«Er hat sich selber plagiiert»

Interview

Der gestern verstorbene Architekt Oscar Niemeyer war ein Star. Seine futuristische Bauweise wurde von namhaften Architekten jedoch immer wieder kritisiert, sagt Axel Simon von «Hochparterre».

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Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Oscar Niemeyer gilt als Architekturlegende. Was hat er besser gemacht als andere? Er steht für eine sehr sinnliche Art der modernen Architektur, die man auch brasilianische Moderne nennt. Er hat in den Fünfzigerjahren angefangen, die strenge Architektur von Le Corbusier oder anderen Europäern in geschwungene Formen zu übersetzen. Es ist eine sehr verspielte Form der modernen Architektur.

Niemeyer hat sich angeblich von den Kurven der brasilianischen Frauen inspirieren lassen. Das hat er immer wieder gerne erzählt, auch noch mit hundert Jahren.

Nehmen Sie ihm das nicht ab? Doch, das ist in der brasilianischen Architektur immer wieder ein Thema. Wenn man ihn auf die Formen seiner Gebäude angesprochen hat, hat er immer von der Landschaft erzählt, den Hügeln, dem Meeresstrand, der Copacabana und den Frauen.

Ist es schwieriger, Kurven zu bauen oder einfach bloss teurer? Es kostet sicher mehr, wobei diese Art zu bauen in den letzten Jahren dank Computer und neuer Fertigungstechniken einfacher geworden ist. Vor fünfzig, sechzig Jahren war es schwieriger, sowohl das Entwerfen solcher Gebäude als auch das Bauen.

Niemeyer hat über 600 Gebäude realisiert. Hat er sich zwischendurch auch neu erfunden? Seine Art der Architektur hat sich in sechzig Jahren erstaunlich wenig verändert. Er ist seiner Linie treu geblieben, soweit, dass er sich in den letzten Jahrzehnten praktisch selber plagiiert hat.

War er also Vorreiter, aber nicht wirklich innovativ? In den Neunzigerjahren haben junge Architekten begonnen, mit den Möglichkeiten des Computers zu experimentieren, mit unregelmässig geschwungenen Formen. Für sie war er Vorreiter und auch spätes Vorbild. Die europäischen Architekten der klassischen Moderne, darunter der Schweizer Max Bill, haben Niemeyers Werke in Brasilien jedoch auch sehr stark kritisiert, seinen asozialen Formalismus.

Was ist damit gemeint? Die Modernisten wollten die Form aus der Funktion heraus entwickeln. Auf gesellschaftliche Bedürfnisse wollten sie mit ihren Gebäuden reagieren. Niemeyer war zwar bis zum Schluss erklärter Kommunist, aber als Architekt war er vor allem ein Ästhet.

Er hat also seine Ideen umgesetzt, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Bedürfnisse der Bewohner? Zumindest war ihm die Form immer näher als die Funktion. Die Gebäude in Brasilia sind ja sein grosses Werk, den Stadtplan entwarf sein Lehrer Lucio Costa. Wer einmal dort war, weiss, dass die Stadt fürs Auto, eigentlich sogar fürs Flugzeug entworfen wurde. Die Menschen und ihr Alltagsleben standen bei der Planung sicher nicht im Mittelpunkt.

Also hat Brasilia, das auf dem Reissbrett entstanden ist, die Auszeichnung als Weltkulturerbe nicht wirklich verdient? Doch, ein Denkmal ist es auf jeden Fall. Es steht für den Aufbruch der Fünfzigerjahre und den Versuch, mitten in der Wüste eine neue Hauptstadt zu bauen und damit ein Zeichen zu setzen. Das haben Costa und Niemeyer dort fantastisch umgesetzt. Es ist eindrucksvoll, ein Gesamtkunstwerk. Aber eben nicht sehr lebenswert.

War Niemeyer mutig oder war es früher einfacher, so futuristisch zu bauen? Es war sicher einfacher. Es gibt ja ein paar solcher Städte, die man aus dem Boden gestampft hat, etwa von Le Corbusier in Indien oder Louis Khan in Bangladesh. Damals war man sicher kühner als heute. Niemeyer war schon mutig. Auch politisch hat er sich immer wieder in die Nesseln gesetzt. Während der brasilianischen Diktatur war er lange im Exil in Paris. Er ist immer für seine Architektur eingestanden und hat sich nie angepasst, bis zuletzt.

Welches ist für Sie als Architekt sein eindrücklichstes Werk? Als ich in Brasilia war, war ich ein bisschen enttäuscht von den Gebäuden. Die sind auf Fotos sehr beeindruckend. Wenn man aber drinnen ist, überzeugen viele räumlich nicht mehr so sehr. Beeindruckt hat mich sein früheres Wohnhaus in Rio. Das steht in einem grünen Villenquartier am Hang. Ins Haus hat er einen grossen Felsen integriert, der halb im Pool steht und halb in den Wohnraum ragt. Alles ist geschwungen, überall stehen Skulpturen nackter Frauen. Das eher kleine Haus hat etwas sehr Frisches, das später verloren gegangen ist bei ihm. Beim Bauen ist es ja wie mit dem Autofahren: Vielleicht sollte man mit Achtzig oder Neunzig damit aufhören.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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