Als Fotografie grosse Kunst wurde

Das Fotomuseum Winterthur und die Fotostiftung Schweiz würdigen den Berner Balthasar Burkhard in einer grossen Retrospektive.

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Das mit der Farbe haben nicht alle verstanden. Wenige Monate vor seinem Tod im April 2010 zeigte der Berner Fotograf Balthasar Burkhard in Kriens LU seine ­neusten Arbeiten: Landschaften und Blumen, in Farbe. Zwei Zyklen von fast unerträglicher Schönheit. Viele, die in Burkhard den Meister der Schwarzweissfotografie sahen, fühlten sich vor den Kopf gestossen. In der Retrospektive seines Werks, die heute in Winterthur eröffnet wird, erscheint der Schritt zur Farbe aber folgerichtig. Man schreitet in der Ausstellung, die in der Fotostiftung beginnt und im Fotomuseum endet, das Werk chronologisch ab und wird so zum Komplizen der ungewöhnlichen Entwicklung.

Die geht von einem Tabubruch zum anderen, aber chaotisches Vorwärtsstürmen war Burkhards Sache nicht. Der vom Schweizer Meister Kurt Blum aus­gebildete Fotograf brauchte Zeit, um die jeweiligen Phasen im Kopf, aber auch technisch nachzuvollziehen. Eigenhändig Abzüge zu machen, war ihm eine Ehrensache, wie sich der Fotograf und Filmemacher Bernhard Giger erinnert, der 2004 einen Dokumentarfilm über den berühmten Berner fürs Schweizer Fernsehen drehte. «Ich bin ein Fotograf und nicht ein Fotokünstler», sagt Burkhard in diesem Film.

Die Eintrittskarte zur Kunst

Heute, fünfzehn Jahre später, sieht man das anders: Burkhards Eingebung, seine Fotografien als riesige Tableaus zu präsentieren, machte nicht nur ihn zum Künstler – es war auch die Eintrittskarte der Fotografie in die Welt der Kunst. Erst dank dem Grossformat begann man sie als Kunst ernst zu nehmen – wie ernst, beweisen heute nicht nur die Auktionspreise deutscher Fotografen wie Andreas Gursky oder Thomas Struth, sondern auch die Allgegenwart des Mediums im zeitgenössischen Schaffen. Burkhard, 1944 geboren, machte (auch im räumlichen Sinn) grosse fotografische Kunst vor den Becher-Schülern, und so kann man in der Retrospektive der Verschwisterung von Kunst und Fotografie auf die Spur kommen.

Es ging auch um die richtigen Motive. Es war Burkhards ernsthafter Blick, der im Unscheinbaren existenzielle Wichtigkeit entdeckte und dieser zum grossen Auftritt verhalf. Wer hätte vorher gedacht, dass ein isoliert dargestelltes Männerbein, eine Nacktschnecke oder ein schäbiges Bett Präsenz genug haben, um ganze Ausstellungswände zu füllen? Sie haben. Burkhards Freund, der Künstler Rémy Zaugg, sprach von «auratischer» Präsenz. Präzis in die Architektur der Ausstellungshallen eingepasst, wirkten Burkhards Bilder in der Berner oder Basler Kunsthalle wie gigantische Offenbarungen einer neuen Kunstgattung. Die sie auch waren, auch wenn es damals nicht allen bewusst war. Sah Harald Szeemann, seit 1961 Direktor der Kunsthalle Bern und somit auch Ingenieur des Berner Kunstaufbruchs, seinen Hoffotografen Balz (so wurde Balthasar abgekürzt) als einen Künstler? Vielleicht nicht, doch das kümmerte niemanden.

Das Plakat für Szeemanns legendäre Ausstellung

Wichtig war, dass der coole Balz (­Pilotenbrille, Bundfaltenhose, Citroën-Fahrer) wie selbstverständlich zur Entourage des charismatischen Kurators gehörte. Als dokumentierender Fotograf hatte er freien Zugang zu allen heiligen Brutstätten der Konzeptkunst-Avantgarde. Für die legendäre Ausstellung «When Attitudes Become Form» 1969 in der Kunsthalle Bern lieferte er sogar das Plakatsujet: eine bräunliche Fotografie von frisch gepflügter Erde. Aus dieser verfertigten Burkhard, Szeemann, Jean-Frédéric Schnyder und Markus Raetz ein Gemeinschaftskunstwerk mit einer diagonal angebrachten Leuchtröhre. Es lieferte sogar der Ausstellung ihren zweiten Titel: «Live in Your Head».

Damals, und auch an der Documenta 5, die zu leiten Szeemann bald berufen wurde, machte Burkhard Freundschaften fürs Leben – mit Künstlerinnen und Künstlern. Längst handelte er nach den Prinzipien der Konzeptkunst. Es zählte, was man im Kopf ersann. Das Objekt musste durch den Gedanken erst zum Leben erweckt werden. So war das vielleicht typischste Werk seiner frühen Kollaboration mit Markus Raetz das Foto eines Vorhangs, das auf eine Leinwand übertragen wurde, die ihrerseits wieder lose wie ein Vorhang hing – das war Fotografie und Kunst zugleich. Burkhard und Raetz arbeiteten über mehrere Jahre eng zusammen, «da haben sich zwei Richtige gefunden», sagt Giger.

Endlich in höheren Sphären

Burkhard zog trotzdem weiter, er unterrichtete in Chicago an der University of Illinois, wollte Hollywood-Schauspieler werden (und schaffte es im Film «Eiskalte Vögel» von Urs Egger wenigstens ans Filmfestival von Locarno), porträtierte wilde Tiere (woraus das reizende Kinderbuch «Klick!, sagte die Kamera» entstand) und konnte in den Neunzigern dank eines lukrativen Werbevertrags mit dem Berner Büromöbel-Hersteller USM Haller endlich einen lang gehegten Traum verwirklichen und die Bilder der Welt von oben, aus der Luft, einfangen. Schon sein Vater war Pilot und ein hoher Beamter im Bundesamt für Luftfahrt.

Auf Burkhards Bildern verwandelten sich Sahara, die Alpen oder Los Angeles in formatfüllende Ornamente aus eckigen und runden Formen in vielen Grautönen – denn am Schwarzweiss hielt er hartnäckig fest. Trotz aller konzeptionellen Freiheit blieb er der gewissenhafte Schüler Kurt Blums, dem die Regeln der klassischen Fotografie tief ins Herz eingeschrieben waren. Gerade bei diesen späten Bildern würde sich ein Vergleich mit dem Star der Kunstwelt, Andreas Gursky, anbieten. Auch er ein Schüler strenger Lehrer, auch er mit einer Vorliebe für Landschaften und Städte von oben. Der Geist, aus dem sich die Werke bei den beiden Vertretern von zwei aufeinanderfolgenden Generationen speisen, könnte aber unterschiedlicher nicht sein. Gursky arbeitet wie ein Wissenschaftler, objektiviert seine Tableaus mit allen Mitteln, bis die Reihen von Häusern und Bäumen wie aufgespiesste Insekten strammstehen. Burkhards Bilder scheinen dagegen noch beinahe romantisch, sie sprechen von einer fast transzendenten Überwältigung durch die ­Natur, Städte wirken wie organisch ­gewachsene Wunderwerke.

Im letzten Saal der Ausstellung dann: Blumen. Mohnblüten in Klatschrot und Knallgelb vor Schwarz, Stiele, verrenkt wie beim Ballett. Wieder eine Inszenierung, die aus dem Staunen geboren ist. Wieder eine Komposition, die die Zeit zum Stillstand bringt. Selbst die Ver­renkungen der Blütenstiele erscheinen einem wie ein Echo der Highway-Schleifen von Los Angeles im Saal daneben. Man denkt an den Puristen Mondrian, der neben seinen Farbflächen immer auch Blumen malte. Man denkt an René Burri, der neben seinen Schwarzweiss-Klassikern immer auch in Farbe fotografierte, sein Diachrome-Archiv aber erst 80-jährig der Welt zeigte. Und man denkt an Burkhard. Warum nicht Farbe? Und warum nicht Blumen?

Fotostiftung Schweiz und Fotomuseum Winterthur, 10. 2.–21. 5., Vernissage Freitag 18 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2018, 20:57 Uhr

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