Von Narren im Tanz zwischen Realem und Surrealem

Thun

Die neue Ausstellung im Kunstmuseum Thun zeigt Werke des Kanadiers Marcel Dzama sowie je eine kleine Werkschau der jungen Künstlerpositionen Augustin Rebetez und U5.

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Maskierte Männer und Frauen, Schiffe, die untergehen, Männer, die an Bäumen hängen, Frauen, die durch die Lüfte fliegen. Hasen, die Pfeife rauchen, Wale, die als bemanntes U-Boot im Meer schwimmen, nackte Frauen und Männer, die sich in einem Raum begegnen. Urinierende Männer, sich selbst befriedigende Frauen. Fabelwesen, die halb Tier und halb Mensch sind, Totengräber, die zum letzten Tanz auffordern. Oder da ist die Prinzessin, die sich hinter einem wallenden Schleier versteckt, oder der Mann im Rollstuhl, der seine Sehnsüchte in Träumen lebt.

Ob bewaffnete Herrscher oder tanzende Ballerinen in Strapsen, ob auf Papier oder als Skulptur: Das multimediale Werk des kanadischen Künstlers Marcel Dzama in der neuen Ausstellung im Kunstmuseum will entdeckt und betrachtet werden. Ein Schnelldurchlauf wäre schade. Um die Botschaften und die Sprache der dichten, lebendigen und teils filigranen Bildwelten zu erfassen, zu verstehen und zu hinterfragen, braucht es Lust, Zeit und Musse. Doch gerade das lohnt sich und regt an für eigene Überlegungen.

Das dumpfe, hohle Gelächter

Dzamas Ausstellungstitel «Hollow Laughter» kann als «dumpfes Gelächter» übersetzt werden. Dieses bezieht sich vor allem auch auf die Narren in seiner Kunst und steht ebenso für das hohle, höhnische und manchmal gemeine Gelächter als soziale Interaktion in manchen Situationen des Lebens. «Es ist meine erste Ausstellung in der Schweiz», freut sich der 40-Jährige. Museumsdirektorin Helen Hirsch hatte den Künstler vor drei Jahren in New York entdeckt und alles daran gesetzt, ihn und seine Kunst zwischen Illusion und Magie nach Thun zu holen. «Die meisten gezeigten Werke sind aus Sammlungen in Deutschland und Italien», sagt sie. Doch ein Werk hat Marcel Dzama gleich selbst aus seinem Wohnort in New York mitgebracht: «Der 35-minütige Videofilm ‹Une danse des bouffons› erfährt im Kunstmuseum in Thun seine Premiere in Europa.»

Der surrealistische Film ist eine Hommage an sein Vorbild Marcel Duchamp, den französisch-US-amerikanischen Maler, Objektkünstler und Mitbegründer der Konzeptkunst. Dieser tritt in der Ausstellung in Dzamas Werken immer wieder in Erscheinung, ebenso der Dadaismus und der Surrealismus.

Irrgarten lustvoller Gedanken

Dzamas Werke regen zum Nachdenken an, verwirren, amüsieren, verblüffen, sind nie langweilig. In eigenen Universen werden existenzielle Themen vereint. Der Kanadier verführt in einen Irrgarten unterschiedlicher Zeiten und lustvoller Gedanken. Er zeichnet auf Papier oder Notenblätter für automatische Klaviere, verarbeitet etliche Motive in Collagen, hält mit Installationen oder in Dioramen (Bildschaukasten) Sketches und Szenen fest.

Sicher ist: Die meisterliche Kunst wie auch die menschlichen Abgründe ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

Ein 2-jähriger Sohn

Dzama hat bereits als Kind regelmässig gezeichnet und hat als Jugendlicher Sketchbücher veröffentlicht. Seine Werke werden von China bis nach Südamerika gezeigt. Er spielt Gitarre und Schlagzeug und ist mit der 38-jährigen Künstlerin Shelley Dick, einer Ureinwohnerin aus Kanada, verheiratet. Sie haben einen 2-jährigen Sohn. Nach dessen Geburt ist Dzamas Lieblingswerk entstanden: Eine Tuschzeichnung zeigt Figuren, die an die italienische Renaissance erinnern, und ist ebenfalls in Thun ausgestellt. Auf Dzamas Figuren, denen auch etwas Narrenhaftes innewohnt, sind zwei kleine Werkschauen von den Schweizer Künstlerpositionen Augustin Rebetez und U5 abgestimmt.

Rebetez verführt das Publikum mit einer interaktiven Installation, die er mit Giona Bierens De Haan im Raum selbst vollendet hat. Das Künstlerkollektiv U5 setzt auf die Verarbeitung von Alltagsmaterialien zu veränderbaren Universen. Illustrationen zum satirischen mittelalterlichen Versgedicht «Das Narrenschiff» ergänzen die Ausstellung.

Wenngleich sich Narren und Närrisches wie ein roter Faden durch die neue Ausstellung ziehen – die Ausstellung ist eine ernst zu nehmende Begegnung mit verblüffenden Bildwelten, die sich für eine tiefgründige Auseinandersetzung und Reflexion anbieten.

www.kunstmuseum-thun.ch

Thuner Tagblatt

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