Zu Besuch in HR Gigers Geisterhaus

Belinda Sallins Dokumentarfilm «Dark Star – HR Gigers Welt» porträtiert den kürzlich verstorbenen Alienschöpfer hautnah. Man erlebt ihn als exzentrischen Künstler, aber auch als normalen Partner und Katzenfreund.

Mehr als eine Homestory: Giger und sein Haus scheinen eine Einheit zu bilden.

(Bild: zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Die Kamera nähert sich einem verwitterten Haus, fährt eine Treppe hoch, bis sich – wie von Geisterhand – eine Türe öffnet. So beginnt Belinda Sallins Dokumentarfilm «Dark Star – HR Gigers Welt».

Die 47-jährige Zürcher Journalistin und Dokumentarfilmerin war seit ihrer ersten Begegnung mit dem Künstler Hansruedi Giger im Jahr 2011 regelmässiger Gast in dessen mit Totenschädeln, Schrumpfköpfen und Kunst vollgestopftem «Geisterhaus».

Sie hat den Alienschöpfer und Airbrush-Gruselmeister hautnah porträtiert. Kurz nach Ende der Dreharbeiten, im Frühling dieses Jahres, ist HR Giger mit 74 Jahren verstorben.

Faszination für den Tod

«Ich möchte einen offenen Blick auf den Menschen Hansruedi Giger und auf sein Werk ermöglichen. Ein Blick, der möglichst frei ist von Vorurteilen und Moralvorstellungen», sagt Sallin über ihre Motivation. Das gelingt: Im Laufe des mit 95 Minuten etwas gar lang geratenen Filmes taucht man ein in Gigers düstere Kunst, man lernt seine exzentrische Lebensweise kennen – es wird erst nach Einbruch der Dunkelheit gearbeitet–, entdeckt aber auch seine ganz normalen, liebenswürdigen Seiten.

Dass Giger während der Dreharbeiten bereits gesundheitlich angeschlagen war, ist offensichtlich. Die Kamera (Eric Stiztel) begleitet den Schwergewichtigen, wie er sich in Zeitlupentempo eine knarrende Holztreppe hoch wuchtet oder von seiner Frau Carmen Maria Giger gestützt werden muss. Giger und sein Haus mitten in Zürich scheinen eine Einheit zu bilden, seine Kunst und sein Leben sind nicht voneinander zu trennen.

Der stets in Schwarz gekleidete Künstler erzählt von seiner frühen Faszination für den Tod. Er präsentiert seinen ältesten Totenschädel, den ihm sein Vater vermacht habe. Giger, der in Chur als Sohn eines Apothekers aufwuchs, zog als Kind den Schädel an einer Schnur hinter sich her. «Damit konnte ich zeigen, dass ich keine Angst vor dem Tod habe.»

Dämonische Frauen

Den Tod zu bannen – ein Schlüssel zu seinem Werk? In Sallins Film kommt auch der Psychiater und Giger-Kenner Stanislav Grof zu Wort. In Gigers Geisterbahn rund um das Haus erkennt dieser eine «perinatale Reise». Giger habe sein Geburtstrauma verarbeitet. Dafür sprächen die engen Tunnel, die dämonischen Frauen und die leidenden Föten in seiner Bilder- und Skulpturenwelt.

Dass Giger Mensch und Maschine zu neuen Wesen vereint, deutet Grof als realistische Zukunftsvision. Leslie Barany, Produzent des Filmes «H.R. Gigers Sanctuary » (2007), doppelt nach: «Es ist der Realismus, nicht das Fantastische, das Gigers Werk so merkwürdig macht.»

Merkwürdiger als Giger selbst sind seine voll tätowierten Fans, die ihn mit «Master» ansprechen und sich während Signierstunden seine Initialen auf den Arm schreiben lassen. Ein in den «falschen» Kreisen Berühmtsein, das dazu führte, dass Giger bis Mitte der Neunzigerjahre von der elitären Kunstszene geschnitten wurde. Zum Glück wurde der Meister noch vor seinem Tod von Kuratoren und Kritikern wiederentdeckt und rehabilitiert.

Sallins Film schneidet das Thema Rezeption zwar an, setzt aber einen anderen Fokus. Man hat am Ende den Menschen hinter dem «Dark Star» besser kennen gelernt. Einen Giger, der seine Siamkatze Müggi heiss liebt, der vor dem Einschlafen mit seiner Frau «Nosferatu» im Fernsehen guckt und dessen Schwiegermutter ganz schön stolz auf ihn ist.

Dark Star – HR Gigers Welt läuft ab Donnerstag im Kino.

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