«Bloss keine zweite Europaallee»

Der renommierte Architekturtheoretiker Vittorio Magnago Lampugnani sieht im geplanten Hochschulgebiet an der Rämistrasse eine Chance für Zürich. Bildungsinstitutionen auszulagern, sei der falsche Weg.

Visualisierung des geplanten Hochschulgebietes im Zentrum von Zürich: Die Neubauten sollen sich dezent ins bestehende Ensemble einfügen. Foto:

Visualisierung des geplanten Hochschulgebietes im Zentrum von Zürich: Die Neubauten sollen sich dezent ins bestehende Ensemble einfügen. Foto:

In den 70er-Jahren hat man Teile der Universität Zürich und der ETH an den Stadtrand verlegt. Ist es nun sinnvoll, dass man Fakultäten wieder ins Zentrum zurückholt?
Aus meiner Sicht ist das unbedingt sinnvoll. Universität, ETH und das Universitätsspital gehören ins Zentrum der Stadt. Zunächst ganz egoistisch: Architekturstudenten sollten dort sein, wo sie die Architektur auch sinnlich erleben. Aber nicht nur unsere, alle Studentinnen und Studenten bereichern eine Stadt. Sie haben einen positiven Einfluss und können das Quartierleben verbessern. Es spricht alles dafür, Bildungs­institutionen in der Stadt zu halten und dort auch möglichst zentral zu versammeln. Umso bedauerlicher sind in meinen Augen die früheren Entscheidungen: die problematische Auslagerung von Fakultäten auf den Hönggerberg und auf den Irchel.

Waren die Auslagerungen auf den Irchel beziehungsweise den Hönggerberg falsch?
Ich finde sie ausgesprochen betrüblich. Natürlich hätte man nicht alles an der Rämistrasse ausbauen können und vielleicht auch nicht dürfen. Aber es gibt in Zürich das Kasernenareal, es gibt den Kreis 5 – es gibt zahllose Quartiere und Gebäude, die sich gut geeignet hätten für eine Umnutzung. Man hätte in den vielen brachliegenden Industriegebieten, die in Zürich ja innerstädtisch sind und für die zum Teil verzweifelt Auf­gaben gesucht werden, sicherlich einen Platz für die Hochschulen gefunden. Die Architekturstudenten etwa hätte man wunderbar in einer der Kasernen unterbringen können. Das wäre viel besser gewesen, hätte aber im Gegensatz gestanden zur städtebaulichen Ideologie der 60er- und 70er-Jahre: die säuberlich nach Funktionen getrennte Stadt, das Studieren im Grünen, der Campus-gedanke – wobei Zürich ja keine echten Campusareale im amerikanischen Sinne hat. Zudem wollte man die Studenten, die damals etwas aufmüpfiger waren als heute, nicht gern in der Stadt haben. Dafür war man bereit, tief in die Tasche zu greifen: Die damaligen Auslagerungen etwa auf den Hönggerberg waren sehr teuer.

Gibt es nicht zu viele Pendler, wenn die Hochschulgebäude im Zentrum um 40 Prozent erweitert werden?
Ich bin kein Verkehrsexperte, aber ich denke, das dürfte kein Problem sein. Die meisten jungen Leute, die auf dem Hönggerberg studieren, fahren, wenn sie pendeln, auch über den Hauptbahnhof. Und dann müssen sie sich noch den Berg hochquälen, erst mit der Strassenbahn und dann mit dem berüchtigten 69er-Bus. Es ist ein grosser Vorteil des Standortes an der Rämistrasse, dass er zentral ist und zu Fuss vom Bahnhof erreichbar.

Wenn das Projekt realisiert wird, wie wichtig ist dann die ­Architektur? Müssen die Neubauten so formvollendet sein wie ihre Vorgänger?
Es ist immer wichtig, dass Architektur schön ist; wenn sie gar formvollendet ist, umso besser. Die architektonische Qualität ist auch für die Ausstrahlung der Institutionen und der Stadt extrem wichtig. Natürlich ist zu hoffen, dass auch heute noch so bedeutende Bauten entstehen wie bei der Gründung der ETH, als Gottfried Semper eines seiner Meisterwerke schuf, oder der Universität, deren Lichthof von Karl Moser mich immer wieder fasziniert. Das architektonische Thema, das sich heute stellt, ist allerdings ein anderes: Die Gebäude an der Rämistrasse waren von vornherein als Solitäre konzipiert wie in Wien die öffentlichen Prachtbauten entlang des Rings. Wenn man jetzt ein neues Bildungs- und Wissenschaftsquartier plant, wird das Zusammenspiel der Bauten ein ganz anderes sein. Sie werden nicht in Einsamkeit thronen dürfen wie die Hauptgebäude der ETH und der Uni, sondern werden miteinander ein viel engeres städtisches Ensemble bilden müssen.

Wie problematisch finden Sie es, wenn denkmalgeschützte Bauten abgerissen werden müssen?
Adolf Loos hat den wunderbaren Satz gesagt, eine Veränderung, die keine Verbesserung sei, sei eine Verschlechterung. Wenn man beim Abriss eines historischen Gebäudes davon ausgehen kann, dass einem schöneren modernen Gebäude Platz gemacht wird, wäre ich nicht zimperlich. Aber diese Sicherheit ist eine trügerische und schwierige. Man weiss immer, was man verliert, nicht aber, was man gewinnt. Doch das darf nicht dazu führen, auf das Neue zu verzichten. Denn sonst wären viele Dinge, die wir in unseren Städten haben und inzwischen lieben, nie entstanden.

Wie sieht es mit dem ­Universitätsspital aus? Muss es wirklich im Zentrum der Stadt sein?
Ich bin überzeugt, dass es gut ist, wenn das Universitätsspital in der Nähe der Universität und damit der Forschung angesiedelt ist. Es ist eine grosse Qualität, wenn die Universitäten und die Krankenhäuser Teil der Stadt sind und nicht ausgelagerte Anhängsel. Zugleich muss man Sorge tragen, dass der bestehende Ort im Zentrum der Stadt nicht überlastet wird, was bei dem aktuellen Projekt fraglos eine Gefahr ist. Ich habe die Planungsgeschichte des neuen Masterplans nicht verfolgt, gehe aber davon aus, dass alle alternativen Standorte in der Stadt sorgfältig geprüft wurden. Zürich hat ja eine ungewöhnlich hohe Planungs­kultur.

Wie geht es nun weiter?
Die zentrale Frage lautet für mich: Wie werden sich der im Übrigen weiterhin andauernde Aus- und Aufbau des Hönggerbergs und jener des Irchelareals zu dem geplanten Quartierneubau im Zentrum der Stadt verhalten? Was kommt in die neuen Bauten, was wird weiterhin ausgelagert? Es ist letztlich die Frage, wie man die verschiedenen Fakultäten auf sinnvolle Weise verteilt – darüber gibt der am Montag vorgestellte Film zum Masterplan keinerlei Auskunft, und darum lässt sich auch kein fachlich begründetes Urteil fällen. Im Film ist auch nichts zu finden zu den Nutzungen der Erdgeschosse. Man erfährt auch nichts darüber, welche Gebäude abgerissen werden sollen und warum. Schliesslich stellt sich auch die Frage der Kompatibilität: Wie viel verträgt das nicht sehr grosse Areal hinter den Hauptgebäuden der Hochschulen an zusätzlicher Kubatur? Was für Strassen- und Platzräume entstehen? Welchen Charakter werden die Neubauten haben? Was für eine Atmosphäre wird das neue Quartier ausstrahlen? Welche Identität wird es wie erhalten? Es wäre schön und wünschenswert, wenn nicht eine zweite Europaallee entstehen würde.

Sind Sie pessimistisch?
Nein, ich bin optimistisch: Die exponierte und atemberaubend schöne Lage verlangt geradezu einen besonnenen Eingriff. Der architektonisch anspruchsvolle Bestand ruft nach unaufgeregten, zeitlosen und gleichermassen anspruchsvollen Neubauten. Und die universitären Bewohner werden das neue Quartier mit intensivem und hoffentlich auch ansteckend heiterem Leben füllen.

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