«Die Löhne widerspiegeln den Beitrag zum Gemeinwohl nicht»

Michael J. Sandel ist einer der weltweit einflussreichsten Philosophen. In seinem neuen Buch«Gerechtigkeit» vertritt der Harvard-Professor die Ansicht, enorme Lohndifferenzen etwa seien «ausserordentlich schwer zu begründen».

«Es gibt kein individuelles Leben ausserhalb der Gesellschaft Felix Clay» «The Guardian»

«Es gibt kein individuelles Leben ausserhalb der Gesellschaft Felix Clay» «The Guardian»

(Bild: («The Guardian»))

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Folter gilt gemeinhin als ungerecht. Nehmen wir nun aber den Fall an, dass mein Kind entführt wurde und ich jemanden festhalte, von dem ich glaube, dass er weiss, wo es versteckt wird. Ist Folter dann gerechtfertigt? Ich würde sagen, nein. Das Hauptargument derjenigen, die sich für Folter aussprechen, ist ein utilitaristischer Grund. Im Wesentlichen bedeutet er, dass die Zahlen ausschlaggebend sind. Man darf einen Menschen foltern, um zwei, drei oder auch Tausende von Menschen zu retten. Der Haupteinwand gegen die Folter ist ein Argument von Immanuel Kant. Er hat ausgeführt, dass es nicht zulässig sei, einen Menschen zu foltern, selbst um eine beliebig hohe Zahl von Menschen zu retten. Dies beruht auf dem Begriff der Würde des Menschen, die unverletzlich sei. Es sei eine kategorische Pflicht für jeden Menschen, die Würde eines anderen zu achten.

Sie scheinen weder die eine noch die andere Ansicht zu vertreten. Ja. Es gibt noch ein drittes Argument, das es bei dieser Diskussion einzuführen gilt. Bleiben wir bei Ihrem Beispiel und nehmen wir einmal an, Sie könnten durch die Folter dieses Terroristen oder Verbrechers nicht nur Ihr eigenes Kind retten, sondern auch die Kinder von zehn anderen Menschen. Nehmen wir weiterhin an, dass Sie durch die Folter des Verbrechers selbst den Aufenthaltsort Ihres Kindes gar nicht herausfinden könnten, sondern nur, indem Sie die 14 Jahre alte Tochter dieses Terroristen foltern. Selbst die heftigsten Verfechter der utilitaristischen Befürwortung der Folter würden nicht sagen, es sei gerechtfertigt, ein unschuldiges Mädchen zu foltern, um an die Wahrheit zu kommen.

Das Argument, dass der Nutzen Folter rechtfertigt, fällt also in sich zusammen. Ja. Die moralische Versuchung, sich für die Folter auszusprechen, liegt also nicht in dem zu erwartenden Nutzen, also in der Zahl der geretteten Menschen, sondern in unserer Unterstellung, in unseren Gedanken, dass der Terrorist oder Verbrecher ein böser Mensch sei, der es verdiene, gefoltert zu werden.

Verdient nicht einmal der Terrorist die Folter? Wenn er wirklich ein Terrorist ist, der viele schreckliche Verbrechen begangen hat, würde er es möglicherweise verdienen. Obwohl es dann noch eine weitere moralische Frage ist, wer das Recht hätte, ihn zu bestrafen. Das müsste man dann noch zusätzlich erörtern. Fazit: Es gibt drei grundsätzlich unterschiedliche Argumente für die Theorie der Gerechtigkeit. Erstens das utilitaristische Denken, Maximierung des Nutzens oder Beförderung der Gesamtmenge an Glück. Das zweite Gedankenkonstrukt ist die kantische Lehre von der Achtung der Würde jedes Menschen. Und die dritte Theorie beruht darauf, dass Gerechtigkeit bedeutet, jedem Menschen das zukommen zu lassen, was ihm zusteht, was er verdient.

2007 verdiente ein amerikanischer CEO das 344-Fache des Lohnes eines durchschnittlichen Arbeiters. 1980 betrug die Differenz das 42-Fache. Ist es gerechtfertigt, dass jemand so viel mehr Einkommen erhält? Nein, lautet meine kurze Antwort. Länger und komplizierter wird es, wenn man begründen will, warum es ungerecht ist, dass so riesige Einkommensunterschiede bestehen. Die Theorien der Gerechtigkeit, die ich in meinem Buch darstelle, bieten unterschiedliche Sichtweisen dazu an, welches Mass an Ungleichheit noch vereinbar ist mit einer gerechten Gesellschaft. Die erste Theorie ist die des Marktliberalismus: Die liberalistische Theorie besagt, dass alles, was sich in einem freien Markt, in einer freien Marktwirtschaft an Unterschieden in der Einkommensverteilung ergeben mag, per Definition schon gerecht ist. Der freie Markt sichert Gerechtigkeit. Ich stelle diese marktliberale Sicht so angemessen dar, wie ich kann, obwohl ich mit der Theorie des reinen Marktes nicht einverstanden bin.

Teilen Sie dagegen die Meinung von John Rawls, dass Einkommensunterschiede nur dann gerechtfertigt sind, wenn sie den am wenigsten Begüterten zugute kommen? Ich bin mit diesen Teilüberlegungen von John Rawls einverstanden, obwohl ich seiner Gesamttheorie nicht zustimme. Ich möchte noch ein Argument anführen, das mit seiner Theorie nicht übereinstimmt. Mein Argument, das ich zusätzlich habe gegen diese extreme Ungleichheit – dass etwa ein HedgefondsManager tausendmal mehr verdient als ein Primarlehrer –, ist das folgende: Bei einem solchen krassen Lohnunterschied wird der echte Wert des Beitrags zum Gemeinwohl, den die einzelnen Menschen erbringen, überhaupt nicht widergespiegelt. Der Wert, den ein Hedgefonds-Manager oder ein Schullehrer für das gemeinsame Gut, für das Gemeinwohl erbringen, ist eben so nicht auszudrücken; und ich bin der Meinung, dass die Vergütung eines Menschen für seine Arbeit auch die Bedeutung seiner Arbeit für das Gemeinwohl widerspiegeln sollte. In dieser Hinsicht ist es also ausserordentlich schwer zu begründen, weshalb einem Manager tausendmal mehr zustehen sollte als einem Lehrer. Das ist mein wichtigster Einwand.

Sie lehren in Ihren Vorlesungen, dass es das Individuelle jenseits des Gesellschaftlichen gar nicht gibt, weil es stets eingebettet ist in eine Gemeinschaft. Genau so verhält es sich doch. Es gibt kein individuelles Leben ausserhalb der Gemeinschaft. Die Menschen werden immer in konkrete, bestimmte Lebensverhältnisse hineingeboren, in denen sie dann auch existieren.

Sie beschreiben und analysieren Gerechtigkeit anhand konkreter Einzelfälle. Sehen Sie denn kein normatives Prinzip, ein kantisches A priori der Gerechtigkeit vor jeder Erfahrung? Gibt es die Gerechtigkeit als solche nicht, sondern nur verschiedene Gerechtigkeiten? Es gibt so etwas wie die Gerechtigkeit! Ich bin kein Relativist und auch nicht der Meinung, dass man Gerechtigkeit ausschliesslich in Bezug auf konkrete Anwendungsfälle, die in Raum und Zeit verortet sind, erläutern kann. Aber die Frage ist: Wie bekommen wir das, was Gerechtigkeit wirklich ist, zu fassen? Wie können wir die Gerechtigkeit jenseits der konkreten Beispiele definieren? In dieser Frage stimme ich mit Aristoteles und Sokrates überein. Erst durch die Beispiele bekommen wir Gerechtigkeit zu fassen. Sokrates fragte sich auch, was Gerechtigkeit sei – und er brachte die Dialektik, seine Gesprächskunst, ins Spiel. Mittels Unterredungen, mittels Beispielen und Argumenten versuchte er das zu erfassen, was den Begriff Gerechtigkeit ausmacht.

Die moderne europäische Philosophie sucht im Unterschied zum angelsächsischen Denken eher normative Prinzipien. Deduktion anstatt Induktion. Obwohl es auch hier Unterschiede gibt: Mein Lehrer Gadamer dachte griechischer als etwa Jürgen Habermas. Wenn Sie an Ihre Studienzeit zurückdenken, werden Sie sich erinnern, dass diese beiden Philosophen, für die ich die höchste Achtung hege, zu dieser Frage unterschiedliche Ansätze vertraten. Mein eigener Ansatz ist näher an dem von Gadamer als von Habermas. Ich versuche diese unterschiedlichen Ansätze in meinem Buch auch wiederzugeben und komme gegen Ende zu einem ganz entscheidenden Argument für meine Position: Es ist nicht möglich, Gerechtigkeit an und für sich zu definieren. Es ist nicht möglich, die Frage nach dem Gerechten abzulösen oder vollständig zu abstrahieren von den Fragen: Was ist das Gute? Oder: Was ist das gute Leben? Ich vertrete vielmehr die Ansicht, dass unsere Rechte und Ansprüche, mithin eben das, was Gerechtigkeit insgesamt ausmacht, sich ohne Rückgriff auf einen Begriff des Guten oder des guten Lebens nicht bestimmen lassen. Hierin unterscheide ich mich von der kantischen Denkschule, zu der John Rawls oder Jürgen Habermas gehören. Diese Philosophen sagen, dass die Frage nach dem Gerechten getrennt werden müsse von der Frage nach dem Guten beziehungsweise dem guten Leben.

Gilt das auch für den Begriff der Menschenwürde? Ja, natürlich. Um zu bestimmen, was die Achtung der Menschenwürde ausmacht, müssen wir uns selbst immer wieder in Gespräche über das einlassen, was das Gute ist. Was im einzelnen Fall Menschenwürde bedeutet, ist umstritten

Tages-Anzeiger

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