TV-Kritik: Wenn Insider plaudern

TV-Kritik

Beim zweiten «Medienclub» widersprachen sich die hochkarätigen Gäste kaum. Und einmal mehr zeigte sich, dass das Thema «Qualität der Medien» diffus ist. Es braucht einen klaren Fokus.

  • loading indicator
Christian Lüscher@luschair

Man war keineswegs von den Reaktionen aus dem Netz überrascht, als das Schweizer Radio und Fernsehen seinen zweiten «Medienclub» zum Thema «Ueli Maurers Medienschelte – Einheitsbrei, Rudeljournalismus, mangelnde Tiefe» ankündigte. Journalisten kommentierten auf Twitter, dass wieder einmal eine Diskussionsrunde zum mauen Thema Qualität stattfinde. Wie langweilig.

Die Kommentare sind nachvollziehbar. Denn wo über Qualität und Journalismus diskutiert wird, kommt selten was Neues und Tiefgründiges heraus. Die Debatten sind geprägt von Pauschalurteilen. Das war letzten Samstag bereits auf SRF 2 zu beobachten. Gleich zwei Sendungen machten die Medienkrise zum Thema. Einmal in Bilanz Standpunkte «Medienkrise: Wer überlebt?». Später in NZZ Standpunkte «Mathias Döpfner – Stirbt die Zeitung?».

Die twitternden Journalisten sollen Recht bekommen. Der «Medienclub» war erwartet eine dieser drögen Qualitätsdebatten. Der Hauptgrund dürfte in der Zusammensetzung der Gästerunde liegen. Da sassen sich mit SRG-Generaldirektor Roger de Weck, Verleger Norbert Neininger, Professor Kurt Imhof, «Schweiz am Sonntag»-Chefredaktor Patrik Müller und Tamedia-Verwaltungsrat Iwan Rickenbacher zwar spannende Vertreter der Medienbranche gegenüber. Doch nahmen im Studio auch fünf Persönlichkeiten Platz, die im Prinzip nicht die gleiche Sprache redeten. Widersprochen wurde einander selten. Es war streckenweise ein Abspulen von «Werbespots», was nicht weiter erstaunt, denn es sassen ja ausschliesslich Chefs in der Runde.

Das zeigte sich gleich zu Beginn, als die Moderatorin fragte, ob Ueli Maurers Vorwurf denn richtig sei, dass in den Medien ein sogenannter Einheitsbrei herrsche. Neininger sagte zusammengefasst: «Undifferenziert war die Rede Maurers.» Rickenbacher: «Wir wollen keinen Einheitsbrei. Sonst könnten wir das Papier sparen. Ausserdem sind die Leser nicht dumm. Die Schelte Maurers war in diesem Punkt daneben.» De Weck: «Ich sehe ein Bedürfnis nach Differenzierung. Zeitungen sind in Ausländerfragen sehr stark. In wirtschaftspolitischen allerdings nicht.» Imhof: «Die Medienkonzentration in der Schweiz ist viel schlimmer als einst das Bierkartell.» Müller: «Es gibt den Einheitsbrei in den Themen. Innerhalb der Themen gibt es allerdings eine Vielfalt.» Fünf interessante Urteile, die allerdings nicht vertieft und ausdiskutiert wurden. Dabei wäre dies nötig gewesen, denn in Umfragen beklagt das Publikum stets einen Einheitsbrei.

Sämtliche Facetten zum Thema Qualität wurden von der Moderatorin im Schnellzugstempo in die Runde geworfen. Da wurde über den Abbau der Korrespondentennetze diskutiert (Neininger: «Der grösste Verlust ist die Auslandberichterstattung, sie ist vielerorts provinziell»), über das Quotendenken der Medien (Müller: «Am Fall Carlos kam kein Medium vorbei. Überall war dies die meistgelesene Geschichte»), über Medienhäuser und ihre Unabhängigkeit (Rickenbacher: «Es gibt bei Tamedia keine politischen Seilschaften»), das Überangebot an Webseiten (De Weck: «Wir sind umgeben vom Internet. Es ist eine wunderbare Plattform zum Diskutieren, der Journalismus leidet allerdings»), über Gratisangebote (Imhof: «Der Prestigewert des Journalismus nimmt ab»). Alles spannende Aussagen. Der rote Faden in der Diskussion fehlte allerdings oft.

Tempo und Relevanz

Als inhaltliche Highlights gelten zwei Passagen. Als Verleger Neininger den Faktor Tempo aufgriff, sagte er: «Das Tempo überfordert uns. Politiker, Journalisten, alle.» Hier hätte die Runde klären müssen, ob die Geschwindigkeit in der heutigen Informationsgesellschaft tatsächlich Grund für einen Qualitätszerfall ist. Oder das Gegenteil zutrifft: Tempo als ebenso wichtiges Kriterium wie Relevanz, Gewichtung und Einordnung. De Wecks Forderung, man müsse das Tempo mit Recherche brechen, blieb allein im Raum stehen. Dabei würde hier jeder Onlinejournalist zu Recht protestieren.

Und als zweiten Höhepunkt sei der kurze Disput zwischen De Weck und Müller zu erwähnen, der leider wirklich zu kurz ausfiel, denn der Debatte hätte es gutgetan. Müller versuchte aufzuzeigen, dass ein Rückgang an der Kritik der Mächtigen feststellbar sei. Im Bundeshaus würden SRG-Journalisten gegenüber Vertretern der Politik mit einer gebeugten Haltung herumlaufen. Das war für De Weck zu viel. Er sprach von hochverdienten Mitarbeitern und forderte Müller auf, seine Aussage «mit mehr als mit Körpersprache» zu belegen. Müller nannte gute Beispiele. Doch De Weck wechselte das Thema. Die Moderation hätte hier beim Chef hartnäckig nachhaken müssen.

System der Parteizeitung

Rückblickend war der zweite «Medienclub» – es war schon beim ersten der Fall – eine Diskussion unter Insidern. Die Macher der Sendung haben es verpasst, das Thema Qualität in den Medien für das breite Publikum fassbar zu machen, die Komplexität zu reduzieren und mit Beispielen aufzuwarten. Stattdessen schnitt man sämtliche Themen an, verzichtete aber auf einen klaren Fokus. Sinnbildlich steht dafür der Schluss. Die Rolle der Frau in den Medien wurde kurz thematisiert, aber eigentlich total verspielt.

Was bleibt vom zweiten Medienclub haften? Konnte die Kernfrage «Wie gut sind die Schweizer Medien?» beantwortet werden? Eindeutig Nein. Der Medienclub konnte punktuell zwar mit ein paar pointierten Aussagen Akzente setzen (Neininger: «Ich habe nach den Abstimmungen zehn Zeitungen gelesen und ich bin nicht dümmer geworden.»; Rickenbacher: «Wer will zurück zum System der Parteizeitung? Als sich der Chefredaktor der ‹Appenzeller Zeitung› als Ständerat noch selbst kommentieren konnte?»). Doch die Sendung war über weite Strecken schwer greifbar. Möglicherweise auch deshalb, weil zwei Stimmen fehlten: ein Publikumsvertreter und ein einfacher Journalist. Sie hätten aus ihrem Alltag berichten können, wie sie den Wandel tatsächlich erleben. Das wäre aufschlussreich gewesen und mit Sicherheit hätte es auch mehr Kontrapunkte gegeben.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt