Im Labyrinth, wo Klees «Übermut» zu Hause ist

Bern

Michael Baumgartner gilt als einer der besten Klee-Kenner weltweit. Wir haben mit dem langjährigen Chefkurator und Forschungsleiter das verwinkelte Reich hinter den Kulissen des Zentrums Paul Klee (ZPK) erkundet.

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Oliver Meier@mei_oliver

«Bitte nicht anfassen», sagt Michael Baumgartner, freundlich, aber bestimmt, und zieht sich weisse Handschuhe an. Baumgartner soll für den Fotografen posieren. Er tut es vor einem der bedeutendsten und wertvollsten Gemälde, die das Klee-Zentrum in seiner Obhut hat. «Übermut» heisst das Werk.

Drei Figuren sind darauf zu sehen, jede auf der Suche nach dem Gleichgewicht. Paul Klee hat es 1939 im Berner Exil geschaffen, ein Jahr vor seinem Tod. Nun steht es im weitläufigen Hinterreich des Klee-Zentrums, Abteilung Restaurierung. Hell ist es hier. Und ruhig. Zwei Mitarbeiterinnen sind konzentriert bei der Arbeit.

«Übermut» geht demnächst auf Reise. Das Centre Pompidou in Paris plant eine Klee-Ausstellung. Ein spezielles Verpackungssystem soll das fragile Gemälde vor Erschütterungen schützen. Versicherungswert? «Geben wir nicht bekannt», antwortet Baumgartner. Und sagt dann doch: «Bei solchen Werken kann es schnell mal in die zweistelligen Millionenbeträge gehen.» Michael Baumgartner, Jahrgang 1952, ist Abteilungsleiter «Sammlung, Ausstellungen, Forschung», mithin der Chef hier. Aber er muss dies nicht zeigen. Übermut? Ist seine Sache nicht. Nüchtern, mit ruhig-sonorer Stimme gibt er Auskunft. Doch man spürt in jedem Moment, wie ihn der Kosmos Klee noch immer packt und bewegt, auch nach Jahren.

Auf Umwegen zu Klee

Baumgartner und Klee, das war keine Liebe auf den ersten Blick. Seine Dissertation schrieb er über das Frühwerk von Dieter Roth, das Zeitgenössische interessierte ihn mehr. Noch 1996, als ihn die Paul-Klee-Stiftung als wissenschaftlichen Mitarbeiter anstellte, war Baumgartner alles andere als ein Klee-Enthusiast.

«Klee erschien mir etabliert, und ich dachte, zu entdecken und zu erforschen gäbe es nicht mehr so viel.» Heute, fast zwanzig Jahre danach, gilt er als einer der besten Klee-Kenner weltweit, und das Archiv, das er leitet, als führende Forschungsstelle, auch wenn es um Expertisen geht.

«Typische Berner Idee»

Als Baumgartner bei der Klee-Stiftung begann, kamen die Diskussionen um den Nachlass und die möglichen Standorte eines monografischen Museums gerade in Gang. Dass man die Klee-Werke erst im ehemaligen Progymnasium unterbringen wollte, kommentiert er heute als «typische Berner Idee» – und gibt deutlich zu verstehen, was er davon hielt.

Das Projekt einer «Landschaftsskulptur» im Schöngrünquartier aber, mäzeniert von Maurice Edmond Müller, dieses Projekt habe ihn von Anfang an begeistert, beteuert Baumgartner. Und alle Diskussionen, die noch folgten – um die leidigen Finanzen, um Betriebsbeiträge von der öffentlichen Hand? Baumgartner hält sie für kleinmütig angesichts dessen, was hier geschaffen worden ist, hier, an der Autobahn Richtung Oberland, Monument im Fruchtland 3, 3000 Bern.

Dass der grosse Ausstellungsraum im Mittelhügel für die oft kleinformatigen Klee-Bilder eine Herausforderung darstellt, räumt er ein. Aber er sagt auch: «Man muss ihn halt bespielen können.» Baumgartner führt den Besucher durch das Hinterland des ZPK. Ein Labyrinth aus Gängen, fast schon kafkaesk, kaum zu erahnen jedenfalls für Ausstellungsbesucher, die sich in den öffentlichen Räumen tummeln. Überall hängen Kameras, das Licht hat Wohnzimmerstärke, ist von UV-Strahlen befreit. Alles zum Schutz der Bilder.

Futuristischer Augensensor

Dann steht Baumgartner vor der «Schatzkammer». Hier lagern 4000 Werke, rund 40 Prozent von Klees Gesamtwerk, ein Grossteil davon sind Papierarbeiten. Nur fünf Personen haben Zutritt ins Lager, und auch sie kommen nicht ohne weiteres hinein. Es gibt einen futuristischen Augensensor, es gibt zwei Schleusen. Dahinter herrschen beste Bedingungen für die Kunstwerke: genau 20 Grad, Luftfeuchtigkeit 50 Prozent.

Heute versuchten auch Privatbesitzer möglichst ideale Bedingungen für ihre Sammlungen zu schaffen, erzählt Baumgartner. Früher sei man in dieser Beziehung viel sorgloser gewesen. Im dritten Hügel ist die Administration untergebracht. Man schreitet durch ein Grossraumbüro mit vielen Topfpflanzen, nicht einmal der Direktor hat ein abgeschottetes Einzelbüro. Baumgartner führt nach hinten in die Dokumentationsabteilung, öffnet Schränke mit Hängeregistern und Karteikarten.

«Klee war der Buchhalter unter den Künstlern. Hier sind alle rund 9300 Werke verzeichnet, die Klee selber eingetragen hat, laufend nummeriert, mit Angaben zu Titel, Technik, Ausstellungen und Verkäufen.» Zu jedem Werk gibt es eine Dokumentationskarte. Doch nicht zu allen Karten gibt es auch eine Abbildung.

Klee ist neben Picasso der besterforschte Künstler

«Es gibt Werke, von denen wir wissen, dass sie existieren, aber nicht, wie sie aussehen», erklärt Baumgartner. Der grösste Moment für den Klee-Forscher ist, wenn er eine offene Karteikarte einem neu entdeckten Werk zuordnen kann. So wie bei einem der beiden Klee-Aquarelle, die 2012 in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt gefunden wurden.

Klee, neben Picasso der besterforschte Künstler, hält Baumgartner noch immer auf Trab, als Chefkurator ebenso wie als Forschungsleiter. «Das Interesse an Klee ist in den letzten Jahren enorm gestiegen», sagt er. Gibt es grosse ungelöste Fragen? «Es gibt noch immer etwa 300 Klee-Werke, von denen wir nicht wissen, wo sie sind.»

Berner Zeitung

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