein. Aber ein mit Polystyrol eingekleidetes Haus würde ich nicht Ökohaus nennen. Hier schliesst sich übrigens der Kreis zwischen Energiesparen und Sinnlichkeitsfrage: Intuitiv würden die meisten Leute wohl natürliche Materialien wählen. Diese sind sinnlicher. Zudem weist eine Zellulosedämmung – also etwa ein Dämmstoff aus der verhäckselten, alten BZ – eine um ein Vielfaches bessere Energiebilanz auf als Polystyrol.

Worauf sollte bei der Materialauswahl geachtet werden? Es ist nicht sinnvoll, Baumaterial um die halbe Welt zu karren. Es ist wichtig, auf Rohstoffe zu setzen, für deren Verarbeitung wenig nicht erneuerbare Energie eingesetzt werden muss. Hierzulande bedeutet das oft: Holz.

Bietet ein Haus in Lowtech-Bauweise denn auch Komfort? Was ist Komfort? Nestwärme? Oder die Möglichkeit, per Handy aus den Ferien die Kühlschranktemperatur zu regulieren? In den Häusern, die ich fürs Buch besucht habe, dominiert die wohlige Wärme – selbst in jenen, in denen es nur einen einzigen zentralen Ofen gibt. Dort muss man übrigens morgens vier anständige Holzscheite in den Ofen schieben. Für manche Leute mag dies mühsam sein. Ich sehe darin eher einen Gewinn an Sinnlichkeit – und damit auch an Wohnqualität.

Berner Zeitung

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